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Der Glaubenskrieger

500. Reformationstag: ZDF zeigt Schwerpunkt zu Martin Luther

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 3 Min.

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Der Trick, mit Angst Politik zu machen, ist weniger neu als mancher Populist denkt. Das Copyright auf diese Form der Machtergreifung hat demnach weder Donald Trump noch Viktor Orban, geschweige denn Björn Höcke oder Alexander Gauland. Eingereicht wurde es von der christlichen Kirche. Wie ihr dies gelang, zeigt die Krönung eines Themenschwerpunkts zum 500. Reformationstag am heutigen Montag: Mit Blitz und Donner garniert ein Kirchenagent (diabolisch: Armin Rohde) zu Beginn des ZDF-Dramas »Zwischen Himmel und Hölle« die Drohung vom Fegefeuer, dem man allein per Ablass entkommen könne.

Beeindruckt vom Budenzauber gibt der Pöbel sein letztes Geld, auf dass dem Papst der Petersdom erwachse und dem Bischof fettes Fleisch zum Mittag. In Gottes Namen. Doch den führt auch einer vom selben Glauben, aber andrem Holz im Schilde: Martin Luther. Nachdem der telegene Mönch zuletzt im Ersten von Devid Striesow eher feist verkörpert wurde, ist nun der feinere Maximilian Brückner dran. Zum Jubeltag stellt ihm das Zweite statt der üblichen 90 Minuten fast das Doppelte an Primetime zur Verfügung, um das Bild des Reformators zu verfeinern. Das Ergebnis: es gerät noch opulenter, noch authentischer, noch vielschichtiger als in Dutzenden Biopics mit Darstellern von Robert Shaw über Ben Becker bis Stacy Keach.

Bevor er seine 95 Thesen ans Kirchentor zu Wittenberg schlägt, spielt der Film-Luther daher eine Partie Rugby im Schlamm, Schiedsrichterbeleidigung inklusive. Die Kulisse, der Alltag, das Elend - Regisseur Uwe Janson will die Zeit spürbar in ihrer Komplexität zeigen und zugleich quotentaugliches Historytainment. Also auch einen Mittelalter-Promi, den Ulrich Thein 1983 noch zum DEFA-Sozialisten gemacht hat und Ralph Fiennes 20 Jahre später zum sexy Grübler. Brückner hingegen interpretiert seinen Luther als emotionalen Glaubenskrieger, dem beim Wormser Reichstag die Stimme versagt, bevor er mit Gleichgesinnten die Menschheit umkrempelt.

Gut, wie Martin Luther und Thomas Müntzer (Jan Krauter) mit ihren Frauen Katharina von Bora (Frida-Lovisa Hamann) und Ottilie von Gersen (Aylin Tezel) durchs weltliche Reich des gottlosen Klerus reisen, wurde natürlich angemessen modernisiert. Es spricht folglich niemand Niederdeutsch und das Mittelalter bleibt bei aller Akribie doch vergleichsweise rein. Dennoch: während die Luthers der Film- und Fernsehgeschichte bislang eher Wunschvorstellungen als Geschichtswissenschaft waren, kommt diese Darstellung dem Superstar der deutschen Geschichte vermutlich am nächsten. Im Jubiläumsjahr steht halt selbst dem Unterhaltungsfernsehen der Sinn nach Bandbreite.

Deshalb beschränkt sich das ZDF nicht auf den topbesetzten Hochglanzfilm, sondern flankiert ihn mit einem umfassenden Rahmenprogramm. Zur besten Sendezeit etwa konzentriert sich »Das Luther-Tribunal« dabei am Feiertag auf »Zehn Tage im April«, wie der Untertitel des Dokudramas den Versuch der katholischen Kirche umschreibt, 1521 in Worms ihre Macht zu sichern. Roman Knižka gibt den Titelheld hier zwar ein wenig privatfernsehtauglicher, und all die filmischen Mätzchen zwischen den Historikeraussagen sind eher Effekthascherei als zielführend. Aber so wird Geschichte heutzutage verabreicht. Kindgerecht verarbeitet wird das Thema hingegen am 31. Oktober ab 15 Uhr beim KiKa, bevor »Das Projekt der 1000 Stimmen« um 22 Uhr im ZDF ein »Pop-Oratorium« zeigt, bei dem allerlei Chöre die Reformation vertonen.

All den Sendungen im ZDF-Kosmos vom Hauptprogramm über 3sat bis ZDFinfo ist vor allem eines gemeinsam: So wie der Revoluzzer einst die Angst seiner Mitmenschen besiegt hat, vermag es seine Lehre vom freien Gewissen auch heute. Das wäre mal eine Lehre aus dem Reformationsoverkill im Jubeljahre 2017.

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