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999 Tage vor Olympia 2020 in Tokio

Viele Japaner glauben an eine erneute Zeitenwende durch die Sommerspiele. Die Kosten steigen derweil rasant

  • Von Lars Nicolaysen, Tokio
  • Lesedauer: 4 Min.

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Für Japan war es eine Zeitenwende. Die Olympischen Sommerspiele in Tokio 1964 signalisierten die Wiederauferstehung Japans als Industrienation nach den Verwüstungen des Zweiten Weltkrieges. Viele der heutigen Wirtschaftslenker der inzwischen drittgrößten Volkswirtschaft der Welt erlebten damals als Kinder mit, wie der berühmte Shinkansen am 1. Oktober 1964 rechtzeitig zu den Spielen die Ära der Hochgeschwindigkeitszüge einläutete. Wie moderne Autobahnen aus dem Boden schossen, westliche Toiletten aufkamen und die Eröffnungsfeier und Schlusszeremonie der Spiele in Farbe übertragen wurden. Alles Symbole für Japans Wirtschaftswunder.

Bei vielen japanischen Wirtschaftsführern dürfte denn auch ein Gefühl von Nostalgie mitschwingen, wenn die Olympischen Spiele in 999 Tagen nach Tokio zurückkehren. Das mag auch die enorme Summe an Sponsorengeldern in Höhe von 300 Milliarden Yen (2,2 Milliarden Euro) erklären, die die Wirtschaft für 2020 aufbringt, weitaus mehr als bei früheren Olympischen Spielen und drei Mal mehr als anfangs erwartet.

Mit Olympia 2020 werden in Japan denn auch fast naiv hohe Erwartungen an einen Effekt wie 1964 geknüpft. Vor allem die gegen scharfe Konkurrenz aus Südkorea und China kämpfenden Elektronikriesen hoffen, Japans Ruf als Hightechnation wiederherzustellen - auch wenn die guten alten Zeiten für Sony & Co kaum wiederkommen dürften. Ob Brennstoffzellen-Fahrzeuge, Roboter, die Erfrischungsgetränke bedienen oder Hightech-Befeuchtungsanlagen gegen Tokios schwüle Sommerhitze - Japans Elektronikkonzerne scheuen keine Kosten, um die Spiele für eine Marketingkampagne zu nutzen.

Es sollen die »aufregendsten Spiele aller Zeiten« werden, versprechen die Organisatoren. Mehr als 10 Millionen Besucher aus aller Welt werden erwartet. Schätzungen zufolge wird Tokio zum Olympiajahr mit rund 25 000 zusätzlichen Hotelzimmern aufwarten, rund 26 Prozent mehr als 2016. Nicht nur inländische Hotelbetreiber, sondern auch ausländische wollen von der wachsenden Nachfrage profitieren, zumal das Inselreich schon jetzt einen Touristenboom erlebt.

Bis es los geht, gibt es noch andere Herausforderungen. Zum Beispiel die Kosten. Seit Tokio den Zuschlag für 2020 erhielt, haben sich die Ausgaben verdoppelt: Anfangs lagen die Schätzungen bei 730 Milliarden Yen, derzeit liegen sie bei rund 1,4 Billionen Yen (rund 10,5 Milliarden Euro). Zwar wurden unter anderem durch Nutzung bestehender Anlagen die Kosten teils gesenkt, doch hält das Internationale Olympische Komitee (IOC) weitere Kürzungen für nötig.

Wegen der stark gestiegenen Kosten musste auch der Plan für das neue Nationalstadion überarbeitet werden. Inzwischen geht der Bau emsig voran. Doch Geld ist nicht das einzige Problem der Organisatoren: Nach Plagiatsvorwürfen musste ein neues Logo gewählt werden.

Kopfschmerzen bereitete auch der Streit um den Umzug des weltberühmten Tokioter Fischmarkts Tsukiji, wodurch die Baupläne für die geplante Ringstraße 2, der Hauptverkehrsader zwischen dem Olympischen Dorf und den Austragungsorten, durcheinander gerieten.

Sorge um die Gesundheit der Aktiven kam jüngst auf, als bei Wasserproben am Austragungsort für die Triathlonwettbewerbe im Odaiba Marine Park von Tokio E.Coli-Bakterien in einer Konzentration vom bis zum 20-Fachem des erlaubten Wertes gemessen wurden. Die Stadtverwaltung führt dies auf Rekordregenfälle zurück. Sportdirektor Koji Murofushi versicherte jedoch, dass Maßnahmen zur Verbesserung der Wasserqualität ergriffen würden, eine Verlegung sei nicht nötig.

Um die extreme Sommerhitze für die Sportler und Besucher etwas erträglicher zu machen, wird erwogen, die Straße für die Marathon-, Geh- und Rad-Wettbewerbe mit einer speziellen Beschichtung zu versehen, die die Temperatur der Straßenoberfläche senkt.Er sehe die weiteren Aussichten »sehr positiv«, auch wenn es noch Herausforderungen gebe, sagte Cheforganisator Toshiro Muto. Auf die Frage nach dem Schutz vor möglichen Erdbeben und Tsunami vor oder während der Spiele erklärte er, Japans Hauptstadt gehöre zu den Städten der Welt, die am besten auf Katastrophen vorbereitet seien.

Im März 2011 war der Nordosten von einem verheerenden Erdbeben und einem gewaltigen Tsunami heimgesucht worden, in dessen Folge es im 240 Kilometer von Tokio entfernten Atomkraftwerk Fukushima zu Kernschmelzen kam. Um zur wirtschaftlichen Wiederbelebung der Region beizutragen, werden die Auftaktspiele des Olympia-Gastgebers Japan im Baseball und Softball 2020 in der Provinz Fukushima stattfinden. dpa/nd

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