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Die Allianz der Langhaarigen und Grauhaarigen

Die Schüsse an der Startbahn West am 2. November 1987 markierten das Ende einer Bewegung

  • Von Niels Seibert
  • Lesedauer: 14 Min.

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Vor 30 Jahren hätte sich keiner so über die Krawalle, die es diesen Sommer in Hamburg anlässlich des G20-Gipfels gab, aufgeregt. Militante Auseinandersetzungen gehörten in den 1980ern der Tagesordnung an, unter anderem wöchentlich an der Startbahn
Nein, da liegst du falsch.

Warum?
Über militante Auseinandersetzungen wurde sich schon immer aufgeregt. Und nur weil es damals mehr davon gab, heißt das nicht, dass es zum Alltag gehörte. Nur wenn wirklich was Größeres passiert war, kam das in die Schlagzeilen, zum Beispiel als eine mit einer Zwille geschleuderte Stahlkugel in den Tank eines Wasserwerfers eingedrungen ist. Die Scharmützel an der Startbahn jeden Sonntag hatten auch eine andere Dimension als Hamburg. Da wurden zwar auch mal Sachen abgefackelt, zerhackt oder zerlegt, aber das war in einem Waldgebiet, nicht in der Stadt und es gab keine unmittelbar betroffenen Anwohner.

Wie kam es überhaupt zur Startbahnbewegung?
Ein wunderschönes Naturschutzgebiet und ein Erholungspark, der für die Menschen im Rhein-Main-Gebiet eine wichtige Bedeutung hatte, wurde mit dem Bau der Startbahn einfach durchgeschnitten. Die ersten juristischen Verfahren von Anwohnern gegen die Baupläne gab es schon Ende der 1960er. Und danach, Ende der 1970er, Anfang der 1980er, waren immer mehr Menschen bereit, ihren Protest auf die Straße zu tragen. Zu der Zeit kam auch die Umweltbewegung auf.
Es hat ganz friedlich und harmlos angefangen. Auf den ältesten Bildern sind Bürger aus der Umgebung mit ihren Kindern zu sehen, die protestieren und Schildchen hochhalten. Und die haben von der Polizei auf die Fresse gekriegt. Der Versuch über die Gerichte Einfluss zu nehmen wurde gestoppt. 220.000 Unterschriften für einen Volksentscheid gegen den Bau wurden ignoriert. Vonseiten der Politik und der Polizei wurde ständig eskaliert. Zwangsläufig hat sich der Ausdruck der örtlichen Bürgerinitiative im Laufe der Zeit immer mehr radikalisiert.
1981 demonstrierten 120.000 Leute in Wiesbaden. Auf dieser Demo rief der Frankfurter Stadtkämmerer Alexander Schubert dazu auf, den Flughafen zu blockieren. Am nächsten Tag machten Zehntausende die Eingänge zum Flughafen und das benachbarte Autobahnkreuz Frankfurt dicht. Dort sind dann Transporthubschrauber der Bundesgrenzschutztruppen gelandet, um die Blockierer wegzuprügeln. Das hat Dimensionen angenommen, mit denen keiner gerechnet hatte.

Anwohner wollten ihr Erholungsgebiet behalten, andere setzten sich für den Naturschutz ein. Was waren die Inhalte der Bewegung?
Ganz einfach: Keine Startbahn West. Das war das Hauptanliegen. Zu der Zeit politisierte sich die Gesellschaft. Die Menschen in dieser Gegend und andernorts, wo Atomanlagen gebaut wurden, begannen nachzudenken. Sie stellten fest, dass ihre Bedürfnisse überhaupt keine Rolle spielten, dass andere Interessen dahinter steckten, dass das Kapital und das Gewinnstreben über allem standen und stehen.

Und was waren Eure Inhalte?
Die Autonomen haben im klassischen Sinne keine eigenen Inhalte gehabt. Sie haben sich – sieht man mal von der Hausbesetzerbewegung ab – in der Regel an bestehende Bewegungen angedockt und waren dann ihr militanter Teil. Wir wollten, wie alle anderen auch, diese Startbahn nicht haben. Wir haben versucht, auch andere Inhalte reinzubringen, zum Beispiel die militärische Funktion der Startbahn für den Kalten Krieg.

