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Werden wir nachdenklich?

Das Museum Barberini in Potsdam zeigt die Ausstellung »Hinter der Maske. Künstler in der DDR«

  • Von Harald Kretzschmar
  • Lesedauer: 5 Min.

Wie es im Ostteil der nun gesamtdeutschen Bundesrepublik zugegangen sein soll - es wird bis zum Überdruss wiederholt. Diese ununterbrochen beklagte Vormundschaft, der vier Jahrzehnte eine kreativ wirkende Künstlerschaft dortzulande ausgesetzt war! Das Deutungsdogma wird kaum kritisch hinterfragt. Plötzlich war eine neue Vormundschaft da. Bei der Vereinigung der bis dato rivalisierenden Staaten passte man das, was sich dort »Bildende und Angewandte Kunst« nannte, dem Schema der Sieger an.

Traurig genug, wie schnell das Potenzial einer widerborstig vitalen Kunst im Feuer der Verbrüderung verglühte. Was blieb, war Asche. Nur der Phönix der Bevormundung stieg daraus auf. Der fragte nur noch: Warst du für oder gegen die Diktatur?

Das allertraurigste an dem Vorgang war die plötzliche Wehrlosigkeit der im bisherigen Staatsgebilde wach und widerständig Herangebildeten. Wer auf eigenständig neue Art Kunst machte, wurde von befreundeten Bürgerrechtlern in die Einheit geleitet. Statt Widerstand war neue Anpassung an vorhandene Schemata gefragt. Reflektierten irgendwelche Kunstwerke die dramatischen Umstände der Umwandlung vieler Werte? Praktizierte Erfahrung ergab eine andere Mentalität - kam sie zum Tragen? Zweimal Nein.

Der Schmerz darüber ertrank im Jubel der »Wahnsinn« Schreienden. Wir leben heute im 27. Jahr danach. Die Kunstszene wird von Marktinteressen komplett dominiert. Die Sicht auf einen »Osten« bleibt bis weit hinter Moskau außen vor. Die immer farblos diffuser werdende »Documenta« in Kassel ignoriert sie. Die Museen in den Stammländern des Staates blockieren eine Sichtbarmachung. Die große Frage lautet: Werden wir endlich nachdenklich?

Das mit zwei Ausstellungen ausländischer Kunst bereits prachtvoll eingeführte Museum Barberini Potsdam wagt sich, diese Frage zu stellen - mit einer spektakulären Ausstellung. Da gibt es das große Plus: Sponsor Hasso Plattner hat ein Herz dafür. Das wirkt nach der Neuerrichtung des Prachtgebäudes bis in die Schaffung eines warmherzigen Galerie-Ambientes. Großzügige Leihgaben aus anderen Sammlungen erleichtert es da, wo sonst der »Westen« gern blockiert. Am Rhein dominiert eben immer noch bis ins Auswärtige Amt und die Goethe-Institute hinein der kleinkarierte Bonner Blick. In der Weltstadt Peking blamieren sich beide zur Zeit damit, die Kunstgeschichte der BRD in einer Überblicksschau immer noch kastriert westlastig zu präsentieren.

Den ehemaligen Außenminister und jetzigen Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier sollte das schon interessieren. Er war es, der diese Ausstellung zur Kunst in der DDR, die sich durchaus vieldeutig »Hinter der Maske« nennt, eröffnete. Weder sein Vorgänger Gauck noch die Bundeskanzlerin haben leider jemals der Kunst ihrer angestammten Heimat eine solche Reverenz erwiesen. Dass Steinmeier nun von einem »Meilenstein« neuer Erkenntnisse sprach, ehrt ihn. Ist es nun der Stein, der uns Betroffenen endlich vom Herzen fallen darf? Oder fällt er uns wieder auf die Füße? Findlinge dieser Art erinnern an eine Eiszeit, die bei uns eine anmutige Seenlandschaft hinterließ. Auf denn - nehmen wir die analoge Kunstherrlichkeit in Augenschein.

