• Kultur
  • Körperdysmorphe Störung

Wenn der Spiegel zum Feind wird

Manche Menschen macht es krank, dass sie ihr Aussehen jenseits geltender Schönheitsnormen einordnen. Vom Leidensweg einer Betroffenen.

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 9 Min.

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Sie hasst die Kälte, aber sie liebt den Winter. Denn nur während dieser Jahreszeit kann die junge Frau tagsüber mit tief über die Stirn gezogener Wollmütze und weit im Gesicht hängendem Schal auf die Straße gehen. Ihren Körper versteckt sie dann in einem viel zu großen Mantel. Niemand soll sehen, wie hässlich sie ist. Dabei erfüllt die 29-Jährige, unverschleiert bei Lichte betrachtet, eher die Kriterien der Normschönheit.

In einem Bistro in Berlin-Charlottenburg spricht sie Anfang November zum ersten Mal mit einem Vertreter der Presse, also öffentlich, über ihre Krankheit. Angesichts ihrer Scham verwundert es kaum, dass ihr richtiger Name nicht in der Zeitung stehen darf. Welchen Namen sie denn im Text tragen wolle? Da muss sie nicht lange nachdenken: »Seyma!« Eine Freundin habe ihr gesagt, das sei Arabisch und bedeute »versteckte Schönheit«. Sie, die von nun an Seyma heißen möchte, lacht ob dieser Ironie - und offenbart Zahnreihen, die jene, denen solche Bewertungen bedeutsam erscheinen, als makellos bezeichnen würden.

Ihre Psychologin vermutete vor zwei Jahren, Seyma leide an der Körperdysmorphen Störung, auch bekannt als Dysmorphophobie. Auf wen dieses Krankheitsbild zutrifft, der empfindet sein Äußeres ohne sofort erkennbaren Grund als ekelhaft und als Zumutung für andere Menschen. Seyma passt in dieses Muster, sie bewertete ihre Lage aber anfangs anders: »Da reagierte ich eingeschnappt und antwortete: Ich bin nicht verrückt, sondern einfach todunglücklich mit meinem Aussehen, und jeder kann doch sehen, warum das so ist.«

Jede Zeit hat ihre objektiven Schönheitsideale. Über alle Epochen und Kulturen hinweg gibt es aber zwei universell gültige Kategorien: Symmetrie und Proportion. Als schön gilt, wer ein symmetrisches Gesicht hat und wessen Körpergewicht gleichmäßig an den »richtigen« Stellen verteilt ist. Vom Mittelalter bis zum späten 19. Jahrhundert war diese Art der Schönheit jedoch nur dann relevant, wenn sie die »richtige« soziale Herkunft und den »korrekten« moralischen Charakter zum Ausdruck brachte. Besonders attraktiv erschien außerdem blasse Haut, weil sie anzeigte, dass jemand aus »gutem Hause« stammte und nicht in brütender Sonne körperlich ackern musste, um überleben zu können.

Heute hat sich das verschoben. Nicht nur, dass die Gesellschaft viel durchlässiger und die Partnerwahl damit freier geworden ist. Wer überdies in Nord- und Mitteleuropa braungebrannt auftritt, suggeriert unbewusst, eine gute Partie zu sein, weil es Gesundheit signalisiert und weil er oder sie sich einen Urlaub in der Sonne leisten kann. Mittlerweile erlauben sich sehr viele Menschen einen solchen Trip in den Süden, weshalb neue Abgrenzungsstrategien entstanden sind. Parfüms, Schminke und Cremes eroberten den Massenverbrauchermarkt hierzulande nicht zufällig inmitten der wirtschaftlichen Prosperität nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Soziologin Eva Illouz hat das in ihrem Buch »Warum Liebe weh tut« so formuliert: »In eine Zielscheibe der Industrie verwandelt, wurde der Körper ästhetisiert, ein Prozess, der sich dadurch beschleunigte, dass die Kosmetikbranche quer durch alle sozialen Klassen mit der Mode- und Filmindustrie zusammenarbeitete.« Vor allem das Fernsehen, die Werbung und die sozialen Medien transportieren demnach die Botschaft, dass in erster Linie objektiv schöne Menschen ein gutes - das heißt: ein erfolgreiches - Leben führen können.

