Bruderkuss und Barfuß

Beim Festival des osteuropäischen Films in Cottbus war das polnische Kino der große Gewinner

Es gab nicht nur eindrucksvolle Filme, sondern auch eine eindrucksvolle Lichtshow am Gebäude des Staatstheaters von Cottbus.
Es gab nicht nur eindrucksvolle Filme, sondern auch eine eindrucksvolle Lichtshow am Gebäude des Staatstheaters von Cottbus.

Es beginnt mit einem Bruderkuss. Dann tanzt ein Ensemble von mit Lenin-Mützen und Schapkas bewehrten Männern, Frauen und Kindern in Schwarzweiß ein Ballett, bei dem allerdings ihre Pioniertücher, ein Kinder-Short und mehrere Theatervorhänge knallrot leuchten. Der Trailer des 27. Filmfestival Cottbus des mittel- und osteuropäischen Kinos, das am Sonntag zu Ende ging, sollte offenbar an den 100. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution erinnern.

Dem historischen Ereignis widmete sich das Festival allerdings nur peripher in der Sektion »Bruderkuss: Vision und Alltag - Sozialistische Realitäten im osteuropäischen Kino«. »Der Kuss zwischen Honecker und Breschnew war ja kein freundlicher Kuss«, erläutert Programmdirektor Bernd Buder, »sondern eigentlich ein zwingender«. Die Oktoberrevolution sei ein Instrument zur Machtkonsolidierung gewesen. Deshalb habe man sich entschlossen, sie nicht mit Filmklassikern à la Eisensteins »Oktober« abzufeiern, sondern diese durch Deutschland tourende Filmreihe zu präsentieren, die zeigt, wie osteuropäischer Film den Alltag kritisch reflektiert hat. Neben Andrzej Wajdas »Der Mann aus Marmor« (1976) zeigte sie jüngere Produktionen aus Tschechien, Rumänien oder Usbekistan.

Weitere sehenswerte Reihen gab es beim Festival zuhauf, so etwa Kurz-Dokus aus den ukrainischen Kriegsgebieten, weißrussische Filme oder einen Fokus Vietnam, dessen Dokus das Leben der Gastarbeiter in der DDR beleuchteten. Beim Wettbewerb Spielfilm erhielt das Filmland Polen die meisten Preise.

Den Hauptpreis »Goldene Lubina« gewann Anna Jadowskas »Wilde Rosen«. Der Film handelt von einer jungen Mutter in der Provinz, die ihren im Ausland arbeitenden Mann mit einem Jugendlichen betrügt und damit ihr streng katholisch geprägtes Dorf schockiert. Ihr wahres Geheimnis lüftet der Film allerdings so spät, dass man bis dahin eine Menge - wohl von der Regisseurin nicht intendierter - Dinge in den Film interpretieren kann. Eine genaue Milieubeschreibung, schöne Bilder und gute Darstellungen (etwa Michal Zurawski als Ehemann) machen das Drama dennoch sehenswert. Marta Nieradkiewicz erhielt die Lubina für die beste Schauspielerin.

Der Genre-Film »I’m a Killer« (Ich bin ein Mörder) von Maciej Pieprzyca dagegen gewann den Preis für die beste Regie, sein Hauptdarsteller Mirosław Haniszewski wurde zum besten Schauspieler gekürt. Erzählt wird in düsteren Bildern die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte der Jagd auf einen Serienkiller im Katowice der 1970er. Hochrangige Beamte der Volksrepublik Polen erschweren dem jungen Kommissar die Aufklärung des Falls, bis er selbst Indizien manipuliert, um einen Schuldigen zu finden. Der spannende und differenziert gezeichnete Krimi zeigt den Zwiespalt und die zunehmende Korruption seines Helden und zeichnet eine Spirale aus Druck, Bestechung und Einflussnahme, die in ein moralisches Dilemma mündet.

Insgesamt wies der Cottbusser Wettbewerb erneut eine große Bandbreite auf. »Wir wollen gute Filme zeigen, deren Vielfalt repräsentativ für Osteuropa sein kann, also verschiedene Inhalte, künstlerische Formen und auch möglichst eine geografische Bandbreite präsentieren«, erklärt Bernd Buder die Auswahlkriterien der Hauptreihe. Die Filme sollten für ein Fachpublikum und ein normales Publikum gleichermaßen attraktiv sein.

So handelten einige der Beiträge von existenziellen Nöten, gesellschaftlicher Indifferenz und drohendem sozialen Abstieg. Witali Suslins russischer Film »Ein Kopf, zwei Augen« bebildert die wahre Geschichte eines jungen Bauern, der von windigen Geschäftemachern nach Moskau gelockt wird, um dort für sie illegale Transaktionen abzuwickeln. Während der Held an die naive Wanja-Gestalt aus russischen Märchen erinnert, hat man Moskau im Kino selten so (gefühls-)kalt erlebt wie in diesem Film.

Das aserbaidschanische Drama »Der Granatapfelgarten« (Regie: Ilgar Najaf) wiederum erzählt mit Anleihen an Tschechows »Kirschgarten« von verschwindenden Lebensentwürfen auf dem Lande, während Jan Cvitkovics slowenischer Film »Die Familie« den jähen Absturz einer wohlsituierten Familie in Ljubljana schildert. Doch auch Feelgood-Filme konnte man in Cottbus genießen. So gewann den Publikumspreis der »Oscar«-Gewinner und Cottbus-Stammgast Jan Sverak mit seiner gefälligen, aber sehr unterhaltsamen Historienkomödie »Barfuß«.

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