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Der letzte Schatz von Chemnitz

Behörde empfiehlt Erhalt eines historischen Bahnviadukts in der sächsischen Stadt

  • Von Hendrik Lasch, Chemnitz
  • Lesedauer: 3 Min.

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Das Chemnitzer Viadukt wurde schon als »liegender Eiffelturm« gepriesen oder als »Krone« des Bahnbogens, der sich auf 2,8 Kilometern Länge und mit mehreren historischen Brücken durch die sächsische Stadt zieht. Solch poetische Vergleiche sind das Metier der Landesdirektion nicht. Doch auch die Behörde zollt dem 113 Jahre alten Bauwerk Respekt: Dieses sei ein »Zeugnis für die Stahlbaukunst in der Zeit um die Jahrhundertwende«, erklärte sie jetzt in einer Mitteilung. Es ist ein Urteil mit Gewicht. Denn die Landesdirektion gibt auf seiner Grundlage die Empfehlung an das Eisenbahnbundesamt ab, den »Erhalt und die Ertüchtigung« der Brücke zu veranlassen - und damit eine vollständige Kehrtwende im jahrelangen Streit um die Zukunft des Bauwerks.

2003 schienen dessen Tage schon gezählt. Die Stadt hatte damals ihre Zustimmung zu Plänen der Deutschen Bahn AG (DB) erteilt, die Brücke abzureißen und durch einen Neubau aus Stahlbeton zu ersetzen. Die DB plante damals die Ertüchtigung der Sachsen-Franken-Magistrale von Dresden nach Nürnberg, einer Trasse, auf der es neben unzähligen Kurven auch 405 Brücken gibt. Sie sollte mit mehr Tempo befahren werden können. Die Chemnitzer Verwaltung nickte das Vorhaben ab. Dann aber ging der DB vorerst das Geld aus.

Als der Konzern wieder flüssig war, hatte sich in Chemnitz die Stimmung gedreht. Nachdem im einstigen sächsischen Manchester, das um 1900 eine Hochburg des Maschinenbaus und der Textilindustrie war, über Jahre hinweg Zeugnisse der Industriekultur unbeachtet verfallen und vielfach auch abgerissen worden waren, setzte ein Sinneswandel ein. Auf der Suche nach Identität besannen sich Bürger auf das historische Erbe - von dem freilich nicht mehr viel übrig war. Das Viadukt sei »heute der letzte Schatz von Chemnitz«, sagte Michael Morgner, Künstler und Mitinitiator eines Vereins, der mit künstlerischen Aktionen und geschickter Lobbyarbeit um die Brücke zu kämpfen begann.

Das Ringen versprach anfangs wenig Erfolg, vor allem angesichts finanzieller Totschlagargumente der DB. Diese bezifferte die Kosten für den Erhalt der Brücke auf 20,2 Millionen Euro, während ein Neubau nur 12,3 Millionen kosten sollte. Der Verein »Viadukt e.V.« kritisierte indes, die Sanierung werde künstlich schlecht gerechnet. Gegengutachten verschoben die Gewichte: Sie kalkulierten mit 17 bis 18 Millionen für den Erhalt der Brücke und 18,6 bis 24,4 Millionen für den Neubau, der damit nicht mehr die lukrativere Variante war.

Zudem gelang es dem Verein nicht nur, die Bürger zu mobilisieren, sondern auch Politiker vom Ministerpräsidenten bis zu Abgeordneten vieler Parteien; dazu Denkmalschützer. Der Internationale Rat für Denkmalpflege ICOMOS lobt in einer Expertise die »Kraft und gleichzeitige Eleganz« des Chemnitzer Bauwerks und erinnerte daran, dass ähnliche Bauwerke andernorts in Europa erhalten wurden - bis hin zur Brücke über den Meeresarm Firth of Forth in Schottland, die seit 2015 Welterbe der UNESCO ist.

Die Landesdirektion kam nun im Ergebnis des Anhörungsverfahrens zu einem ähnlichen Schluss - wenn auch nüchterner formuliert. Dennoch sei das Votum der Behörde ein »wichtiger Meilenstein«, erklärt der Verein »Viadukt«. Es sei der einzige Punkt im Planfeststellungsverfahren gewesen, an dem Änderungen veranlasst werden konnten. Der Verein verweist indes auch darauf, dass die finale Entscheidung nun beim Eisenbahnbundesamt liegt. Mit dieser werde bis Ende des Jahres gerechten. Zudem bedauert man, dass die Landesdirektion sich zunächst nicht zu einer Anzahl weiterer historischer Brücken im Stadtgebiet geäußert hat, die die Züge auf der Sachsen-Franken-Magistrale passieren und deren Erhalt ebenfalls angestrebt wird - neben dem »letzten Schatz von Chemnitz« quasi die stählernen »Schätzchen«.

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