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Schweigen

Leo Fischer über die gesellschaftliche Pflicht, mit Rechten zu reden, und das Buch zur neuen Staatsräson

  • Von Leo Fischer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Es ist schon so weit, dass man nicht mal mehr dagegen sein darf. Der Satz von Sibylle Berg: »Die Zeit des Redens ist vorbei« (»Spiegel online«) ließ alle Alarmglocken schrillen: »Bild«-Chef Reichelt sah die Diktion der RAF, Jan Fleischhauer einen Aufruf zu maßloser Gewalt. Alles, was nicht Reden ist, ist Gewalt, ist schon Terrorismus, wie auch alle, die gegen Nazis protestieren, Linksextremisten sind. So viel ist übrig vom Nachkriegskonsens, von der »wehrhaften Demokratie«. In den Neunzigern hat man die Lichterketten-Aktionen und den Aufstand der Anständigen verlacht. Mittlerweile wäre es schön, wenn es wenigstens den wieder gäbe.

Reden also muss man neuerdings. Es besteht die gesellschaftliche Pflicht, mit Rechten zu reden, will man sich nicht strafbar machen. Das Buch zur neuen Staatsräson heißt folgerichtig »Mit Rechten reden«, mit Per Leo, Daniel-Pascal Zorn und Maximilian Steinbeis von gleich drei hochgelehrten Männern verfasst. Der Ton des Buchs ist relaxt; als weiße Männer mit akademischem Hintergrund ist ihr Kampf gegen Rechts eben kein Überlebenskampf, sondern ein »Sprachspiel«. Bei Wittgenstein bleibt es nicht, die drei kommen mit ganzen Bergen an Büchern anmarschiert, damit klar ist, wer hier den Hut aufhat. Der Gestus ist olympisch.

Sehr viele Hinweise, wie denn mit Rechten zu reden wäre, entnehme ich dem Buch nicht, außer dass man nicht mehr Nazi sagen soll. Dafür erhalte ich Dutzende schräge Allegorien, die wahrscheinlich als »Denkbilder« o.s.ä. gelten sollen: »Das Zimmer kann man durch zwei Türen betreten, die sich an den beiden Seitenwänden befinden, über jeder Tür ist ein Schild angebracht, auf dem linken steht Für Opfer, auf dem rechten Für Täter«, und so weiter. Von ihrem eigenen Metaphernsalat sind die Autoren sichtlich angetan: »Vor allem aber haben wir das rechte Sprachspiel aus unterschiedlichen Perspektiven immer wieder kreisförmig beschrieben, zuerst als Pendelschwung, also einen Kreisbogen, dann als Zirkel und Teufelskreis.«

Eindeutig wird das Buch da, wo Linke in die Schranken gewiesen werden: »Ohne die Linke ist die Rechte nichts. Aus eigener Kraft vermag sie nichts, weder in Gedanken noch im Sein. Die Rechte ist Wille zur Macht ohne Kraft zur Gestalt. All ihre Mittel hat sie der Linken gestohlen, während diese mit sich selbst beschäftigt war.« Das klingt schön markig.

Die Autoren widmen sich »moderaten Rechten« - für gewaltbereite Neonazis, glauben sie, hätte die Gesellschaft bereits Antworten. Eine kühne These, die mit jedem im NSU-Prozess überraschend verstorbenen Zeugen ein bisschen kühner wird. Deren Widersprüche und Opfergebaren wollen sie aufzeigen - und haben dabei vor allem doch Verständnis. Während Linke als wehleidige, »no pasarán«-schreiende Windbeutel gezeichnet werden, findet man kaum böse Worte gegen die Rechten. Denen wollen sie »Angebote« machen, ihren »geistigen Bürgerkrieg« einzustellen. Die dann so aussehen: »Der eine Schritt, den ihr [die Rechten] dort gehen müsstet, könnte euch zu der Einsicht verhelfen, dass die Skepsis sich selbst auffrisst, wenn sie dogmatisch die Unmöglichkeit von Erkenntnis behauptet. Alles Wissen beginnt mit Unwissen, und viele Fragen sind auch nach hartnäckigen Versuchen immer noch unbeantwortet.« Da wird dem Kubitschek verblüfft die Lesebrille in den Ziegenkäse gefallen sein. Bei Gott, ja! Das ist es!

Wenn es darum geht, Rechte mit Allerweltsweisheiten auszustatten, sind die Autoren freigiebig, gleich ob zu Flüchtlingen (»Jura ist komplex«), Redefreiheit (»das Grundgesetz ist nicht euer Feind«), Rassismus (»Menschen sind unterschiedlich«). Das wäre noch erträglich, würde es nicht an jeder Stelle orgeln vor akademischer Selbstgefälligkeit (»Per Leo ist Historiker und Bestsellerautor«) und Herablassung gegenüber jenen, die mehr für Rechte haben als warme Worte: »Darum sind unsere linken Freunde in der Auseinandersetzung mit der Rechten die falschen Ratgeber. Wir sagen das ohne jeden Hohn.«

Das Sprachspiel ist in Wahrheit dieses: Für Liberalos, die so doof sind, das Gespräch mit Nazis zu suchen, schicken sie stets die kultivierten Typen in den Anzügen, die Nietzsche und Hölderlin gelesen haben. Das freut die Liberalen, die sie auch gelesen haben und ihr kulturelles Kapital validiert haben wollen; dann glühen die Bäckchen auf der Podiumsdiskussion. Für alle anderen gilt weiterhin: Mit Nazis lieber nicht reden. Ihre Reaktionen sind dann meistens auch viel interessanter. Einfach mal ausprobieren!

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