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Kinderwelten im Tuschkastenformat

Landtag zeigt in einer Ausstellung Auswahl des seit 50 Jahren in Schwedt veranstalteten Internationaler Mal- und Zeichenwettbewerbs

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 3 Min.

Es ist nicht selbstverständlich, dass im Landtag in Potsdam eine Tradition gewürdigt wird, die in der DDR entstanden ist. Darum ist die derzeit gezeigte Foyer-Ausstellung »50 Jahre Internationaler Zeichenwettbewerb des Landes Brandenburg« etwas Besonderes. Dieser Wettbewerb für Kinder- und Jugendzeichnungen geht auf eine Idee von Schwedter Kunsterziehern zurück und trug zunächst den Arbeitstitel »Entlang der Erdölleitung Freundschaft«. 1967, als er entstand, waren Kinder aus der DDR, der Volksrepublik Polen und der Sowjetunion aufgerufen, sich zu beteiligen.

Daraus entwickelte ein Mal- und Zeichenwettbewerb, der heute zu den bedeutendsten in Deutschland zählt. »Jährlich schicken 2000 bis 2500 Kinder und Jugendliche (aus vielen europäischen Ländern) ihre künstlerischen Arbeiten nach Schwedt«, heißt es im Begleitflyer zu der Ausstellung. Es ist den Initiatoren vor Ort, aber auch den politische Verantwortlichen im Land zu danken, dass diese interessante Initiative nicht einfach 1990 in Vergessenheit geriet.

Die im Landtagsschloss gezeigte Ausstellung von Kinderzeichnungen kontrastiert in gewisser Weise mit der gerade im benachbarten Palais Barberini eröffneten bedeutenden Schau von DDR-Kunst. Im Parlamentsfoyer stößt der Besucher in einer Auswahl aus 50 Jahren auf große thematische Vielfalt kindlicher Perspektiven - gezeigt in den Rubriken Selbstporträt, Familie und Freunde, Lebensumfeld, Märchen und Fantasie. Vielfältig sind auch die angewendeten Techniken: von der Malerei über den Linolschnitt bis hin zur Bleistiftzeichnung. Gesellschaftliche Veränderungen hinterließen ihre Spuren im Wettbewerb. Auffällig die bunten, zuversichtlichen Darstellungen der ersten Jahre. Vermutlich folgten sie auch Vorgaben, doch es war für viele Menschen auch eine optimistische Zeit. In späteren Jahren kam Nachdenkliches, Grüblerisches hinzu, wurden, wie die Ausstellungsmacher schreiben, auch »Ausgrenzung, die Sinnsuche und das Ringen um einen Platz in der Gesellschaft« thematisiert.

Rasch wird deutlich, dass die Dimension des heute jährlich stattfindenden Wettbewerbs nicht mit dem zu vergleichen, was sich in den späteren DDR-Jahren daraus entwickelt hatte. Getrost darf bezweifelt werden, dass die Zeichenlehrer der ersten Stunde ahnten, was aus ihrer Idee entstehen würden. 1968 trafen 5312 Arbeiten ein, 300 wurden ausgestellt. Bald aber schon schlossen sich auch Bulgarien, Ungarn und die CSSR an. 1973 beteiligten sich schon mehr als 100 000 Kinder aus allen Teilen der sozialistischen Welt an dieser Ausstellung in Schwedt. Es musste eine Vorauswahl getroffen werden, so dass 25 000 Bilder und Zeichnungen im örtlichen Pionierhaus zu begutachten waren. 1987 zählte man eine halbe Million Einsendungen. Dem einzelnen Teilnehmer war da kaum noch gerecht zu werden.

Ist es so, dass Kinderzeichnungen die »Wahrheit« wiedergeben? Allenfalls begrenzt. Auch Kinder sind diesbezüglich natürlich lenkbar, sie wollen Erfolg und liefern - je älter desto garantierter - das ab, womit sie sich diesen Erfolg versprechen.

Ungeschminkt erzählt die Ausstellung im Landtag auch die Nachwende-Geschichte des Schwedter Zeichenwettbewerbs, die vieles birgt, was allgemeine Erfahrung in Brandenburg war. Die Initiative ging nach 1990 in Schwedt auf den Verein Kindervereinigung e.V. über, der seinerseits einige Jahre später Insolvenz anmelden musste. Gab es einige Jahre lang noch vier ABM-Stellen für das Projekt, so wurde nach deren Auslaufen ehrenamtlich weitergearbeitet. »Die Stimmung war gedrückt«, heißt es im Begleittext dazu. Die Personalausgaben seien der »springende Punkt«, hieß es damals im Rathaus. Das Petrolchemische Kombinat hatte als volkseigener Betrieb und auch als privatisiertes Unternehmen - heute die PCK Raffinerie - das Projekt stets unterstützt, fühlte sich aber irgendwann auch veranlasst, die anderen Unternehmen der Stadt zu einem Beitrag aufzufordern.

Inzwischen scheint die Finanzierung, auch durch Beiträge des Landes, mittelfristig gesichert. Zu erfahren ist, dass die Veranstalter künftig mehr Sonderpreise ausloben wollen um mehr Kinder zur Beteiligung anzuregen. Jedes Jahr soll zudem ein anderes Land thematisch stärker in den Mittelpunkt rücken.

»50 Jahre Internationaler Zeichenwettbewerb des Landes Brandenburg« - bis 10. November im Foyer des Landtags, Montag bis Freitag von 8 Uhr bis 19 Uhr, Eintritt frei

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