Gefühlte Wahrheiten

Manche Fake News wird geglaubt, obwohl die Leser wissen, dass die Meldung falsch ist

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 3 Min.
Netzwoche: Gefühlte Wahrheiten

Theoretisch ist das Angebot von nachrichten.de.com ein spaßiger Zeitvertreib. Weil allein die Internetadresse dem Portal einen seriösen Anstrich verleiht, könnte der ein oder andere auf die Idee kommen, dass auf einer Seite, in der Nachrichten im Namen stehen, auch selbige zu erwarten sind. Doch hinter dem Angebot steckt das Gegenteil: Jeder Nutzer kann auf dem Portal Artikel verfassen. Zweifelsfrei stellen die Betreiber klar: »Alle Nachrichten dieser Seite sind frei erfunden und fiktiv, es ist alles nur Spaß!« Wer also selbst einmal eine »Fake News« produzieren will, kann dies hier tun, die Website fordert mit einem mintgrünen Button sogar explizit dazu auf: »Erstelle deinen eigenen Witz.«

Allerdings wird die Website nicht nur dazu genutzt, harmlosen Nonsens in den virtuellen Äther zu blasen. Wiederholt verbreiten sich über nachrichten.de.com auch frei erfundene Nachrichten, deren Intention es ist, Schaden anzurichten. Ein besonders drastischer Fall ist die Schlagzeile »700 Euro Weihnachtsgeld für Flüchtlinge«, die behauptet, das Bundeskanzleramt habe erklärt, dass jeder vor dem 1. Oktober eingereiste Asylsuchende besagte Jahresendzahlung erhalte. Die erlogene Meldung verbreitete sich wie ein Lauffeuer und wurde tausendfach auf Facebook geteilt. Zur Erinnerung: Jeder Nutzer, der den Link in den sozialen Netzwerken angezeigt bekommt, bräuchte nur einen Klick und geschätzte fünf Sekunden, um die Fake News zu erkennen. »Warum teilen Menschen solche Meldungen, selbst wenn diese nur durch einen Klick als Fake zu entlarven sind?«, fragt sich der Autor Volksverpetzer auf mimikama.at, einem kritischen Medienblog, dessen Team Falschnachrichten aufdeckt. Die These des Autors: Wer solche offensichtlichen Fake News verbreitet, dem gehe es »gar nicht um die Meldung und ihren Wahrheitsgehalt«. Es reiche schon aus, dass der Inhalt plausibel erscheint. Zwar erkenne die Zielgruppe solcher Meldungen, dass die Behauptung faktisch falsch ist, doch im Vordergrund stehe der Wunsch nach Empörung.

Und weil fast tagtäglich Falschmeldungen auftauchten, die eben oftmals nicht als Lüge entlarvt würden, verschwimme für manche Nutzer die Unterscheidung zwischen entlarvten und unaufgeklärten Fake News. »Wenn man nur von 1 von 10 Meldungen erfährt, dass sie falsch war, macht die eine auch keinen Unterschied mehr, nicht wahr?«, fragt der Volksverpetzer. Letztlich kommt hier eine alte Grundregel der Propaganda zum Tragen, wonach eine Lüge nur oft genug wiederholt werden müsse, damit irgendwann geglaubt wird, diese entspreche der Wahrheit.

Doch es geht noch absurder: Neurechte Blogs suggerieren nun mit Bezug auf die genannte Falschmeldung, »linkslastige Universitäten« würden »vermeintlich ›rechte‹ Fakenews« erstellen, um letztlich Gelder im Kampf gegen rechts zu erhalten. Ernsthafte Beweise dafür gibt es nicht.

Einen interessanten Weg schlägt die Satireseite der-postillon.com ein. Regelmäßig veröffentlichen die Betreiber in anonymisierter Form Kommentare jener Nutzer, die die lustigen Texte für echt hielten und sich empörten. Alle anderen können darüber dann wenigstens schmunzeln.

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