87 Namen stehen für einen Ausschnitt aus einer Fülle zur Geltung gekommener Begabungen. Ölmalerei dominiert. Fotografisches und Konstruktives abstrahiert. Plastisches akzentuiert. Bronzen füllen den Mittelsaal der ersten Etage. Da können einem schon die Augen übergehen. Schlichtes Menschenmaß herrscht. Anrührendes Menschwerden wird spürbar. Die schon zahlreiche Besucherschar des ersten Öffnungstages war baff. Wie konnte man nur so viel variable Ausdruckskraft in jene Menschendarstellung investieren, die anderswo damals längst als unmodern abgehakt war? Porträts von vorn, hinten, seitlich, oben, unten, immer irgendwie mit tieferer Bedeutung. Bilder von Geselligkeit entfalten spannungsvoll oder entspannt menschliche Beziehungen. Welch seltsamer Kontrast zum heute Üblichen: Das bunt gefärbte, von allen Werbekanälen kommende Dauergegrinse der selfie-genormten Visagen - beherrscht es inzwischen bereits unsere Sehgewohnheit und Kunstinspiration?

Fragen über Fragen. Das Verwunderlichste: Reihenweise hängen da Bilder, die sowohl Selbstbewusstsein wie auch Zweifel ausdrücken. Dienst an der Kunst nach Vorschrift - so hieß es doch immer. Und nun dies? In welcher Bildecke taucht denn nun der gebietende Staat auf? Ach so, der bestand auf der Erkennbarkeit der Welt. Wieso dann aber diese Ausflüge ins Abstrakte, ins Nackte, ins Vertrackte? Kunstbonzen als Malerfürsten sind wohl doch eine Legende. Sparen wir uns ihre Namen. Es gibt genug andere. Paul Michaelis, Siegfried Klotz, Norbert Wagenbrett, Thomas Ziegler oder Dieter Weidenbach produzieren ihr Selbstbild sehr verschieden. Hans Grundig, Bert Heller, Elisabeth Voigt oder Rudolf Nehmer stehen fürs Archaische. Stefan Plenkers, Hartwig Ebersbach, Frieder Heinze oder Gerda Lepke für Aufbruch. Alternativ darf Strawalde die beiden Peterfreunde Graf und Hermann begleiten.

Ob janusköpfig oder ironiegesättigt in der Akademiesauna: Immer wieder ist ein Harald Metzkes unverzichtbar. Die zugewanderten, nun kuratorisch wirkenden Valerie Hortolani und Michael Philipp haben sich mit all dem erst entdeckungsfreudig in Windeseile vertraut machen müssen. Aber die Erwartungshaltung derer, welche all diese hier gezeigte Kunst einst als ihre ureigene Sache begriffen, ist so hoch wie die Warte, von der hier geurteilt wird.

Ich treffe einige zufällig in der Ausstellung, befremdet von manch verquerer Kommentartafel neben den Bildern. Sie sehen Kunst, für die einmal eigene Theoretiker in die Bresche gesprungen waren. Wo sind sie geblieben? 2003 durften für die Neue Nationalgalerie Berlin noch Roland März und Eugen Blume die erste ähnliche Gesamtüberschau dieser Kunst inszenieren. Ein einsamer Glücksfall. März ging danach in Rente. Blume als Spezialist für Druckgrafik in der DDR konvertierte in andere Richtung: Er bekam als Chefkurator den Hamburger Bahnhof als Spielwiese fürs ultramodern Marktgängige.

Der Staat mit seinen Museen zeigte weiter die kalte Schulter. Er geruhte nicht zu bemerken, wie beschämt er wurde von dem Kulturanspruch des verblichenen Staatsrivalen. Die heilsamste Lektion dieser von Plattners Privathand gemanagten Veranstaltung ist die oberste Etage mit den 16 Riesenbildern aus dem einstigen »Palast der Republik«. Im Katalog und der Zählung der Ausgestellten nicht berücksichtigt, ist das doch ein integraler Bestandteil des Ganzen. Die anrührende Privatheit der Bildaussagen »Hinter der Maske« ist offenbar vom Staatsauftrag 1975 sanktioniert worden. Ob Kurt Robbel oder Hans Vent, Lothar Zitzmann oder Ronald Paris - all diese Bilder fügen sich harmonisch dem Menschenbild in den unteren Etagen hinzu. Goethe erkannte bereits das mephistophelische Prinzip: Das Böse zu wollen, bewirkt eben oft das Gute. Man kann den Satz getrost umkehren.

»Hinter der Maske. Künstler in der DDR«, bis zum 4. Februar im Museum Barberini, Humboldtstraße 5-6, Potsdam

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