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  • Berliner Ratschlag für Demokratie

Kampagne gegen rechte Hetze

Prominente lesen Fluchtgeschichten von Menschen aus Syrien, Pakistan und Irak

  • Von Johanna Treblin
  • Lesedauer: 3 Min.

Ein Stuhl, ein Tisch, davor eine Gruppe von Journalisten, im Hintergrund vor dem »Café-Bistro« ein Mann auf einem Barhocker. 10 Uhr, Dienstagmorgen, Markhalle IX in Kreuzberg. Kurt Krömer setzt sich an den Tisch und liest laut vor. »Mein Name ist Moder, ich bin 29 Jahre alt. Seitdem ich geboren bin, ist Krieg im Irak. Ich bin Arzt mit Fluchthintergrund.«

Es ist der Auftakt für eine Kampagne gegen Hass und Hetze im Netz des Berliner Ratschlags für Demokratie. An vier Orten in Berlin lesen unter anderem der Komiker Kurt Krömer und die Sängerin Jocelyn B. Smith die Fluchtgeschichten von in Berlin lebenden Menschen aus Syrien, Irak und Pakistan. Damit wollen sie ein Zeichen gegen Rassismus und Vorurteile setzen.

Die Lesung in der Markthalle IX beginnt ohne Ankündigung, ohne Einleitung. Ein Pärchen bleibt stehen, eine junge Frau stellt sich an den Rand. Eine Schulklasse betritt die Markthalle, hauptsächlich Jungs, sie haben Zettel in der Hand, hören zu. Einer fragt: »Ich bin auch geflüchtet, soll ich auch meine Geschichte erzählen?« Doch die Lehrerin drängt, sie müssen weiter.

Es gibt kein geladenes Publikum, alle, die zuhören, sind zufällig vor Ort. »Es soll wie ein Flashmob sein«, sagt Katja Hübner, Sprecherin des Vereins für Zivilcourage »Gesicht Zeigen!«, das den Berliner Ratschlag koordiniert. »Deshalb haben wir auch keine Werbung gemacht.« Und deshalb gibt es zu Beginn der Veranstaltung auch keine Erklärung für das Publikum.

Nach dem etwas verschnupften Krömer liest rbb-Moderatorin Magdalena Bienert die Geschichte des Pakistaners Mujo. Erst wurde sein älterer Bruder von den Taliban gefoltert, dann sein jüngerer Bruder bei einem Selbstmordattentat verletzt. Daraufhin entschied der Vater, dass Mujo fliehen sollte. Die Flucht dauerte sechs Monate.

Angekommen in Deutschland, sind viele Geflüchtete rechtem Hass ausgesetzt. Auch Menschen, die sich für Geflüchtete einsetzen, sehen sich vor allem im Internet mit Hasskommentaren konfrontiert. »Die zunehmende aggressive Stimmung in den sozialen Netzwerken ist eine reale Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt«, heißt es in einer Mitteilung des Ratschlags. Die Kampagne »Fluchtgeschichten« soll »der weiteren Verbreitung hetzerischer Botschaften« entgegenwirken.

Neben den Lesungen wurden am Dienstag berlinweit an Litfaßsäulen und in Kultureinrichtungen rund 1500 Plakate aufgehängt. In Videos auf der Homepage des Ratschlags sprechen sich Prominente wie der Schauspieler Benno Führmann, die Entertainerin Gayle Tufts, der Schriftsteller Ahne und die Journalistin Hatice Akyün für Respekt und Akzeptanz, für Anerkennung und Hilfsbereitschaft aus. Die Kampagne soll bis Ende des Jahres laufen.

Der Berliner Ratschlag für Demokratie wurde 2008 gegründet. Mitglieder sind unter anderem die Senatoren für Gesundheit Dilek Kolat sowie für Bildung Sandra Scheeres (beide SPD) und für Antidiskriminierung Dirk Behrendt (Grüne), außerdem die Berliner DGB-Vorsitzende Doro Zinke und der Manager von Hertha BSC Michael Preetz.

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