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»Vertrauen aufbauen muss man immer«

Noch bis Ende März führen Nordlichter Berlins landeseigenen Betrieb für Flüchtlingsunterkünfte

  • Von Johanna Treblin
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Wände sind schmutzig, an manchen Stellen ist die Tapete abgeblättert. Einen besonders heimeligen Eindruck macht das Flüchtlingsheim in der Maxi-Wander-Straße in Marzahn nicht. Das weiß auch Linda Kuhl, und sie hofft auf Besserung: »Wir haben Gelder beantragt, um die Unterkunft komplett neu zu streichen.«

Kuhl ist Mitarbeiterin des landeseigenen Betriebs, der drei Berliner Flüchtlingswohnheime leitet. Sie ist zuständig für die Koordinierung der Mitarbeiter zwischen den Heimen. Wie alle Angestellten kommt sie aus Hamburg: Der Senat hat mit dem Aufbau des Betriebs Rembert Vaerst beauftragt, ehemaliger Chef von »Fördern und Wohnen«, ein städtisches Unternehmen, das bis auf eines alle Gemeinschaftsunterkünfte in Hamburg betreibt - ausgenommen die Erstaufnahmeeinrichtungen. Weil Berlin mit dem Eigenbetrieb keine Erfahrungen hat, sollten die Hamburger ihre Erfahrung nach Berlin bringen.

Im Großen und Ganzen klappt das, meint Kuhl, aber: »Wir können nicht einfach den Koffer in Hamburg packen und hier öffnen.« Viele Verfahrensweisen müssten angepasst werden. In Berlin seien die Zuständigkeiten der Verwaltungen andere, beispielsweise müssen sich Geflüchtete je nach Geburtsdatum an die Jobcenter unterschiedlicher Bezirke wenden.

Als die Hamburger das Heim in der Maxi-Wander-Straße übernahmen, traten sie kein leichtes Erbe an. Bis August vergangenen Jahres hatte die private Pewobe das Heim geleitet. Das Land Berlin hatte der Pewobe kurzfristig gekündigt, als ein rassistisch anmutender E-Mail-Verkehr zwischen Mitarbeitern des Unternehmens öffentlich geworden war. Vorübergehend übernahm die ebenfalls private Prisod den Betrieb.

Wenige Monate nachdem Vaerst und sein Team in Marzahn starteten, erhoben Bewohner in der »taz« Vorwürfe und sagten sogar, der frühere Betreiber sei besser gewesen. In der Unterkunft wimmele es von Kakerlaken, hieß es, die Waschmaschinen reichten nicht aus und in den Gemeinschaftsräumen seien Feste nicht gestattet.

Bei letzterem soll es auch bleiben. Konkret ging es Kuhl zufolge darum, dass im Gemeinschaftsraum, dem sogenannten Glaskasten, religiöse Feste gefeiert werden sollten. Das lehnt der Landesbetrieb ab. In den Privaträumen könne jeder seiner Religion nachgehen und auch andere dazu einladen. »Aber in den Gemeinschaftsräumen sind wir religionsneutral.« Schließlich lebten im Heim auch Menschen, die vor bestimmten Kulturen oder Religionen geflohen seien. Diesen sollten sie dann nicht im Heim ausgesetzt werden. Darüber hinaus werde der Gemeinschaftsraum nun abends geschlossen - nachdem eines nachts die Möbel beschädigt worden waren. »Wir haben nun einmal auch stark belastete Bewohner hier«, sagt Kuhl. Man spreche mit ihnen, bei Straftaten müssten sie aber auch mit einer Anzeige rechnen.

Zu den Kakerlaken sagt Kuhl: »Zufriedenstellend ist die Situation nicht: Wir haben immer mal Fälle. Das ist der Bausubstanz geschuldet.« Alle zwei Wochen sei ein Schädlingsbekämpfer zu Besuch.

Insgesamt ist Dana Beiler, Leiterin der Unterkunft, zufrieden. An einige Änderungen hätten sich die Bewohner erst gewöhnen müssen. Das sei aber normal. »Vertrauen aufbauen muss man am Anfang immer.« Das sei unter anderem dadurch gelungen, dass die üblichen monatlichen Begehungen der Wohnräume rechtzeitig angekündigt würden. »Und dabei kann man dann einfach mal eine Runde schnacken.«

Ab Januar sollen Berliner Mitarbeiter eingestellt werden, Ende März wollen die Hamburger wieder zurück in die Heimat. Und Vaerst endlich in die geplante Rente.

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