Trauer um einen Großen

Bernhard Eckstein, Sieger des mythischen WM-Straßenrennens 1960 auf dem Sachsenring, ist im Alter von 82 Jahren verstorben

Bernhard Eckstein (l.) 1957 bei »Rund um die Hainleite«
Bernhard Eckstein (l.) 1957 bei »Rund um die Hainleite«

Im Radsport nannten ihn alle nur »Ecke«: Der gelernte Werkzeugdreher Bernhard Eckstein, der Mitte der 50er Jahre aus dem Erzgebirge von der BSG Fortschritt Lichtenstein zum SC DHfK Leipzig gewechselt war, gehörte in ihren Anfangsjahren zu den besten Straßenradfahrern der DDR. Genau genommen war er der Zweitbeste: Nur Friedensfahrtsieger Gustav-Adolf (»Täve«) Schur war dem bescheiden auftretenden Bergspezialisten meist eine Radlänge voraus und sollte es sogar bleiben, als Eckstein ihn besiegte: im mythischen WM-Straßenrennen der Amateure 1960.

150 000 Menschen säumten den 8,73 Kilometer langen Rundkurs der Rennstrecke bei Hohenstein-Ernstthal an jenem 13. August des Jahres 1960. 111 Fahrer gingen ins Rennen, mindestens drei Dutzend durften sich Chancen auf den Sieg ausrechnen. Die Zuschauer an der Strecke drückten dem Titelverteidiger die Daumen: Täve Schur, Weltmeister 1958 und 1959, Friedensfahrtsieger 1955 und 1959, untadeliger Sportsmann, Vorzeigeathlet, Volkskammerabgeordneter.

Doch Schur tat sich schwer, erst in der 20. und letzten Runde sollte die Entscheidung fallen, als Bernhard Eckstein und Täve Schur den allein vorneweg fahrenden Belgier Willy Vandenberghen einholten. Zuvor hatte der blendend aufgelegte Eckstein lange warten müssen, ehe sein Mannschaftskapitän Schur überhaupt zu ihm aufgeschlossen hatte.

Eckstein schilderte die Rennsituation später so: »Genau dort, wo die Rennstrecke ein Stück parallel zur Autobahn verläuft, erwischten wir den Belgier Willy Vandenberghen. Er hatte sich vorher allein aus dem Staub gemacht. Täve und ich wechselten kein Wort. Wir sahen uns nur in die Augen. Ich jagte wie im Spurt weiter. Täve Schur aber blieb bei dem Belgier. Der war völlig verdutzt. Er zögerte; vielleicht zehn Sekunden. Die reichten mir, um wegzukommen. Ich jagte ohne hoch zu gucken los und wurde Weltmeister.« Schur gewann im Spurt sogar noch Silber vor Vandenberghen. Auf dem Siegerfoto von 1960 verschwindet der schmächtige Eckstein (1,63 m groß, 57 Kilo schwer) beinahe hinter dem Blumenstrauß und den breiten Schultern der Konkurrenten. Der überragende Doppelsieg und die taktische Meisterleistung der DDR-Straßenradfahrer wurden im Nachgang zum Heldenepos umgedichtet, in dem sich Weltmeister Schur uneigennützig fürs Kollektiv opferte. Erst 2011 sollte Täve Schur in einem »nd«-Interview den Mythos dezent relativieren: »Ich hätte es natürlich gerne gesehen, wenn ich da aus der Spitzengruppe noch alleine weggekommen wäre. Aber ich wusste genau, ich hatte keine Chance. Und deswegen war ich auch nicht ganz einverstanden, wenn da so gelobhudelt wurde. Andererseits: Wenn viele das so sahen, dann habe ich denen zugestimmt, denn was konnte es Besseres geben als den Gedanken: Mensch guck mal, was wir leisten können, wenn wir gemeinsam in einen Topf arbeiten!«

Für Eckstein blieb der Weltmeistertitel der größte Triumph. Mit Täve Schur verband ihn fortan der geteilte Ruhm aus der Legende vom Sachsenring, aber auch eine lebenslange Freundschaft. Nach Karriereende fing Bernhard Eckstein 1967 als Fotograf bei »nd« an. Er arbeitete bis 1990 vor allem für die Leipziger Redaktion. Kollegen erinnern sich, wie er immer wieder haderte, dass sein WM-Sieg nicht als seine ureigene Leistung anerkannt wurde. Eckstein starb vorige Woche mit 82 Jahren nach langer Krankheit im Kreis seiner Familie.

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