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Verblitzendes Begehren

Peter Gosse: »Stabilierte Saitenlage« - Liebesgedichte eines prägenden deutschen Dichters

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

Was macht den Wert von Wagnissen aus? Die Höhe des Aufschwungs? Doch eher die mögliche Fallhöhe. Die Liebe als Gleichnis: Jeder sucht nach dem Höhepunkt - um in eine Ermattung zu stürzen, die aber unbedingt noch zum Erlebnis zählen soll. Was in einer Liebesnacht möglich ist, wird im Leben leicht zum Drama. Nähe, diese große Sehnsucht, die Menschen zueinander treibt - sie bleibt der große, untilgbare Widerspruch. Nähe heilt nicht wirklich, Nähe reißt auf, es ist das eigentliche Tor zur Fremdheit, denn einen anderen Menschen erkunden zu wollen (Anmaßung!), ihn zu erfahren, gar zu erkennen, und sei es fragmentarisch - das ist immer auch der Eintritt in Untiefen, die alles noch dunkler machen; es ist auch der Schritt hin zu Abgründen, die keinesfalls nur immer harmlos gähnen.

Je tiefer man einander vertraut, je vertrauter man sich ineinander vertieft, desto unergründlicher gerät eine Liaison. Du stößt auf Wirre und Wüstheit und Unlesbarkeit. Vielleicht kann man die Welt von einem einzigen Punkt aus ins Zittern bringen, auf einen Punkt zu bringen ist sie nicht. Auch nicht durch Partnerschaft. Wahre Liebe, wahre Nähe ist noch in betoniert scheinender Gewöhnung aneinander und Gewohnheit miteinander das Spiel mit dem Unbekannten. Das uns in Träumen heimsucht, in Erinnerungen, im tobenden Geschwirr unseres so unsteten Bewusstseins.

Der Dichter Peter Gosse hat jetzt »Die Liebesgedichte« veröffentlicht. Das klingt wie: Bilanz, Kompendium, Abschluss. Arbeitsstadium eines bald Achtzigjährigen. Natürlich ist da prall und immer noch praller jene Sinnlichkeit präsent, die dem Thema gemäß ist. Gedichte, die bezügliche Titel tragen: »Sündenphall«, »Aufreiß«, »Knäuel«, »Erotika-Septett 1 und 2«, »Nassheit«. Sogar im engen »Trabant« war dem DDR-Manne manches möglich, wenn die bevorzugte Dame Voraussetzungen mitbrachte: »Fast knochenlos die Gliederchen, ich spreizt’ sie/ So sanft ich eben konnte«. Die potenzschädigende Wirkung von Wodka kommt ebenfalls zur Sprache: »Wie er mich/ Enteist. Enteisent. Enteit.« Und die Selbstironie des Alters diktiert dies: »Wie mir die schönsten Löcher sich unübersehbar verschließen./ Löcher! Alleine sich auf tun des Gedächtnisses die.«

Einmal schreibt Gosse: »Du stöhnst. Wenn ich ins Leben stoße verpufft es.« Da ist er!, der Ton, der das Leibliche weitet. Vom Schwanze ins Ganze. Dieser Dichter arbeitet gleichsam, im unentwegten Wechsel, mit Fernrohr und Mikroskop. Ein Gulliver der besonderen Art, der durch Nervenbahnen zu ziehen scheint, um im nächsten Moment aus fernster Galaxis auf den Menschen herunterzublicken. Heißestes Bemühen bei kaltem Blick; der Schrei der Lust ist auch der Schrei aus Schmerz: Von der Liebe kann man vieles erwarten, man kann von ihr aber kein besseres Leben erpressen. Packend, forsch, zart kreisen die Verse ums Unfassbare, das hinter den festen Wänden der normierten Existenz auf die Klopfzeichen wartet, die wir geben. Oft versehentlich, ahnungslos, ohne bewusste Sinnanstrengung - indem wir uns hingeben, indem wir uns hergeben, indem wir uns ausgeben, indem wir vergeben, indem wir uns viel vergeben.