Warum habt ihr Euch ausgerechnet bei der Startbahn angedockt?
Wir haben das überall gemacht, wenn‘s irgendwie ging. Die Startbahn war vor der Haustür, die Startbahn war ein politischer Kristallisationspunkt und es war völlig klar, da haben wir was mit zu tun. Militante haben sich schon früh beteiligt. Sie haben maßgeblich das Hüttendorf auf dem Bauplatz mit aufgebaut, das Anfang November 1981 vom SEK geräumt wurde.

Wie hat sich die Startbahnbewegung zusammengesetzt?
Das ging durch die gesamte Bevölkerung. Im Hüttendorf auf dem Baugelände, wo 1981 teilweise ein paar hundert Leute gewohnt haben, hatten die Jusos eine eigene Hütte, es gab eine offizielle Kirche mit Gottesdiensten. Die Anwohner aus der Umgebung haben Kuchen gebacken und Kaffee gekocht, haben den Leuten Essen gebracht. Es war ein Ort, wo man hinging und wo sich alle Leute mit politischen Fragen auseinandergesetzt haben, auch mit Militanz. Man hat immer gesagt, die Langhaarigen und die Grauhaarigen, das ist die Spezialmischung von der Startbahn.

Wie habt Ihr erlebt, dass die Bürger Euch, den Autonomen, zur Seite standen?
Ich bin in der Gegend groß geworden und kannte das nicht anders. Und auch die Stadt war kein feindliches Gebiet. Wenn man auf der Flucht vor der Polizei war, konnte es schon passieren, dass der Kiosk-Besitzer gesagt hat: »Hier in den Hof könnt ihr rein.« Das war eine sehr positive und eine sehr angenehme Erfahrung.

Warum war die Bewegung so breit und für viele so anziehend?
Es ist toll in den Wald zu gehen. Das klingt blöd, ist aber so. Zum anderen hast du immer Freunde und Genossen getroffen, wir haben politisch diskutiert, Informationen ausgetauscht, Aktionen vorbereitet. Und wir haben natürlich auch einen Höllenspaß gehabt, ganze Tage damit zu verbringen, die Polizei zu ärgern. Du konntest auch deinem Hass Ausdruck verleihen, den du tagtäglich untergejubelt bekommst, ob als Schüler, Auszubildender, Student, auf der Arbeit oder was auch immer. Das hatte schon was.

Warum gab es eine so breite Akzeptanz der Militanz, die heute kaum noch vorstellbar ist?Heute hat man den Eindruck, es gibt gewalttätige Sprache, es gibt gewalttätige Wörter, es gibt gewalttätige Blicke und es gibt gewalttätige Wasweißichwas. Also alles ist immer gleich Gewalt. Aber was offensichtlich keine Gewalt ist, ist, wenn wir Kriege führen und wenn wir Länder mit Blut und Verderben überziehen und wenn wir die Menschen in Hunger treiben. Der Gewaltbegriff hat sich mittlerweile auf ein Phänomen reduziert, was wir scheinbar ganz individualisiert erleben, aber auf der Meta-Ebene überhaupt nicht stattfindet.
Heute kommen viele Linke aus der Mittelschicht und sind ganz behütet aufgewachsen. Damals war Gewalt gesellschaftlich präsenter. Kinder wurden mit Gewalt erzogen, bei uns auf dem Schulhof war es ganz normal, dass sich zwei gekloppt haben. Danach gab es weder einen Schulverweis noch ein psychologisches Gespräch noch eine Anzeige von der Gegenseite. Gewalt wurde unmittelbar erlebt, die Polizei hat hemmungslos zugeschlagen. Sie war der Feind. Diese Front, auch gegenüber dem Lehrer oder dem Ausbilder, war damals klar definiert.

