Wie viel Islam kann der Feminismus?

Auf einer Veranstaltung diskutierten Muslima über Möglichkeiten der Frauenbefreiung in Zeiten von AfD und Islamhass

  • Von Anne-Beatrice Clasmann
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Sozialwissenschaftlerin Gabriele Boos-Niazy (l-r), die Sprachwissenschaftlerin Reyhan Sahin, die Journalistin Hengameh Yaghoobifarah, die Islamwissenschaftlerin Nimet Seker und Moderatorin Anne Wizorek bei der Veranstaltung
Die Sozialwissenschaftlerin Gabriele Boos-Niazy (l-r), die Sprachwissenschaftlerin Reyhan Sahin, die Journalistin Hengameh Yaghoobifarah, die Islamwissenschaftlerin Nimet Seker und Moderatorin Anne Wizorek bei der Veranstaltung "Feminislam. Wie offen ist der Feminismus für Islam?" am 19.10.2017 in Berlin.

Berlin. Das »Islam-Bashing« der AfD ärgert viele Muslime in Deutschland. Die Feministinnen unter ihnen empfinden die Verbalattacken der Rechtspopulisten als doppelt störend. Sie sagen: Die AfD behindert mit ihren ständigen Angriffen auf unsere Religion die innerislamische Debatte über die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Aktivistinnen in Verbänden und Gemeinden würden inzwischen häufig mit dem Argument mundtot gemacht, ihre Kritik nutze der AfD.

»Die religions- und islamkritische öffentliche Atmosphäre in Deutschland erschwert es muslimischen Feministinnen, eine echte Patriarchatskritik nach innen zu formulieren«, klagt die Islamwissenschaftlerin Nimet Seker. Sie sagt: Wer Sexismus und Frauenfeindlichkeit thematisiere, gelte in dem aktuellen aufgeheizten Klima, in dem Frauen mit Kopftuch ausgegrenzt würden, »schnell als Verräter«.

Die Forscherin von der Universität Frankfurt trägt auch selbst Kopftuch. Sie sagt, es gehe ihr auf die Nerven, »dass sich in Debatten über den Islam in Deutschland immer alles direkt oder indirekt um den Körper der muslimischen Frau« drehe - und den Grad seiner Verhüllung. Einer Frau, die das Kopftuch ablege, werde von anderen Muslime oft unterstellt, sie habe sich vom Glauben abgewandt. Die nicht-muslimische Mehrheitsgesellschaft gehe automatisch davon aus, diese Frau habe sich von einem »rückständischen Islam« befreit.

Reyhan Sahin von der Universität Hamburg hat sich in ihrer Forschung mit der »Bedeutung des muslimischen Kopftuchs« und der »religiösen Selbstdarstellung junger Musliminnen in sozialen Netzwerken« befasst. Dabei stellte sie fest, dass das Kopftuch einigen Frauen als »Gruppenidentifikationsmerkmal« diene, anderen als Mittel der »Selbstdisziplinierung«. Gerade bei jüngeren Frauen sei die Kopfbedeckung nur selten als »Unterwerfungsgeste an patriarchalisch-muslimische Strukturen« zu verstehen. In Kombination mit auffällig modischer Kleidung könne es auch ein »muslimisch-feministisches Rebellionszeichen« sein.

Sahin kritisiert nicht-muslimische deutsche Feministinnen, die unter jedem Kopftuch eine unterdrückte Frau vermuten. Doch sie hält auch dagegen, wenn konservative Muslime leugnen, dass diese Frage überhaupt eine politische Dimension haben kann. Sahin erklärt: »Die Debatte wurde so geführt, dass das Kopftuch nur entpolitisiert wurde, schöngeredet wurde, dass diese verschiedenen Bedeutungsvarianten gar nicht richtig ausdifferenziert wurden.« Bei einer Veranstaltung der Jungen Islam Konferenz in Berlin fragte Sahin kürzlich anklagend: »Bietet das keine Vorlage für Rechtspopulismus?«

Sahin (37) trägt die Fingernägel lang und bunt. Sie wehrt sich als Wissenschaftlerin und Künstlerin gegen Klischees und »Fremdzuschreibungen«. Sahin sagt: »Ich bezeichne mich nicht als Feministin, ich bin eine bitch«. In der Hip-Hop-Szene ist die promovierte Sprachwissenschaftlerin unter dem Namen »Lady Bitch Ray« bekannt. Mit pornografischen Texten und dem Refrain »Deutscher Rap, du bist krank« sorgte sie früher für Schlagzeilen. Doch nicht nur die sexistischen Texte vieler männlicher Rapper gehen ihr gegen den Strich. Sahin ärgert sich auch über die »patriarchalischen Strukturen« der deutschen Islam-Verbände.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD), Aiman Mazyek, will sich diesen Schuh nicht anziehen. Er sagt, für ihn sei der Begriff »Feminismus« positiv besetzt. Für die Frauen, die in den Islam-Verbänden aktiv seien, gelte: »Gemessen an dem, was die Feministinnen als Ziele ausgeben, gehören sie mit zur Spitze.« Dass ein Teil der deutschen Feministinnen das Kopftuch ausschließlich als »Zeichen der Unterwerfung« interpretiere, sei zwar bedauerlich. Seine wichtigsten Gegenspieler sieht Mazyek aber woanders. Er sagt: »Die härtesten Gegner sind diejenigen, die auf Basis des Islamhasses eine andere Republik schaffen wollen.«

Wie sich die AfD die »Befreiung« der muslimischen Frau vorstellt, hat im Bundestagswahlkampf das Neu-Parteimitglied Leyla Bilge vorgeführt. Bei Veranstaltungen mit Spitzenkandidat Alexander Gauland und anderen AfD-lern lieferte die Deutsche mit kurdischen Wurzeln eine schrille Performance: Mit langem Gewand und schwarzem Gesichtsschleier kommt sie auf die Bühne. Dann entschleiert sie sich. Zum Schluss steht sie in einem engen schwarz-rot-goldenen Kleid da.

Auch bei einer Kundgebung des islamfeindlichen Pegida-Bündnisses in Dresden hat Bilge ihren Schleier-Trick schon vollführt - und wurde dafür begeistert gefeiert. dpa/nd

Weihnachtsabo
Werbung

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Schenken Sie schon, oder rätseln Sie noch?

Na, dann aber hopp!

Schenken was wirklich Freude macht. Starke Inhalte statt kapitalistischen Überfluss.

Jetzt bestellen oder verschenken