Als Seyma den Verdacht ihrer Psychologin ernst zu nehmen begann, befand sie sich gerade in einer ganz und gar nicht erfolgreichen Phase. Nach dem Abschluss ihres Pädagogikstudiums war sie einige Zeit auf Arbeitslosengeld II angewiesen. Mit dem Berufseinstieg wollte es einfach nicht klappen. Meist schaffte sie es trotz ihres Einser-Diploms und formal passender Stellen nicht einmal, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. »Nach einem halben Jahr«, sagt Seyma, »wurde mir ein neuer Sachbearbeiter vorgesetzt. Und der verlangte, dass ich ihm jede Bewerbung zeige.«

Ihm sei direkt eines aufgefallen: Sie hatte kein einziges Mal ein Foto von sich verschickt. Obwohl es gesetzlich verboten ist, als Betrieb von Bewerbern ein Passbild einzufordern, sortieren die meisten Personaler fast jede Einsendung aus, die keines enthält. Das dürfte dem Jobcenter-Mitarbeiter bekannt gewesen sein. Darum sollte Seyma sich fortan nur noch mit Foto bewerben. Sonst, da ließ er keine Kompromisse zu, werde er ihr die Bezüge kürzen. Für Seyma war das »der absolute Horror«. Genau darum half ihr diese bürokratische Repression: Sie musste sich endlich damit beschäftigen, warum sie solche Angst vor sich selber hat.

Die Kellnerin tritt an den Tisch. Seyma hält sich die Speisekarte vors Gesicht, sodass nur ihre Augen zu sehen sind. Sie bestellt einen Salat ohne Dressing, gibt die Menütafel ab, dann lacht sie wieder, diesmal wirkt es verlegen: »Jetzt erfülle ich so ein Klischee, aber eine Essstörung habe ich wirklich nicht. Eigentlich finde ich mich gar nicht zu dick.« Probleme habe sie zum Beispiel »mit meinen zu engen Augen. Das ist furchtbar, und nichts lässt sich mit Schminken retten.« Ansonsten seien da noch ihre speckigen Beine, die unförmige Brust, die abstehenden Ohren, die Haare im Gesicht und die zu großen Hände.

Seyma fährt sich mit dem rechten Zeigefinger über den Nasenrücken, so langsam, dass der mit bloßem Auge kaum erkennbare Höcker mit Mühe doch noch auffällt. Diese Körperstelle ist der wichtigste Quell ihres Kummers: »Der Haken treibt mich zur Verzweiflung.« Kurz nach dem Erweckungserlebnis im Jobcenter vermittelte ihr ein Freund einen Termin bei einem Facharzt für Psychiatrie, der den Verdacht der Psychologin bestätigte. Seyma unterzog sich einer stationären Behandlung in der Schön-Klinik für psychosomatische Erkrankungen in Bad Bramstedt bei Hamburg. Mittlerweile wisse sie, dass ihre Selbstwahrnehmung verzerrt sei: »Ich habe Dysmo, und ich finde immer noch überhaupt nichts an mir schön.«

In dem Online-Forum »Dysmorphophobie.de« suchte sie Leidensgenossinnen - es ist eine Krankheit, an der überwiegend Frauen leiden. Seyma ist dort nach wie vor aktiv, auch wenn sie die Geschichten der anderen Betroffenen häufig noch weiter herunterziehen. Da gehe es viel zu oft nur um die Bekämpfung der Symptome: Welches Make-up verdeckt meine Pickel? Gibt es irgendeine Chance, dass die Krankenkasse eine Fettabsaugung bezahlt? Wirkt mein Gesicht schlanker, wenn ich mir die Weisheitszähne ziehen lasse?

So blieb sie mit ihren Sorgen allein. Zwei mehrmonatige Beziehungen scheiterten daran, dass es nur noch um Seymas Aussehen ging. Die Männer wollten sie mit ihrem Freundeskreis bekannt machen, doch sie kapselte sich in ihrer Wohnung ein. Spaß am Sex empfand sie nicht. Sie ertrug Zärtlichkeit nur, wenn es im Raum stockdunkel war. Ihr bisher letzter Freund suchte das Weite, nachdem Seyma ihn andauernd gefragt hatte, ob er sie hübsch finde. Später hat sie einen Job gefunden, der ihr gefällt. In einer Werkstatt für Behinderte arbeitet sie als Betreuerin. »Die Leute dort achten nicht auf mein Äußeres«, sagt Seyma. »Ihnen ist egal, wie ich aussehe. Sie interessieren sich nur für den Charakter.«

Nach eigener Wahrnehmung erledigt sie diesen Job gut, sie stand aber schon mehrmals kurz vor einem Burn-out. Eine Überidentifikation mit der Aufgabe? Im Gegensatz zu Dysmo kann Seyma leicht über Burn-out sprechen. Diese psychische Erkrankung, nichts anderes als eine spezielle Form der Depression, ist gesellschaftlich deutlich weniger stigmatisiert. Burn-out lässt sich in den allermeisten Fällen auf zu große Leistungsbereitschaft im Beruf zurückführen. Sie ist also das Resultat eines sozial erwünschten Verhaltens.

Dysmo dagegen fußt auf vermeintlichen Unzulänglichkeiten und erzeugt Leid, weil die Erkrankten dem ständig spürbaren Druck nicht standhalten, den eigenen Körper selbsttätig zu optimieren. Einmal, erinnert sich Seyma, habe sie versucht, die Ohren mit Industriekleber zu befestigen. Als Studentin jobbte sie jahrelang als Aushilfe in einer Großapotheke, obwohl sie mit dem damals noch monatlich fließenden Geld ihrer Eltern über die Runden kam.

