Abwanderung aus Brandenburg hält an

Schlechte Bevölkerungsentwicklung setzt sich einem Gutachten zufolge fort - Politik hat kaum Mittel dagegen

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 3 Min.

Nach 1990 hat Brandenburgs Sozialstruktur Schläge erlitten, von denen sie sich bis heute nicht erholt hat. Eine bis dato bei Bevölkerungsentwicklung und Wirtschaft ausgeglichene Region hat sich binnen einer einzigen Generation in einen »wuchernden Siedlungsbrei« um Berlin und einen sich entleerenden großen Rest gespalten. Damit nimmt das Bundesland die Struktur eines Drittweltlandes mit Megazentrum und Riesenödnis an. Ausdrücklich warnt die UNO vor einer solchen Entwicklung und nennt sie eine Bedrohung der Stabilität. Vor allem aber: Es geht weiter und weiter.

Das sind - zusammengefasst - die Ergebnisse eines Gutachtens, das der Leipziger Professor Tim Leibert am Freitag der Enquetekommission »Ländlicher Raum« im brandenburgischen Landtag präsentierte. Demnach liegen drei »Siedlungsringe« um Berlin: der äußerste Ring des weiteren Schrumpfens und Entleerens, der innere Ring, wo diese Entwicklung verlangsamt und gedämpft erfolgt und der Ring des berlinnahen Raums, der mit weiterem Zuwachs rechnen kann und muss.

Im Zuge der Debatte um die inzwischen abgeblasene Kreisreform hatten die CDU und andere darauf verwiesen, dass die Bevölkerungsprognosen, auf die sich die rot-rote Landesregierung bei ihrem Reformvorhaben stützte, fehlerhaft beziehungsweise nicht mehr gültig seien, weil es Orte gebe, an denen mehr Kinder geboren werden als bislang angenommen.

Die Vorstellung, daraus eine Trendwende ableiten zu können und nun gar für das gesamte Land, verwies Professor Leibert in seinem Gutachten jedoch ins Reich der Fabel. Solche punktuellen Gewinne würden durch Verluste in der Nachbarschaft mindestens wieder »wettgemacht«, erklärte er. Die tatsächliche Entwicklung sei vielmehr durch die extrem ungünstige Altersstruktur vorgegeben. Nach Sachsen-Anhalt weise Brandenburg gemeinsam mit Thüringen das höchste Durchschnittsalter in Deutschland auf. 28 Jahre nach der Wende sei klar: Niemals könnten Geburten die Sterbefälle oder gar die Abwanderung ausgleichen.

Den Abgeordneten, die mit ihrer Enquetekommission den Eindruck zu erwecken trachten, die Entwicklung steuern oder aufhalten zu können, macht das Gutachten keinen Mut. Vor allem durch die nicht gestoppten Einwohnerverluste durch die Abwanderung junger Brandenburger, vor allem junger Frauen, ist eine Lage entstanden, die »schwer durch politische Maßnahmen zu beeinflussen ist«, wie der Professor sagte. Für junge Menschen sei der süddeutsche Raum anziehend. Je weiter sie wegziehen, desto geringer sei die Rückkehrwahrscheinlichkeit. Das Ausmaß der Wegzüge sei immer noch besorgniserregend. Man müsse damit leben und sich in der Politik auf die Gestaltung dieses Vorgangs einstellen. Selbst das Berliner Umland sei keineswegs so attraktiv für Familien, wie man oft annehme. Auch hier sei die Zahl der alten Menschen überdurchschnittlich hoch. Negative Entwicklungen seien auch hier zu verzeichnen, nur etwas »abgemildert«.

Die Hoffnung, dass die großen Städte in Brandenburg, auch die ausgewiesenen Mittelzentren, eine »Ankerfunktion« erfüllen, sei zwar begründet. Aber das sei keine Garantie für die Zukunft.

Fazit: In Brandenburg dominiert laut Gutachten der ungünstigste Typ der Bevölkerungsentwicklung, der in Friedenszeiten überhaupt vorstellbar ist. Und alles sieht so aus, dass die negativen Einflüsse noch zunehmen. Leibert bedauerte: »Das Ungleichgewicht verstärkt sich.«

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