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Bayern kann wieder feiern

Erfolgreicher Stilwandel: In Glasgow erreichen die Münchner vorzeitig das Achtelfinale der Champions League

  • Von Maik Rosner, Glasgow
  • Lesedauer: 4 Min.

Mit einem Pflaster über dem rechten Auge trat Javier Martínez die Abreise aus dem Celtic Park an und gab damit durchaus jenes Idealbild ab, das im britischen Fußball geschätzt wird: Ein leidenschaftlicher Kämpfer, der sich in Bescheidenheit übt. Denn selbst von seinem Siegtor und seiner Leistung berichten, durch die der FC Bayern am Dienstagabend in Glasgow die vorzeitige Versetzung ins Achtelfinale der Champions League erreicht hatte, wollte Martínez erst mal nicht. Der Spanier verwies nach dem hart erkämpften 2:1 (1:0)-Sieg beim schottischen Serienmeister auf Arjen Robben, der gerade neben ihm lief.

»Manche Spiele musst du einfach überleben«, sagte Ersatzkapitän Robben und lieferte damit jenen Satz, der am besten zu diesem Abend im stimmungsvollen Celtic Park passte. Natürlich neben jenen Elogen, die Robben und Kollegen auf Martínez anstimmten, der drei Minuten nach Callum McGregors Ausgleich per Kopf getroffen und sich dabei in der 77. Minute die Platzwunde zugezogen hatte. »Defensiv ist er sehr wichtig, heute hat er auch noch das entscheidende Tor gemacht - da kann man ihn nur loben«, sagte Robben und bezeichnete Martínez als »multifunktionell«.

Ähnlich sah es Sven Ulreich, dem das für einen Torwart äußerst seltene Kunststück einer Torvorlage vor dem 1:0 von Kingsley Coman (22.) gelungen war. »Natürlich haben wir im Training hart an dem Spielzug gearbeitet«, witzelte Ulreich über seinen langen Schlag, der Coman auch deshalb erreicht hatte, weil Celtics Abwehr so schläfrig und unentschlossen agierte, dass wohl jeder Kreisklassentrainer einen mittleren Tobsuchtsanfall bekommen hätte. Ernsthaft fügte Ulreich über Martínez hinzu: »Javi ist brutal wichtig. Er ist schon ein Hauptfaktor, warum wir weniger Chancen zulassen und stabiler stehen.« Diesmal war er der Hauptfaktor, warum sich die Münchner nach dem vierten von sechs Gruppenspielen bereits für das Achtelfinale qualifizierten. »Ich ziehe mir gerne jedes Spiel eine Wunde zu, wenn ich dabei ein Tor schieße«, sagte Martínez später doch noch, als er die Interviewbitten nicht mehr ablehnen wollte. »Happy Halloween«, schrieb er zudem selbstironisch zu einem Bild seines ramponierten Gesichts, das er ins Internet stellte.

Es war ein Abend gewesen, an dem sich die Wertigkeit und Wichtigkeit von Einzelspielern verschoben hatte. Vor dem Spiel war ja vor allem von Robert Lewandowskis Fehlen die Rede gewesen, verbunden mit der Frage, wie das Fehlen des einzigen echten Stürmers im Kader zu kompensieren sei. Hinterher stand in Martínez ein Akteur im Mittelpunkt, der in der Beurteilung und Gunst des Publikums eher selten eine herausgehobene Position bekleidet. Als Arbeitsbiene und unermüdlicher Kämpfer im Mittelfeld wird er geschätzt. Verehrt aber werden andere, die mehr mit kunstvollen Aktionen auffallen denn mit unprätentiösen Dienstleistungen.

Dass Trainer Jupp Heynckes die mannschaftsdienlichen Qualitäten von Martínez anders gewichtet, war schon 2012 deutlich geworden, als er die Verpflichtung des eher unbekannten Spaniers von Athletic Bilbao für die damalige Rekordablöse in Höhe von 40 Millionen Euro bei der Münchner Vereinsführung in Auftrag gab. Ein Jahr später hatte der FC Bayern die Champions League und das Triple gewonnen - und Martínez hatte dabei gezeigt, warum Heynckes in ihm einen Schlüsselspieler sieht. Danach war Martínez unter Pep Guardiola und Carlo Ancelotti meist nur eine Nebenrolle zugedacht, was auch mit den vielen Verletzungen des 29-Jährigen zu tun hatte.

Nun steht er unter dem zurückgekehrten Heynckes für den Stilwandel im Spiel des FC Bayern, der in Glasgow den sechsten Sieg im sechsten Spiel unter dem neuen, alten Trainer feierte. Fleiß, Disziplin und alle anderen Grundtugenden des Fußballs und Lebens fordert Heynckes von seiner Belegschaft ein. Martínez verkörpert diese idealtypisch, und wohl auch deshalb hat der 72 Jahre alte Trainer seinen Musterschüler wieder von der Rolle des Teilzeit-Innenverteidigers befreit und ihn mit der Schlüsselaufgabe des Balldiebs vor der Abwehrkette betraut. Und solch ein Tor, wie es Martínez nach David Alabas Flanke mit schonungslosem Körpereinsatz erzielte, als er mit Nir Bittons Kopf zusammenknallte, »machen nur wenige Spieler«, befand Heynckes. »Wir wussten, dass sie Kämpfer sind und dass wir genauso zurückkämpfen müssen«, sagte Martínez.

Am kommenden Sonnabend im Bundesligaspitzenspiel bei Borussia Dortmund dürften seine Qualitäten erneut gefragt sein. Im Mittelpunkt werden dann aber wohl wieder andere stehen. Wie Lewandowski, der wegen seiner leichten Oberschenkelblessur vorsichtshalber nicht mit nach Glasgow gereist war. »Er hat relativ gut trainiert und keine Beschwerden. So wie es aussieht, kann er von Anfang an spielen«, sagte Heynckes. Für Martínez gilt das trotz Pflaster am Auge ohnehin.

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