Sie sparte heimlich für mehrere kosmetische Operationen und stibitzte manchmal verschreibungspflichtige Medikamente. »In der Endphase meines Studiums konnte ich nicht einmal mehr in den Spiegel sehen. Morgens ließ ich im Bad das Licht aus, später demontierte ich alle Spiegel in meiner Wohnung.« Bevor Seyma genug Geld beisammen hatte, musste sie Hartz IV beantragen, und bevor sie Hilfe vom Amt bekam, hatte sie das Ersparte komplett aufzubrauchen. So wollen es die Regeln des autoritären Sozialstaats.

In Deutschland ist die Zahl der sogenannten Schönheitsoperationen auf mehr als eine Million jährlich gestiegen. Zehn Prozent der Operierten sind jünger als 20 Jahre alt. 80 Prozent der Operierten sind Frauen, die für einen Eingriff durchschnittlich 2000 Euro ausgeben. Von den Neun- bis Vierzehnjährigen wünscht sich jede(r) Fünfte eine kosmetische Operation, die als hässlich interpretierte Merkmale beseitigen soll.

Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu fünf Prozent aller Teenager und jungen Erwachsenen eindeutige Symptome der Körperdysmorphen Störung zeigen. Dazu gehören: zwanghaftes Kontrollieren des eigenen Aussehens, unablässige Vergleiche mit dem Äußeren anderer Menschen, Verstecken und Kaschieren von Körperteilen hinter Kleidung oder Schminke, die häufige Beschäftigung mit operativen oder medikamentösen Veränderungen und im schlimmsten Fall auch Gedanken an einen Suizid.

Seit Jahren diagnostizieren Studien, in der westlichen Welt steige der Druck, einer Schönheitsnorm zu entsprechen. Der Gesundheitswissenschaftler Friedrich Schorb verbindet in seinem Buch »Dick, doof und arm? Die große Lüge vom Übergewicht und wer von ihr profitiert« diesen Konformitätsdruck mit der Entwicklung hin zu einer neuen Gesundheitsnorm. Sie, so Schorb, »verpflichtet uns unter Androhung des wirtschaftlichen Zusammenbruchs dazu, uns wie Vorzeigeathleten zu verhalten«.

Die Politik privatisiere Lebensrisiken unter dem Etikett der Eigenverantwortung, sodass Armut und Krankheit als selbstverschuldet interpretiert würden. In diesem gesellschaftlichen Klima liegt eine Schlussfolgerung nahe: Wer den eigenen Körper abstoßend findet, der sucht die Schuld dafür zuerst bei sich.

Seyma kramt ihr Handy aus der Tasche, wischt einige Male darauf herum, dann präsentiert sie ein Foto. Zu sehen ist eine Barbie-Puppe, die breitere Hüften hat als die im kollektiven Gedächtnis befindlichen Modelle. »Das ist die kurvige Barbie«, sagt Seyma. In einer Therapiesitzung habe ihre Psychologin davon berichtet und das seit zwei Jahren erhältliche Spielzeug als Beispiel dafür vorgeführt, dass es Hoffnung gebe, die Schönheitsnormen könnten sich vielleicht bald wieder verändern.

Überzeugend fand Seyma das nicht. Die neue Barbie weise alle Merkmale auf, die man kenne: blondes und glattes Haar, eine süße Stupsnase, umfassend angemalte Augen, rosa geschminkte und volle Lippen, dünne Arme, zarte Hände, modische Klamotten und fesche Ladyhandtasche. Die Psychologin zeigte sich begeistert von dieser Antwort, berichtet Seyma: »Sie fand, ich sei auf einem guten Weg, wenn ich die Sache so einschätze.« Ein wichtiger Bestandteil der Therapie bestehe darin, Äußerlichkeiten irgendwann wieder wertfrei beschreiben zu können. Ihre Psychologin sei es auch gewesen, die sie ermutigt habe, der Interviewbitte eines Journalisten nachzukommen.

Demnächst geht Seyma noch einmal für einige Wochen in die Klinik bei Hamburg. Dann will sie die Körperdysmorphe Störung endlich in den Griff bekommen, auf dass die in letzter Zeit oft über sie hereinbrechenden Rückfälle ein Ende nehmen mögen. Seyma blickt auf ihre Armbanduhr und ordert die Rechnung. Sie müsse jetzt los. Mit einer Freundin sei sie zum Shoppen verabredet. Auch so eine Empfehlung ihrer Psychologin zur Konfrontationstherapie? »Nein«, sagt Seyma. »Mir geht es im Moment so gut wie lange nicht mehr. Den Schwung muss ich unbedingt nutzen, bevor der nächste Tiefpunkt kommt und ich dann noch nicht einmal genug Klamotten für den Winter habe.«

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