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Ikonen des Expressionismus

Das Brücke-Museum begeht sein 50-jähriges Bestehen mit einer eindrucksvollen Jubiläumsausstellung

Das Brücke-Museum zählt heute zu den international bekanntesten deutschen Museen und hat die größte, hochkarätigste Sammlung der Expressionisten. Es wurden hier monographische oder Themenausstellungen gezeigt, die das Werk der Brücke-Künstler, aber auch der Künstler des »Blauen Reiters« und anderer Expressionisten neu bewertet haben: »Das zeichnerische Œuvre von Franz Marc« (1989), »Der frühe Kandinsky« (1994), »Der blaue Reiter« (1996), »August Macke und die Rheinischen Expressionisten« (2002), die farbige Druckgraphik von Kirchner, »Kirchner in Berlin« (2008), »Emil Nolde - der Maler« (2016).

2014 konnten erstmals alle fünf existierenden Folgen von Kirchners berühmtem Holzschnittzyklus »Peter Schlemihl« zusammengeführt werden. Großartiges ist in der Komplettierung der Sammlung geleistet worden. Erst jüngst hat das Museum aus einer Berliner Privatsammlung vier Arbeiten von Kirchner, Heckel und Pechstein erhalten. Doch gibt es auch manchen Verlust zu beklagen: 2006 wurde Kirchners berühmte »Berliner Straßenszene« restituiert, die eingeräumte Frist, es zu einem bestimmten Preis kaufen zu können, wurde nicht genutzt - und so ging dieses Schlüsselwerk Berlin verloren.

Magdalena M. Moeller, die fast 30 Jahre lang das Brücke-Museum geleitet hat, verabschiedete sich mit der aktuellen Jubiläumsausstellung in den Ruhestand. Mit den Ausstellungen, die sie in die Welt schickte, ihren gewichtigen Erwerbungen, für die ja die finanziellen Mittel aufgebracht werden mussten, ihren Forschungen und Publikationen ist sie zu einer Protagonistin der Expressionismus-Rezeption geworden. Man hat sie mit Recht als Botschafterin der »Brücke« in Deutschland und damit als Botschafterin Deutschlands in der Welt bezeichnet.

Das 1967 aus Stiftungen und Schenkungen Karl Schmidt-Rottluffs und Erich Heckels hervorgegangene Museum vermag zu seinem Jubiläum alle Künstler der »Brücke« in künstlerischen Hauptwerken zu präsentieren. Von der Zeit ihres engen Zusammenhalts von 1909 bis 1912 über die späten Dresdner und frühen Berliner Jahre reichen die Arbeiten bis zu einem Ausblick auf das individuelle Spätwerk der einzelnen Künstler.

Schon in den Frühwerken wird der Umbruch deutlich: im Drang zum Elementaren, der sich vorerst in unreflektiert starken Farben und dynamischer Pinselschrift äußert, in der erregten Unruhe, die sich im Streben nach »neuer Natürlichkeit« offenbart. Der Schritt zur Farbe blieb auch für den älteren Emil Nolde, der der »Brücke« nur kurze Zeit angehörte, das entscheidende Erlebnis der Zeit. Ihrer Symbolkraft, ihrem intensiven Gleichniswert vertraute er alles an, was seine auf das Dämonische und Urweltliche gerichtete Phantasie an Bildern enthielt, so in »Am Meer (Steilküste)« und »Leuchtender Nachmittag« (beide 1906). Auch Karl Schmidt-Rottluff experimentierte zunächst mit Formen und Farben van Goghs, des deutschen Impressionismus und des französischen Pointillismus, bevor er 1910/11 in radikaler Vereinfachung der Bildstruktur und emotionsgeladener Ausdruckskraft der Farben seinen monumentalen, farbigen Flächenstil fand (»Deichdurchbruch«, 1910; »Akte in den Dünen«, 1913). Lodernde Landschafts- und Bildnisstudien entstanden 1909 in Dangast an der Nordsee, darunter ein Erich-Heckel-Porträt in farbigem Stakkato. Mit drohenden »Gesichtern« blicken die geduckten roten »Bauernhäuser« (1913) den Betrachter an: Die Farbe erhielt psychische Wirksamkeit.

Während seine kompromisslose Härte ebenso erschreckte wie faszinierte, ging Erich Heckels Kühnheit im freien Umgang mit der Farbe einher mit höchster Kultiviertheit und Sensibilität (»Junger Mann und Mädchen«, 1909; »Tübingen«, 1920). 1910 zeigt die Gouachearbeit »Sitzendes Kind« mit ihren weit ausholenden, schwingenden Konturen einen neuen, auf die Pariser »Fauves«, zumal auf Henri Matisse, zurückgehenden Stil. Die heitere und gelöste Stimmung der letzten Dresdner Zeit ist in den »Badenden« (1911) an den Moritzburger Seen eingefangen. Aber auch Ostseelandschaften wurden mit rascher Feder gezeichnet und dann in leuchtenden Farben aquarelliert.