Wie kam es speziell in der Startbahnbewegung zu dieser Militanzbereitschaft von jung bis alt?
Der Kontakt mit vielen anderen politischen Menschen, auch ihre Erfahrung, dass viele ganz normale Bürger von der Polizei einfach verprügelt wurden, hat natürlich radikalisiert. Und dann gab es diesen Nacktensamstag nach der Hüttendorfräumung 1981. Da waren – für alle überraschend – 30.000 teils gut ausgerüstete Leute im Wald, die das Bauplatzgelände wiederbesetzen wollten. Die Polizei hätte nicht die Kapazitäten gehabt, diese Leute zu stoppen. Dann haben ein paar Leute Verhandlungen vorgeschlagen. Sie sind nackt über die Absperrung der Polizei gegangen, um mit dem Innenminister zu verhandeln. Die Nackten haben zwar geredet, bewirkt hat das aber nichts. Da wurde sehr vielen deutlich: Die Politik und die Polizei haben sich darauf nur eingelassen, weil sie wussten, wenn sie diese Pseudoverhandlungen jetzt nicht machen, dann schlagen die Militanten einfach die Polizei platt. Die Enttäuschung über diese vertane Chance hat innerhalb der Bewegung der Militanz zu einem Schub verholfen.

Waren die Pistolenschüsse eine Konsequenz aus der steten Weiterentwicklung Eurer Militanz?
Nein, definitiv nicht. Die Gewalt hat sich nicht aufgeschaukelt. Die blieb auf einem bestimmten Niveau. Steine, Molotow-Cocktails, Stahlkugeln waren die Waffen, die gab es von Anfang an und die gab es bis zum Ende. Weiterentwickelt und ausgefeilt wurde, wie man sie einsetzt. So wurden beispielsweise fünf verschiedene Versionen von Krähenfüßen entwickelt für verschiedene Untergründe. Bei Sand braucht man eine andere Konstruktion als bei Kies und auf der Straße muss man eine noch andere Konstruktion anwenden. Daran wurde gearbeitet, aber es wurde nicht die Gewalt in Form der Brutalität gesteigert.
Die Schüsse sind überhaupt keine logische Folgerung. Da ist einer durchgeknallt. Das muss man ehrlich sagen. Es war völlig klar, dass der Einsatz von Schusswaffen von keiner Seite auch nur in Betracht gezogen wurde. Man kann nicht in eine Gruppe von Polizisten schießen, denn die könnten ja zurückschießen. Und wir hätten auf diese völlig legitime Reaktion in keiner Form reagieren können. Zum Glück haben sie nicht sofort erfasst, dass da gerade geschossen wurde, sonst hätte es uns alle erwischen können.

Was genau ist am 2. November 1987 passiert?
Es gab ein Ritual. Sechs Jahre zuvor, am 2. November 1981, war die Hüttendorfräumung gewesen. Seitdem wurde jedes Jahr dieser Räumung gedacht. Das sah immer so aus, dass man abends im Dunkeln mit einem Fackelmarsch raus in den Wald gegangen ist. Man hatte etwas Brennbares dabei, die Leute hatten ihre Zwillen, ihre Vermummung, ihre Mollis, Feuerwerksraketen wurden immer gerne genommen, und dann ist man zur Startbahn und hat da Remmidemmi gemacht. Irgendwann ist die Polizei dann aus dem Flughafengelände gekommen und hat die Leute verjagt, die Leute sind abgehauen und heimgegangen.
1987 war dieser 2. November besonders gut organisiert. Jede Gruppe, jede Stadt hatte ihre Aufgaben und ihre Wege. Der Rückzug wurde über die Mönchbruchwiese und den Gundbach organisiert. Dort hatte eine Gruppe eine Holzbrücke gebaut, über die die Leute flüchten konnten und dann in Sicherheit waren. Die Brücke sollte danach in Brand gesteckt werden.
Dann gab es einen technischen Fehler aufseiten der Polizei. Der Befehl lautete, die Polizeieinheiten sollten stoppen, sollten nicht über die sumpfige Wiese rennen, erstens war es dunkel, zweitens hatten ihre Scheinwerfer nicht mehr dorthin geleuchtet und drittens war Nebel. Eine Einheit hat das aber nicht gehört und ist bis zum Gundbach hinterhergerannt. Jetzt musste die Polizei aufgehalten werden. Und aus dieser Situation hat dann einer von uns geschossen mit einer Waffe, die im Jahr zuvor auf einer Demonstration einem Zivilpolizisten abgenommen wurde. Dass einer die dann nimmt und rumballert, das konnte keiner voraussehen.