Der Leipziger ist ein Meister der freudigst praktizierten Künstlichkeit, seine Sprache wölbt sich aus, ist neuwortfrech, sie stelzt auch mal, sie ist störrisch eigen, widerhakengierig - seine Lyrik ist die eines Spielers im Schiller’schen Sinne: Er hat wohl die Geschichte der Poesie als Geschichte der gesamten Gattung im Kopf - denn nur in der Dichtung sind das Murmeln, der Seufzer und die pathetische Überschreitung, die frenetische Freude und die abgrundtiefe Trauer noch immer und immerfort gegenwärtig als eine unanfechtbare Glaubwürdigkeit. Zu lesen ist von »fiebriger Entfernungsübergröße«, von »mütterlichen Hütungsblicken«, vom »Schabegeschrill des Baggers«, von »Twistes Tränensalz«, von »Unverwunschenheit«, vom »Lichtstäubchen Heimelung«. Die Welt ist »juniplustrig«, »lustzerspannt« oder »dürrhell«.

In solcher Erfindungslust drückt sich seit jeher die Eigenart dieses großen deutschen Poeten aus: Der einstige Diplomingenieur für Hochfrequenztechnik, dessen erster Gedichtband »Antiherbstzeitloses« (1968) gegen »Herbstiges und Zeitloses und Blümeliges« antrat - er ist der Materialist, der aber heiter wider alles »Vernunftgezücht« (Botho Strauß) schreibt; er ist der Lichthelle, der noch dort, wo er geradezu alchemistisch - und versiert in rhetorischen Kopplungstechniken - Sprache schöpft, ein Romantiker bleibt. »Stabilierende Saitenlage«? Etwas Stabiliertes - was ist das? Erzwungene, verkrampfte, unwirkliche Festigkeit und Sicherheit? Die Seitenlage im Bett - hingeleitet ins Kompositorische. Die Kunst der Liebe, das Liebeslied der Kunst. Aus stabiler Seitenlage ins Schweben der Phantasien.

Gosses Wort weiß mehr, als es sagt. Es stammt nicht aus den Geläufigkeiten. Es ist Austausch, »ich sog die Luft ein, die ihr Atem stieß«. Und dies Wort erfüllt auf unverwechselbare Weise die Grundbedingung des Literarischen: Es ist etwas, was mir selber fehlt. Also lese ich, als lebte ich mehr, als mir zu leben gegeben ist. Bei Gosse geht’s mir so. Ging’s mir schon immer so. Der Weitschwung. Das Tüfteltimbre. Das Antigeschmeidige. Und doch: »Ein Aufgehn irgend in Entgrenzung.«

Hier entsagt ein Dichter der Informationsgesellschaft, die uns mit fortwährend Neuem so bedrängt, dass wir vergessen, wie alt die Welt schon ist. Im Buch das graphische Zuwerk von Gerhard Kurt Müller: viel Trauer, viel Gebeugtheit, also sehr viel Lebenswissen, und zur Mannes-Gemächtigkeit des Dichters das natürliche Gegengewicht: Frauen. Also: Mütter, Hütende, Hautlose - Heldinnen des Traums, Weichteile seien endlich anerkannt als Zentralorgane des Menschlichen. Wie ein schöner, herber, rauer Hauch Barlach!

Diesem Schriftsteller »im Aufgesied verblitzenden Begehrens« ist das willenlose Gemächliche fremd, das ein Flaneur mit Behagen pflegen würde; auch besitzt er nicht die kühle Unberührbarkeit, mit der ein Chronist jedes Geschehen notiert - Gosse ist in seinen Liebesgedichten, die Lebensgedichte sind, ein nervöser Aufmerksamer, der mit anhaltender Kraft Zwiesprache mit dem Diffusen, dem Fernen und Früheren hält. Das die Anstöße liefert, um in der Wahrnehmung der Wirklichkeit, zwischen Oka und Darß, Saalestrand und Schladitz, ein Unbehagen zu spüren - und just dieses Unbehagen macht die Empfindung frei für »Beinglanz« und »Weltbehaustheit«, für Erheiterungen und Erschütterungen. »Dasein, du Fehlgefüge.« So erzählt dieser Diagnostiker vom Genuss des Nichtverstehens: dass nämlich zwischen Traum und Wirklichkeit der kleine Unterschied webt. Zum Wunderort seiner Poesie erhebt er jenen Punkt, an dem die Widersprüche an einen Stillstand kommen, der sie nicht aufhebt, sondern gleichberechtigt leuchten lässt.

Peter Gosse: Stabilierte Saitenlage. Die Liebesgedichte. Mit Zeichnungen und Holzschnitten von Gerhard Kurt Müller. Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale). 108 S., geb., 17,95 €.

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