Mindestens ein Toter

Andreas Koristka über tapfere Durchhaltekünstler wie den tapferen Olaf Scholz und den tapferen Horst Seehofer

  • Von Andreas Koristka
  • Lesedauer: 4 Min.
Andreas Koristka ist Redakteur des Satiremagazins »Eulenspiegel«.
Andreas Koristka ist Redakteur des Satiremagazins »Eulenspiegel«.

Jetzt ist es endlich raus. Olaf Scholz hat erklärt, dass er zurückgetreten wäre, hätte es während des G20-Gipfels einen Toten gegeben. Schön, dass es noch Politiker mit Rückgrat gibt! Ehrenhafte Menschen, die die politische Verantwortung für das Tun anderer tragen. Denn ob ein tödlicher Schuss fällt, wenn die Polizei mit Kriegsgerät durch einen Haufen Protestierer rennt, liegt nicht direkt in der Macht des Hamburger Oberbürgermeisters. Da spielt Kommissar Zufall ebenfalls eine nicht ganz untergeordnete Rolle ...

Weil das so ist, ist klar: Ein Toter hätte es in Hamburg mindestens sein müssen. Besser wären natürlich zwei. Aber unter einem macht Scholz es auf gar keinen Fall! Wenn ein Spezialeinsatzkommando der österreichischen Polizei einigen unbeteiligten Passanten nur die Füße abgeschnitten hätte, um sie als ausgestopfte Trophäen mit in die Steiermark zu nehmen - der zweitbeste Sozialdemokrat, denn die SPD derzeit hat, wäre selbstverständlich im Amt geblieben. Das wäre er allein seinen vielen Wählern und seinem riesigem Ego schuldig gewesen.

Der Hamburger Bürgermeister hat eben Prinzipien. Und man wünschte sich, alle Politiker würden sie teilen. Es ist zuweilen traurig, wie die Leute an ihren Posten hängen, als gäbe es kein Morgen oder keine Pensionszahlungen mehr. Ein gutes Beispiel dafür ist momentan Horst Seehofer. Ist es nicht unter der Würde des bayrischen Riesen, sich weiterhin an seinen Job des Ministerpräsidenten zu klammern? Klar, der Mann hasst seinen potenziellen Nachfolger Markus Söder. Aber welcher vernünftige Mensch tut das nicht? Politik heißt eben manchmal auch loslassen können und anderen die Verantwortung zu überlassen, egal, welche Schmutzeleien diese sich in der Vergangenheit geleistet haben.

Würde es einem nicht viel mehr Respekt abverlangen, wenn Seehofer seinen Gamsbarthut nehmen und gehen würde? Er würde uns allen als der erfolgreiche Politiker in Erinnerung bleiben, der Alexander Dobrindt dressierte und der immer ein Lächeln auf den Lippen hatte, egal, wie es ihm ging oder ob die Kanzlerin neben ihm auf der Bühne gedemütigt wurde.

Stattdessen sitzt Seehofer lieber in den Jamaika-Sondierungen und lässt sich von den frechen Rotzlöffeln der Grünen das Leben schwer machen. Die wissen natürlich, dass der Ministerpräsident angeschlagen ist. Derzeit dringt wenig von den Verhandlungen nach außen, aber man kann sich die üblen Scherze der geistigen Erben der APO gegen den geliebten Führer der Bayern schon vorstellen - wie Jürgen Trittin Seehofer Bioerzeugnisse unter die Weißwürschtl schmuggelt oder wie Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir dem bayrischen MP nach Verhandlungsende auflauern, um ihm gemeinsam in den Mantel zu helfen.

Warum tut der Mann sich das noch an? Ein Mann, der alles in seinem Leben erreicht hat. Ein Mann, dem überall in Europa von Moskau bis runter nach Budapest höchster Respekt entgegengebracht wird? Ein Mann, dem im ganzen Land die Frauen hinterherlaufen, und sei es, weil sie Unterhalt für ihre unehelichen Kinder möchten? Man müsste wohl selbst Berufspolitiker sein, um Seehofers Verhalten restlos zu verstehen. Uns bleibt nur die Rolle des schockierten Publikums, das die Götterdämmerung gebannt verfolgt.

Dabei ist allen klar: Irgendwann wird es soweit sein. Dann wird Seehofer zurücktreten müssen. Es wird ein gewaltiges Ende werden. Und sollte tatsächlich Markus Söder sein Nachfolger werden, dann wird es auch ein lustiges. Was wird dann alles aus Bayern kommen? Die Herdprämie für Ausländer? Die Maut für das Passieren der Obergrenze? Wird Söder, wie wir es schon von ihm im Fasching gewohnt sind, nur aufwendig kostümiert in Berlin erscheinen? Egal, wie das alles konkret aussehen wird, witzig wird es auf jeden Fall. Aber bis Horst Seehofer tatsächlich zurücktritt, wird es wohl mindestens einen Toten geben müssen. Besser wären natürlich zwei.

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