Welche Folgen hatten die tödlichen Schüsse?
Naja, erst mal hatte keiner von den Schüssen mitbekommen. Alle waren mit diesem Abend sehr zufrieden und wir sind fortgegangen. Aber dann gab es schon dieses Gerücht. Auf einem Treffen hat dann einer gesagt, er hätte das mitbekommen. Ganz vehement haben andere widersprochen, haben gesagt: Das kann nicht sein, das ist völlig ausgeschlossen.
Trotzdem haben Leute damit gerechnet, dass sie verhaftet werden und so war es dann auch. Man kam nach Hause und zack, waren die Bullen schon da und haben uns direkt eingesammelt. Wir kamen in Gewahrsam und es wurden immer mehr. Alle waren bedröppelt und es hieß dann, wir sind wegen Mord hier. Ich war einer von denen, die drüber gelacht haben, weil ich das völlig absurd fand. Nachts um vier, als sie mich irgendwohin geschleppt haben, habe ich dann gemerkt: Nee, diesmal ist es anders als sonst. Die sind echt richtig sauer, nicht nur sauer, sondern auch betroffen und da ist mir gedämmert, dass da mehr passiert ist als sonst. In der Folge gab es hunderte Hausdurchsuchungen und Verhaftungen. Und es wurde auch die Waffe gefunden.

Warum war das das Ende der Bewegung?
Die Leute waren nicht auf diese Repression vorbereitet. Sie waren nicht in der Lage einfach zu sagen: Okay, wenn sie mich einsperren, geh ich mal drei Tage oder drei Wochen in den Knast, ich habe nicht geschossen, warten wir mal ab, halten wir die Füße still. Die Verhafteten waren von der Anschuldigung überwältigt. Es handelte sich nicht um Körperverletzung und Widerstand und die ganzen Sachen, die wir kannten, sondern um Mordvorwurf. Und davon wollten sie sich reinwaschen. Deswegen haben unheimlich viele Leute Aussagen gemacht, haben sich gegenseitig belastet und das hat zu Anklagen geführt.
Die schlimmste Reaktion war meines Erachtens ein Flugblatt in Wiesbaden am Tag danach, in dem sich in aller Schärfe von dem Schützen und von der Tat distanziert wurde. Dass es Leute gibt, die sich distanzieren, hat die bürgerlichen Medien natürlich gefreut. Das hatte aber leider zur Folge, dass diejenigen, die allein bei der Polizei sind und unter Druck stehen, nur noch einen Weg wählen können und das ist meistens die Kollaboration. Und so ist es dann auch passiert. Ich behaupte, dieses Flugblatt hat den Leuten den letzten Stoß gegeben, um umzufallen.

Wenn eine Bewegung öffentlich spricht, muss sie in diesem Fall doch etwas dazu sagen.Klar, man kann sagen, das war ein politischer Fehler, das war nicht geplant, wir müssen jetzt unsere Fehler analysieren, wir müssen überlegen, was ist da schief gegangen, was machen wir damit? Aber es ist ganz sicher der falsche Weg, sich von dieser Person und allen, die mit ihr zu tun haben, zu distanzieren. Dieser Schritt ist nicht nötig und er hat damals zu einer totalen Verunsicherung geführt.
Dieser Typ hat die ganze Zeit in unseren Reihen gestanden. Da können wir nicht einfach sagen, jetzt bist du übrigens nicht mehr dabei, weil du Scheiße gebaut hast. Das können wir später einmal tun, aber nicht in einem Moment, wo die Konsequenz ist, ihn in die Arme der Polizei oder der Bundesanwaltschaft zu treiben.
Und man muss ja auch sagen, nicht nur eine Pistole kann tödlich sein. Wenn man mit einer Zwille auf jemanden schießt, dann kann das schief gehen. Wenn man sich mit Nazis prügelt, dann kann das schief gehen. Wenn man mit Mollis um sich schmeißt, dann kann das schief gehen. Wenn ich der Meinung bin, es darf unter keinen Umständen jemand zu Schaden kommen, dann muss ich mich selber hinterfragen und sollte vielleicht besser keine Militanz anwenden, anstatt mich von anderen zu distanzieren.

