Europas Billiglohnparadiese

Schlimme Zustände in der Textilindustrie in Serbien und der Ukraine

Ausbeutung: Europas Billiglohnparadiese

190 Euro kostet die Jacke im Laden. Eine ukrainische Arbeiterin, die an einem Tag knapp 200 Stück davon genäht hat, geht Ende des Monats gerade so mit dem gesetzlichen Mindestlohn von 89 Euro nach Hause. Strom und Wasser kann sie davon bezahlen. »Obwohl wir selbst Kartoffeln anbauen und unsere Eltern uns mit Nahrungsmitteln unterstützen, reicht das Geld hinten und vorne nicht«, erzählt eine Frau, die von der Kampagne für Saubere Kleidung befragt wurde. In zwei Berichten weist die Initiative auf gravierende Missstände an den Produktionsstätten internationaler Modekonzerne in der Ukraine und Serbien hin.

Die Bekleidungsindustrie ist in diesen Ländern ein bedeutender Wirtschaftszweig, beschäftigt sind meist Frauen. Im Sieben-Millionen-Einwohner-Land Serbien sind 100 000 Menschen in den Fabriken beschäftigt, in der Ukraine über 200 000, viele ohne Anmeldung und Vertrag. Sie nähen vorrangig für deutsche und italienische Firmen wie Benetton, Esprit, Geox, Triumph und Vero Moda.

Dabei hat sich in der Ukraine die Situation durch Bürgerkrieg und Inflation in den vergangenen drei Jahren massiv verschlechtert. Die Löhne in der Bekleidungs- und Schuhindustrie halbierten sich, zugleich stiegen die Lebenshaltungskosten deutlich. Für beide Länder gilt: Die Mindestlöhne sind weit davon entfernt, existenzsichernd zu sein, konstatieren die Autorinnen der Länderberichte. In der Ukraine entspricht er der Hälfte des offiziellen Existenzminimums, erklärt Oksana Dutchak vom Zentrum für Sozial- und Arbeitsstudien in Kiew, die den Länderbericht verfasst hat. Die Regierungen versuchen auf diesem Wege, ihre Länder attraktiv zu machen.

Neben Hungerlöhnen dokumentieren die Berichte katastrophale Arbeitsbedingungen: Frauen schuften in Hochzeiten zehn bis zwölf Stunden täglich, sechs Tage die Woche, um Produktionsvorgaben zu erfüllen oder überhaupt den Mindestlohn zu erreichen. In den Fabriken Serbiens sei es oft schon im März 30 Grad heiß. Klimaanlagen fehlten oder würden nicht angeschaltet. »Um Energiekosten zu sparen«, wie Bojana Tamindzija bei den Recherchen erfuhr.

Verschärft wird die Lage durch Vorgesetzte, die die Arbeiterinnen schikanieren. Arbeiterinnen würden angeschrien und zu Überstunden erpresst. Die Benutzung der Toiletten sei vielerorts limitiert, zum Teil verboten: So galt in einer serbischen Geox-Produktionsstätte bis 2016 die Anweisung, die Frauen sollten Windeln benutzen, um nicht die Toilette aufsuchen zu müssen. »Die Situation hat sich verbessert«, sagt Tamindzija. »Beschränkungen gibt es aber bis heute.« Wer sich beklagt, bekomme immer denselben Satz zu hören: »Die Tür ist dort drüben!« Gewerkschaftliche Unterstützung gibt es in den Fabriken nicht oder wird stark behindert. Die Kampagne geht zudem davon aus, dass Kontrollbehörden die Verstöße stillschweigend dulden.

Ähnliche Bilder hat die Kampagne für Saubere Kleidung in den vergangenen fünf Jahren für ein Dutzend weiterer Länder des ehemaligen Ostblocks gezeichnet. Dennoch sind die Zustände hierzulande kaum bekannt. Modemarken versuchen vielmehr mit dem Label »Made in Europe« zu suggerieren, dass die Kleidung fair produziert wurde. Anders als für Indien oder Bangladesch, wo die unhaltbaren Zustände spätestens durch den verheerenden Fabrikeinsturz Rana Plaza die westliche Öffentlichkeit aufgeschreckt haben.

Das Modeunternehmen Esprit versichert, in seinen Produktionsstätten herrschten bessere Arbeitsbedingungen. »Die Unterschiede zwischen den einzelnen Fabriken sind sehr groß«, sagt Lary Brown, bei Esprit verantwortlich für soziale und ökologische Nachhaltigkeit. Die niedrigen Löhne bestätigt er hingegen und erklärt: »Unsere Bezugsgröße ist der gesetzliche Mindestlohn, nicht das Existenzminimum.« Änderungen hält er nur für möglich, wenn sich sämtliche Modemarken gemeinsam darauf einigten.

Gewerkschaften halten das für eine Ausrede: »Man hat keine weiße Weste, wenn man einen Mindestlohn unter der Armutsgrenze zahlt«, kritisiert Luc Triangle, Generalsekretär des Gewerkschaftsdachverbandes IndustriALL Europe. Zugleich plädiert auch Triangle dafür, eine gemeinsame Plattform ins Leben zu rufen. Wie nach dem Unglück in Bangladesch müssten sich die Konzerne an einen Tisch setzen und Ziele formulieren, wie die Situation der Arbeiterinnen verbessert werden solle.

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