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Zu erschöpft fürs Privatleben

Beschäftigte in allen Branchen wünschen sich kürzere Arbeitszeiten und eine bessere Absicherung im Alter

  • Von Rainer Balcerowiak
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Vereinbarkeit von Arbeit, Familie und Freizeit ist eines der zentralen gewerkschaftlichen Themen in den laufenden Tarifauseinandersetzungen und auch weit darüber hinaus. Neben der aktuellen Forderung der IG Metall nach einem verbrieften Recht auf die zeitweilige Reduzierung der Wochenarbeitszeit auf 28 Stunden gibt es in anderen Branchen auch Modelle mit langfristigen Arbeitszeitkonten (Bergbau, Chemie, Energie) und Wahlmöglichkeiten zwischen Lohnerhöhungen und Arbeitszeitverkürzungen, wie zuletzt bei der Deutschen Bahn.

Die grundsätzliche Dimension der Konflikte um die Arbeitszeitgestaltung zeigt nun der neue DGB-Report »Gute Arbeit 2017«, der am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Die Ergebnisse der repräsentativen Umfrage sind deutlich. 41 Prozent aller Beschäftigten klagen demnach über sehr häufige oder häufige Erschöpfungszustände nach der Arbeit. Im Sozial- und Gesundheitswesen sowie in der Gastronomie sind es sogar mehr als 50 Prozent. Als besondere Belastungen werden die Erwartung der ständigen Erreichbarkeit und das tatsächliche Arbeitspensum, das oftmals weit über die tariflich vereinbarten Arbeitszeiten hinausgeht, genannt. Der DGB geht davon aus, dass in der deutschen Wirtschaft pro Jahr rund 1,8 Milliarden Überstunden geleistet werden, davon eine Milliarde unbezahlt. Weitere oft genannte Belastungsfaktoren sind die Sorge um eine ausreichende Altersversorgung, die Unsicherheit des Arbeitsplatzes und die mangelnde Wertschätzung durch Vorgesetzte.

Der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann verwies bei der Vorstellung auf die mittlerweile unbestrittenen gesundheitlichen Folgen der Arbeitsverdichtung, die oftmals als »notwendige Flexibilisierung« angepriesen werden. »Auch wir wollen eine flexiblere Arbeitszeitgestaltung, aber im Sinne der Beschäftigten und ihrer familiären und privaten Bedürfnisse«, so Hoffmann. Dies müsse zum einen auf der tariflichen Ebene geregelt werden, aber auch gesetzlich. Dagegen sei es »der völlig falsche Weg«, jetzt die Arbeitszeit- und Arbeitsschutzgesetze im Sinne einer weiteren Deregulierung zu verändern, wie es derzeit bei den Sondierungsverhandlungen zur Bildung einer »Jamaika-Koalition« diskutiert wird. Union, FDP und Grüne planen unter anderem, die Bemessungsgrenze für prekäre »Minijobs« auf 500 Euro oder mehr zu erhöhen. Auch die »Lockerung« des Arbeitszeitgesetzes wird diskutiert. Stattdessen vermisst Hoffmann Vorschläge, wie die möglichen Regierungsparteien den nach wie vor wachsenden Niedriglohnsektor und die missbräuchliche Nutzung von Werkverträgen für Arbeitnehmertätigkeiten einzudämmen gedenken. Fast die Hälfte (46 Prozent) der Arbeitnehmer halten die Entlohnung für ihre Arbeitsleistung nicht in Ordnung.

Michaela Rosenberger, Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG), verwies darauf, dass die Arbeitsbedingungen in Branchen mit sehr hohem Frauenanteil von den meisten Befragten als besonders belastend empfunden werden, gerade im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Denn Frauen mit Kindern und/oder pflegebedürftigen Angehörigen leisteten außerhalb der Berufstätigkeit den Großteil der häuslichen »Sorgearbeit« mit einem durchschnittlichen Volumen von 39 Stunden pro Woche - auch wenn sie Vollzeit arbeiten. Die Verlagerung bestimmter beruflicher Tätigkeiten in das häusliche Umfeld (»Home Office«) sei nur bedingt eine Lösung, die dieser Entgrenzung der Arbeitszeit oftmals weiteren Vorschub leiste.

Als »besonders perfide« kritisierte Rosenberger die Kampagne des Hotel- und Gaststättenverbands (DEHOGA), der mit dem Argument der »Anpassung an die Lebenswirklichkeit« den Acht-Stunden-Tag als Norm abschaffen will. Die Arbeitgeber wollen den Einsatz der Beschäftigten leichter an den jeweiligen Arbeitsanfall anpassen können, z.B. zu Saisonspitzen und großen Festen. Dabei gebe es schon schon tarifliche Klauseln zur Flexibilisierung und Möglichkeiten zum Einsatz von zusätzlichen Aushilfskräften, so Rosenberger. Es sei »absurd«, wenn der DEHOGA seine Forderung mit dem Arbeitskräftemangel begründe und gleichzeitig durch schlechte Bezahlung und miserable Arbeitsbedingungen dafür sorge, dass immer weniger Fachkräfte in dieser Branche arbeiten wollten.

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