Die Gegenseite hat seitdem viel gelernt. Heute gibt es bei Großprojekten wie einem Flughafenausbau Diskussionsrunden, Bürgerbeteiligung und für die Anwohner lärmdichte Fenster und großzügige Entschädigungen. Es gibt heute freundlich kommunizierende Polizisten und es wird nicht mehr alles mit brutaler Polizeigewalt durchgesetzt
Nein, heute prügeln sie im Zweifelsfall genauso wie früher, sie haben nur verschiedene Zwischenstufen eingebaut. Und schon damals hat die Polizei gelernt. Die Startbahn West war regelmäßig Trainingsgebiet für Polizeieinheiten aus der ganzen Bundesrepublik. Die haben ihre Einheiten aus ganz Deutschland dorthin gekarrt und wussten, jeden Sonntag, 14 Uhr, treffen sich die Militanten und ab 15 Uhr kracht‘s. Die haben dort an uns auch neue Waffen ausprobiert.
Aber in einem hast du recht: Vieles wird heute diskutiert und verwässert. Sie erwecken den Eindruck, dass die Menschen beteiligt sind. Ich glaube, die Menschen wissen genau, dass sie es nicht sind. Die AfD hätte nicht so einen Zuwachs, wenn die Leute nicht merken würden, dass irgendwas falsch läuft.

Und was hat die Linke gelernt?
Generell, dass jeder, der in irgendeiner Form aktiv ist, sich ein paar Leitsätze hinter die Ohren schreiben sollte: Dass man ein politisches Bewusstsein darüber braucht, was man tut und dass die Genossinnen und Genossen drum herum das auch mittragen. Dass eine politische Aktion Repression, Hausdurchsuchungen und Knast zu Folge haben kann.
Aber die spezielle Zeit damals kann man nicht ins Heute übertragen. Die politische Situation ist eine vollkommen andere. Heute sitzt eine linke Partei im Parlament, das war damals undenkbar. Wir hatten den Kalten Krieg, es gab scheinbar Gut und Böse. Heute haben wir viel mehr Zugriff auf Informationen und Wissen und die gesellschaftlichen Zustände sind viel komplexer geworden.

Chronologie

Ab 1962 plant die Betreibergesellschaft des Flughafens in Frankfurt am Main eine dritte Startbahn.

1965 stellt die Flughafen AG den Bauantrag für die »Startbahn West« im Waldgebiet südwestlich des Flughafens. Daraufhin gehen etwa 9000 Einwendungen von Bürgern und Kommunen ein. In den folgenden Jahren befassen sich Gerichte in mehr als 100 Prozessen mit den Anfechtungsklagen.

Ab 1978 organisieren sich zahlreiche Anwohner in lokalen Bürgerinitiativen.

Ab Mai 1980 entsteht ein Hüttendorf von Startbahngegnern auf dem Gelände der geplanten Trasse. In den kommenden Monaten wächst das Dorf um zahlreiche Holzhütten, in denen Menschen wohnen.

Im Oktober 1980 entscheidet der Hessische Verwaltungsgerichtshof endgültig für den Bau der neuen Startbahn. Ein 2,5 Meter hoher Betonzaun wird um das Gelände gebaut und später mit Stacheldraht ausgerüstet.

Am 2. November 1981 räumt die Polizei das Hüttendorf.

Am 14. November 1981 demonstrieren in der Landeshauptstadt Wiesbaden 120 000 Menschen. Dem Landeswahlleiter werden 220 000 Unterschriften für ein Volksbegehren gegen den Bau übergeben. Fortan treffen sich an jedem Wochenende Startbahngegner zu »Sonntagsspaziergängen«. Sie gehen zum Baugelände und versuchen, die Betonmauer zu demontieren und die Bauarbeiten zu behindern.

Am 12. April 1984 geht die Startbahn in Betrieb. Zwei Tage später demonstrieren etwa 15 000 Menschen an der Schutzmauer. Die wöchentlichen Proteste gehen weiter.

Am 2. November 1987 findet eine Demonstration zum Jahrestag der Räumung des Hüttendorfs statt. Am Ende fallen Schüsse, die über eine lange Distanz zwei Polizisten tödlich trafen.

1991 wurde der Schütze wegen Totschlags zu 15 Jahren Haft verurteilt. Eine Tötungsabsicht war, so das Gericht, nicht eindeutig gegeben.

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