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Von Genosse Gabriel ins offene Messer getrieben

Das Urteil des Ex-SPD-Chefs Gabriel über seinen Nachfolger Schulz erinnert Roberto De Lapuente an selbstherrliche Pickelhaubenköppe

  • Von Roberto De Lapuente
  • Lesedauer: 3 Min.

Ach, was waren das für goldene Zeiten der Sozialdemokratie, als Sigmar Gabriel ihr noch vorstand. Zwischen 23 und 25 Prozent riss man sich bei den Sonntagsfragen unter den Nagel. Dann kam der Absturz, dann kam Martin Schulz, faselte die »soziale Gerechtigkeit« auf die Agenda – nur sozialdemokratisch-original mit den Anführungszeichen! – und flugs legte man bei der Bundestagswahl Ende September eine Bauchlandung hin: 20,5 Prozent. Alles was Gabriel nach Schröder so mühselig aufgebaut hatte, war für die Katz'. So liest sich jedenfalls die Einschätzung des Ex-Chefs der Sozis von letzter Woche. Fast konnte man meinen, er habe seinem Nachfolger eine intakte, eine vor Kraft und Gesundheit strotzende Partei hinterlassen.

Das letzte Mal, dass jemand die Sozialdemokraten so ins offene Messer hat laufen lassen, ist bald ein Jahrhundert her. Wahrscheinlich muss alle Zentennien jemand kommen, der den Sozialdemokraten genau so mitspielt. Glaubt man zum Beispiel den historischen Erzählungen Sebastian Haffners, so hat sich die Oberste Heeresleitung (OHL), haben Generalquartiermeister und Stabschef Ludendorff sowie sein greiser Generalfeldmarschall Hindenburg ganz ähnlich argumentiert wie neulich Sigmar Gabriel.

Kaum war nichts mehr zu gewinnen, winkten sie die damaligen Sozis heran und erlaubten ihnen eine Demokratie einzurichten – gewollt hatten die das schon länger, man ließ sie nur nicht. Jetzt sollten sie in die Bresche springen, wenn es gut lief, diskreditierten sie sich und die Herren des OHL wären aus dem Schneider. Die feinen Männer in ihren todschicken Reiterhosen stellten das hernach auch exakt so hin und schoben alles auf die Sozialdemokraten. Die hätten es versemmelt, sie seien der Sache in den Rücken gefallen und hätten den gesunden Kampfgeist an die Leine gelegt.

Nun muss die SPD abermals herhalten, um die persönliche Eitelkeit eines Mannes zu befriedigen, der sich freilich keinen Krieg zuschulden kommen ließ, wohl aber die Verschleppung der Reformierung und Neuausrichtung seiner Partei. Wie die selbstherrlichen Pickelhaubenköppe aus dem Hauptquartier in Spa, wischt er seine Niederlage weg und überträgt sie den Nachfolgenden. Man könnte fast ein bisschen Mitleid mit der großen alten Partei haben, diesem beinahe schon chronischem Opfer selbstgefälliger Männer.

Die soziale Gerechtigkeit war eine Themenverfehlung, stellte Gabriel ferner fest. Zukunftsthemen: Die wären bei den Leuten gefragt. Damit hätte man seiner Einschätzung nach gepunktet. Die soziale Gerechtigkeit ist wohl kein Thema mit Zukunftspotenzial für ihn. Dabei ist eine Zukunft ohne Ausgleich eine ziemlich traurige Vorstellung.

Martin Schulz hat es kurzum vergeigt. Und Sigmar Gabriel ist fein raus. Kann nun in Erinnerungen schwelgen, in denen er als letzter umsichtiger Obergenosse fungierte; kann seine Ära als jene skizzieren, in der es noch Chancen und Hoffnungen gab. Aber es war die soziale Gerechtigkeit, die damals schon wie ein grauer Dunst seinen Vorsitz umwaberte, die immer wieder die Zukunftsfähigkeit seiner Partei gefährdete. Sozialromantiker hintertrieben den eigentlich programmierten Wahlerfolg der SPD. Ohne Rücksicht auf Verluste setzten sie ihre falschen Schwerpunkte.

So klingt jedenfalls seine Analyse. Sie liest sich eher wie eine Mär. Wie eine Legende – ja wie ein bisschen Dolchstoßlegende im Willy-Brandt-Haus. Er hatte den Kasten im Griff – bis die Sozialromantik alles zunichte machte und den im Felde der alternativlosen Politik ungeschlagenen Sigmar Gabriel vom Hochsitz parteilicher Macht beförderte.

Mit der Diskreditierung des Sozialen – wie lau auch immer die Kampagne zu diesem Thema von Schulz geführt wurde– hat Gabriel zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Er hat sein eigenes Versagen kaschiert und es anderen in die Schuhe geschoben. Und er spekuliert nun darauf, die soziale Betonung als einen Irrweg zu stilisieren – auch um eine etwaige linke Neuausrichtung zu diskreditieren.

Schon spannend, dass dieser Ex-Chef des SPD weniger Anleihen bei Brandt oder Lasalle nimmt als an den kruden Methoden der OHL. Aber dann vom »optimistischen Zukunftsentwurf« salbadern – der Mann ist jedenfalls keiner. Er ist ein pessimistischer Rückgriff.

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