Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung
  • Politik
  • Gehälter in der Sozialen Arbeit

Mitarbeitersuche im Frauenhaus

Bezahlung unter Tarif schreckt viele Bewerber ab

  • Von Iris Leithold, Schwerin
  • Lesedauer: 3 Min.

»Dafür habe ich nicht studiert« - diesen Satz hört Reinhard Marschner immer öfter in Bewerbungsgesprächen. Der Geschäftsführer des Vereins Quo Vadis, der in Neubrandenburg das Frauenhaus betreibt und Gewaltopfer berät, berichtet von wachsenden Problemen bei der Stellenbesetzung. Im Frauenhaus der Viertorestadt sei eine der zwei Sozialpädagogenstellen sieben Monate lang unbesetzt geblieben, sagte er jetzt in Schwerin. Die Beratungsstelle für Opfer sexualisierter Gewalt in Neubrandenburg habe zwei Monate schließen müssen, weil die einzige Stelle nach dem Weggang der Mitarbeiterin erst einmal nicht nachbesetzt werden konnte.

Sprecher verschiedener Träger sagten übereinstimmend, dass seit 2005 eingefrorene Landeszuschüsse die Frauenhäuser und Beratungsstellen in MV vor existenzielle Probleme stellten. Rund 70 Mitarbeiter - die meisten von ihnen Frauen - in den landesweit 32 Einrichtungen arbeiteten bis zu 48 Prozent unter Tarif. Freie Stellen blieben monatelang unbesetzt, weil die Gehälter zu niedrig seien. Bedürftige könnten nicht die Hilfe erhalten, die sie benötigen. Trotz vieler Gespräche mit dem Sozialministerium und den Regierungsfraktionen solle es auch 2018/2019 nicht mehr Geld geben.

Die Träger der Frauenhäuser und Beratungsstellen fordern eine jährliche Steigerung der Landeszuschüsse zum Ausgleich der Kostensteigerungen. Man habe den Eindruck, der Sparstrumpf der Landesregierung zu sein, sagte der Geschäftsführer der AWO Schwerin-Parchim, Axel Mielke.

Das Problem eingefrorener Landeszuschüsse haben viele Träger, die soziale Dienste anbieten. Vor wenigen Wochen hatte der Paritätische Wohlfahrtsverband ebenfalls davon berichtet. Seit 2013 seien die Zuschüsse für Beratungsstellen eingefroren und der Entwurf der Landesregierung für den Doppelhaushalt 2018/19 sehe erneut keine Steigerung vor, hatte der Vorsitzende Wilhelm Bluschke im Oktober gesagt. Viele Träger seien inzwischen am Limit, wie die Schwangerschaftsberatung von Pro Familia oder die Beratungsstelle des Elternverbandes hörgeschädigter Kinder in Mecklenburg-Vorpommern. Erste Träger überlegten, ihre Beratungsangebote einzustellen.

Bluschke und auch die Träger der Frauenhäuser warfen Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) vor, gute Löhne für gute Arbeit zu fordern und dann zuzusehen, wie gute Arbeit schlecht bezahlt werde, weil das Land seine Zuschüsse seit Jahren nicht an die Tarifentwicklung anpasse. Die Inflationsrate sei von 2005 bis 2017 um 18,5 Prozent gestiegen. Viele Kollegen nähmen seit Jahren real einen Lohnverzicht in Kauf. Die Bezüge der Landtagsabgeordneten seien hingegen seit 2006 um 27,3 Prozent gestiegen, die des Ministerpräsidenten um 29,8 Prozent.

Sozialministerin Stefanie Drese (SPD) äußerte Verständnis für das Anliegen der Frauenhäuser und Beratungsstellen. »Ich kann verstehen, dass es Enttäuschung darüber gibt, dass die Personalkostenförderung im Beratungsbereich noch nicht gestiegen ist«, sagte sie und versicherte, das Thema auf der politischen Agenda zu haben. »Bei der Personalkostenförderung muss sich was bewegen.« Notwendig seien aber auch strukturelle Veränderungen bei den Trägern.

Drese verwies auf Verbesserungen bei der personellen Ausstattung der Frauenhäuser. Kleine Einrichtungen mit nur zwei Stellen sollen eine dritte bekommen. Dafür steige der Landeszuschuss ab 2018 von 702 000 Euro auf 842 000 Euro jährlich. Die Träger der Frauenhäuser erklärten allerdings, dass es sehr schwer fallen werde, dafür Mitarbeiter zu finden. Auch sei die Kofinanzierung durch die Kommunen noch ungeklärt. Die Landkreise und kreisfreien Städte hätten signalisiert, dass das Land diese Stellen komplett selbst bezahlen solle, weil sie auf dessen Wunsch hin geschaffen werden sollen. dpa/nd

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln