Täglich acht Liter Wein als Sold

Würzburg ist ein quirliges Freilichtmuseum, bewohnt von Genussmenschen. Von Stephan Brünjes

  • Von Stephan Brünjes
  • Lesedauer: 5 Min.

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Eine feine Sache, dieser Brückenschoppen: Mit einem Gläschen «Escherndorfer Lump» oder «Würzburger Kirchberg» aus den angrenzenden Bistros und Weinschänken steht oder schlendert man auf der Alten Mainbrücke herum, sagt hier und da hallo, plaudert und tratscht über dies und das. Hunderte Würzburger tun das, bei schönem Wetter von mittags bis kurz vor Mitternacht. «Eine schöne Tradition, die es erst seit ein paar Jahren gibt», sagt Stadtführerin Christina Walther - wir wundern uns, warum wir nicht früher drauf gekommen sind, unsere zentrale Brücke zu so einem lässigen Laufsteg zu machen.« Zwölf Kaiser- und Bischofsstatuen stehen darauf versteinert Spalier, darunter Mittelalterpromis wie Karl der Große und sein Vater Pippin - im Schatten der wuchtigen Festung Marienberg auf der anderen Mainseite. Zu dieser Szenerie passen Geschichten, die Gäste hier gern von Einheimischen erzählt bekommen. Etwa, dass Würzburgs Staatsdiener ihren Sold früher zum Teil flüssig ausgezahlt bekamen: bis zu acht Liter Wein - täglich! Deliriumsgefahr bestand wohl nicht unmittelbar, denn es war eher niedrigprozentiger Traubenmost, der da aus drei eigens angeschafften »Beamtenweinfässern« abgefüllt wurde.

Diese meterhohen, bauchigen Holzbottiche stehen heute noch im gut 4500 Quadratmeter großen Weinkeller unter der Residenz. Ein senfgelbes Bonsai-Versailles mit drei Gärten - italienisch, englisch und französisch angelegt, in die enge Altstadt geklotzt vom Barock-Stararchitekten Balthasar Neumann - im Auftrag seines Bauherrn, Johann Philipp Franz von Schönborn, seines Zeichens Fürstbischof. Dieser seit 1168 dank Friedrich Barbarossa in Würzburg gebräuchliche Titel sagt’s schon: Schönborn verkörperte sowohl die weltliche als auch die kirchliche Macht in der Residenzstadt. Und hielt sie wohl für den Mittelpunkt der Welt, ließ sich daher mittig ins weltgrößte, zusammenhängende Deckenfresko pinseln - umrahmt von Szenen aus den damals bekannten Erdteilen: Wilde Indianer in Nordamerika unter düsteren Wolken, afrikanische Straußenvögel mit muskelbepackten Kugelstoßerbeinen und asiatische Elefanten mit Steckdosenrüssel gibt’s auf dem 19 mal 32 Meter großen Gemälde über dem prachtvollen Treppenaufgang mit Galerie drumherum zu entdecken. Um das Meisterwerk des Italieners Tiepolo (er bekam ebenfalls acht Kannen Wein pro Tag!) auch nur einigermaßen zu erfassen, ist eine mindestens halbstündige Betrachtung nötig - mit anschließender Nackenstarregarantie.

Die wird man am besten dort los, wo Würzburg aus sehenswerter Hochsitzperspektive zu überblicken ist: In den Weinbergen auf einer Anhöhe namens Stein. Darunter liegt die Stadt in einer Senke, umgeben von Weinreben, schnurgerade ausgerichtet zur Mitte. Dort durchschneidet ihn der Main wie ein Porzellanriss. Der Bahnhof, direkt unter dem Betrachter in Verlängerung seiner Fußspitzen, sieht aus wie der einer Modelleisenbahn. Dahinter ragen die Türme von üppig dekorierten Barockkirchen und -kapellen auf. »Wir haben für jeden Sonntag im Jahr eine Kirche«, sagt Guide Christina Walther »und für jeden Tag im Jahr eine Weinschenke.« Gründe genug also, um wieder hinabzusteigen in die Altstadt zu Rokoko-Bürgerhausfassaden, deren Stuck aussieht, als habe der Baumeister Baiser verarbeitet - echte Hingucker im Fußgängerzoneneinerlei.

Stein und Wein - das sind die ständigen Begleiter in Unterfrankens 127 000-Einwohner-Hauptstadt: So gilt Würzburg als Stadt der 1000 Madonnen - an vielen Hauswänden schaut demütig eine vom Sockel, sogar in einigen efeuberankten Innenhöfen und deren Treppenhäusern. Besonders sehenswert: das in der Bronnbachergasse 8a! Ein Stein, diesmal als ausgewaschener, vermooster Klotz, spielt auch die Hauptrolle im verwunschenen Lusamgärtchen, einem Kircheninnenhof mit Kreuzgang - angeblich Grabstelle Walther von der Vogelweides. Unglücklich Verliebte huschen hier hinein, legen Blumen auf dem Stein ab und murmeln ein Gedicht des Minnesängers - so wird man von der oder dem Angebeteten doch erhört, heißt es. Wohin auch immer man sich treiben lässt in Würzburgs Altstadtgassen, man landet irgendwie stets wieder auf dem Markt, bei »Marias Cappuccino-Treff« zum Weißwurst-Frühstück.

Gegenüber bietet die in weiß und rostrot gehaltene Marienkapelle eine einmalige Chance: endlich die unbefleckte Empfängnis zu verstehen - am Relief überm Nordportal. Gottvaters Mund verbindet hier Marias Ohr mit einem Schlauch, auf dem das Jesuskind zu seiner Mutter runterrutscht. Es war also offenbar Ohrenzeugung! Doch die Stadt kann neben solch eher überraschenden Erkenntnissen auch handfeste historische Fakten bieten: Das Labor Wilhelm Conrad Röntgens etwa, in dem er 1895 mit den nach ihm benannten Strahlen experimentierte. Heute residiert die Fachhochschule Würzburg/Schweinfurt in dem unscheinbaren grünen Gebäude nahe des Hauptbahnhofes und hat zwei Räume zum Minimuseum umgestalten lassen. Darin zu sehen: Eine Liege mit Apparaturen darüber, die eher an Klempner als an Klinik erinnern. Daneben ein monströser, fast deckenhoher Kleiderschrank mit weißen Stromanschlüssen oben drauf - offenbar das Herz eines der ersten Röntgenapparate. Und dann ist da noch dieser Brief Röntgens aus dem Jahre 1901. Als »ehrerbietig gehorsamst Unterzeichnender« erbittet er darin von seinem Chef eine Woche Urlaub. Um eine, wie Röntgen findet, wichtige Auszeichnung entgegennehmen zu können - den ersten überhaupt verliehenen Nobelpreis für Physik.

Infos

Tourist-Information: Tel: (0931) 37 23 98 www.wuerzburg.de

Anreise: Würzburg ist sowohl mit der Bahn als auch mit dem Auto gut erreichbar, weil es an vielbefahrenen Bahnstrecken (Hamburg-München) und Autobahnen (A 7 und der A 3) liegt.

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