Ernst Ludwig Kirchners bilddekoratives Element, das zugleich auch intensive psychologische Spannungen sichtbar werden lässt, kommt in den Wandlungen seines Stils noch in der unmittelbaren Vorkriegszeit zum Ausdruck: »Liegender Akt vor Spiegel« (1910) ist in seinem dekorativen Bildaufbau und der Flächigkeit leuchtender Farben noch von Matisse, in expressiver Steigerung, beeinflusst. Was mit den »Viertelstundenakten« 1905 begann, den Akt in ungekünstelten Stellungen zu erfassen, vollendete sich im Sommer 1909, an den Moritzburger Teichen: die Darstellung des nackten Menschen in freier Bewegung, verschmolzen mit der Landschaft (Kirchner, »Zwei badende Mädchen«, 1911). Den Akt-Zeichnungen 1909/11 gesellen sich dann Kirchners Tanz- und Varieté-Studien in rhythmischem Stakkato, seine Großstadt-Visionen mit der ihm eigenen Dynamik simultaner Bewegungsabläufe hinzu.

Die konziliantere Malweise Max Pechsteins, seine Bevorzugung harmonischer Töne, die Freude am bilddekorativen Duktus heben sich von der ungestümen Rauheit der anderen ab (»Junges Mädchen«, 1908; »Das gelbschwarze Trikot«, 1910; »Liegender weiblicher Akt mit Katze«, 1909). Bleibt sein Tanzbild von 1909 eher noch Illustration des Vorgangs als Symbol eines Rauschzustandes, fängt dann die flexible Rohrfeder in den »Zwei Tänzerinnen« (1910) ganz die Spontaneität des Augenblicks ein, die schwarze Tusche ist von leuchtender Farbigkeit. 1912 verließ er die »Brücke« und ging zu einer kubo-expressionistischen Formsprache über.

Otto Muellers zarte, unberührte Mädchenakte, die sich ins Uferschilf schmiegen oder an Baumstämme lehnen, sind Verkörperungen des Menschlichen, Symbole von Hoffnung und Sehnsucht auf den großen Frieden zwischen allem Geschaffenen (»Zwei badende Mädchen«, 1921; »Drei Akte in Landschaft«, 1922; »In Dünen liegender Akt«, um 1923). Landschaft, Pflanze und Kreatur scheinen wesensgleich. Unter dem Einfluss der »Brücke«-Gefährten kommt um 1911 Strenge und Spannung in seine Bilder, seine überlängten, fast »gotisch« wirkenden Figuren werden eckig, das Spiel ihrer Glieder ordnet sich zu scharf gewinkelten Arabesken.

Kirchners berühmtes Großstadtbild »Die Straße« (1913) steht nicht mehr zur Verfügung. Stellvertretend für seine »Straßenszenen« fungieren die Radierung »Sich anbietende Kokotte« und die Lithographie »Leipziger Straße, Kreuzung« (beide 1914). Kirchner steigert die Form durch Verzerrungen, Verkürzungen, irritierende Perspektiven. Das ist »Nervenkunst«, die seismographisch das Wesen, das Unruhige und Hektische der damaligen Zeit einfängt und gleichzeitig des Künstlers eigenen inneren Empfindungen exakt widerspiegelt. Als er sich von dem körperlichen Zusammenbruch der Kriegsjahre erholte, erlebte Kirchner in intensivster Weise die eindrucksvolle Natur der Schweizer Berge (»Stafelalp«, 1917; »Tinzenhorn«, 1919).

Heckels Zeichenweise erhielt Härte und Nervosität, kantige Formen und spitzige Schattenlagen, die Farbigkeit erschien gedämpfter - kubistische Formelemente bestimmen seine Arbeiten. Eine zunehmende Verinnerlichung kreiert gequälte, von Verzweiflung geschlagene Figuren, geistig und körperlich im engen Raum eingeschlossen (»Mann in der Ebene«, 1917; »Männerbildnis«, 1919).

Während Kirchner und Heckel 1921 den expressionistischen Stil aufgaben, erreichte er bei Schmidt-Rottluff in Jershöft, einem Fischerdorf an der Pommerschen Ostseeküste, einen neuen Höhepunkt. In die rhythmischen Bewegungen und Farbkontraste der Küstenlandschaft sind die Bauern, Fischer und Arbeiter in herber Strenge und Starre, in geschlossen blockhafter Form spannungsvoll eingebunden (»Schnitter«, 1921; »Maurer I«, 1922).

Erschütternd Kirchners letztes Bild vor seinem Freitod: »Schafherde« (1938). Die Natur umfängt sein Haus auf dem Wildboden (unweit Davos) mit den schützenden Bergen und der Wärme der goldgelben Schafe.

Kein Besucher dieser Ausstellung wird sich wohl der Erkenntnis entziehen können, dass die Bildkunst der »Brücke«-Meister die magische Wirkung und prophetische Botschaft bis heute nicht verloren hat.

»50 Jahre Brücke-Museum Berlin. Die Jubiläumsausstellung«, bis zum 7. Januar im Brücke-Museum Berlin, Bussardsteig 9, Dahlem.

Katalog (Hirmer Verlag) 42 Euro.

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