Konkurrenz und Ausbeutung zum Totlachen

Kapitalismuskritik als Comedyshow: »Der gute Mensch von Sezuan« von Bertolt Brecht an der Schaubühne

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 4 Min.

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Wenn ein guter Schauspieltext in die falschen Hände gerät, dann möge der Theatergott den poetischen Seelen der Beteiligten gnädig sein. Wenn ein ausgezeichnetes Bühnenwerk in übermotivierte Kreise gerät, dann können sich alle entspannt zurücklehnen. Wer sollte es schon schaffen, ein herausragendes Drama mutwillig zu zerstören? Das gelingt doch bestenfalls alle Jubeljahre. Ensemble und künstlerische Leitung der neuen Schaubühnen-Inszenierung von »Der gute Mensch von Sezuan« dürfen sich in dieser Hinsicht freuen: Sie haben es geschafft, Bertolt Brechts vielleicht wichtigstes Stück werktreu aufzuführen und es trotzdem in die Tonne zu treten. Ob das nun für oder gegen die sich auf der Bühne austobenden Schülerinnen und Schüler der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« und deren Regisseur Peter Kleinert spricht?

Weil Brechts Tod noch keine 70 Jahre zurückliegt, wissen die Erben das Urheberrecht auf dessen Stücke noch ganz bei sich. Sie dürfen genau überwachen, was die Theaterhäuser aus seinen Texten machen. Und das tun sie extrem gewissenhaft. Wer ein Werk von Brecht zu stark verändert, es umdichtet oder sogar um weitere Texte ergänzt, muss damit rechnen, dass jede weitere Aufführung gerichtlich verboten wird. Der jüngste unter den Aufsehen erregenden Fällen war Frank Castorfs »Baal«-Version am Münchener Residenztheater, die 2015 nur wenige Male gezeigt werden konnte.

Castorf hatte Brechts Frühwerk mit Sätzen aus den Federn von Frantz Fanon oder Heiner Müller angereichert. Darauf verzichtet Kleinert in »Sezuan« - mit einer bezeichnenden Ausnahme: Bei der Hochzeitsfeier von Shen Te und Yang Sun spielt Leander Senghas, der sich offenbar für einen vorzüglichen Rio-Reiser-Imitator hält, einen Alleinunterhalter. Als solcher deklamiert er unter begleitenden Pianoklängen mehrmals »Haalt dich an deina Liebe fääst« und zitiert damit einen der wenigen schlechten Songs von »Ton, Steine, Scherben«. Den Kommentar »Das war jetzt aber nicht Paul Dessau. Haha, da werden sich die Herrschaften aber freuen!« kann sich Ensemblekollege Frederik Rauscher anschließend nicht verkneifen.

Ohne diesen Spruch hätte der überraschende Fremdtexteinschub in das wahrscheinlich beste aller antikapitalistischen Stücke gewirkt wie eine schöne Persiflage auf linke Folklore. So aber fügt er sich in eine sonderbare Inszenierung, von der kaum mehr bleiben kann als der gescheiterte Versuch, »Der gute Mensch von Sezuan« als Farce darzubieten.

Die Tragik fängt schon damit an, dass Peter Kleinert diesen Klamauk zugelassen hat. Kleinert, der in den vergangenen Jahren so wunderbare Abende mit Leuten von der »Ernst Busch« kreiert hat wie »Fabian« (2014), »Die Mutter« (2015) oder »Dantons Tod« (2016), dieser altgediente Regisseur wird wissen, warum die Komödie als größte Herausforderung unter den Genres gilt.

Die Handlung von Brechts Parabel müsste schon Warnung genug sein. Nachdem Shen Te von drei Göttern eine große Summe Geldes bekommen hat, um Gutes tun zu können, eröffnet sie einen Tabakladen. Weil die verarmten Menschen in der Stadt von ihrer Güte wissen, steht der Laden binnen eines Tages vor dem Bankrott. Um gut bleiben zu können, erfindet Shen Te den Vetter Shui Ta, den sie mit Gefühlskälte ausstattet. Er bringt das Geschäft auf Vordermann, indem er die im bestehenden Wirtschaftssystem zwingend gebotenen Mittel von Konkurrenz und Ausbeutung anwendet. Der Programmzettel der Schaubühne stellt die richtige Frage: »Kann man dem Anspruch gerecht werden, ein ›guter Mensch zu sein und doch zu leben‹?«

Der Erzähler Lukas Walcher zitiert diesen Satz zu Beginn, und doch entwickelt sich die Geschichte schnell zu einem Boulevardstück. Ein Arbeitsloser erscheint, der lieber ein Bier will anstatt Wasser oder Brot. Gehässiges (und sicher erwünschtes) Gelächter erfüllt den Zuschauerraum. Während der Rest der bettelnden Bagage die Ladeninhaberin bezirzt, schleppt der Arbeitslose sämtliches Bier aus dem Kontor. Kurz darauf: Auftritt der Hausbesitzerin. Tiffany Köberich stolziert im grellgelben Kostüm nach vorne und klatscht sich einen strengen Dutt aufs Haupt. Das Publikum bepisst sich beinahe vor Lachen. Nicht viel später erscheint der Barbier Shu Fu (Jan Eric Meier) als schmieriger Schleimer mit Pomadenfrisur.

Wer seine Figuren so wenig ernst nimmt, degradiert sie zu Pappkameraden, anstatt den durch Brecht so famos entzauberten Glauben an eine durch individuelles Wohlverhalten mögliche Humanisierung des Kapitalismus herauszustellen. Dass es möglich ist, dieses Stück witzig zu inszenieren, hat Leander Haußmann vor zwei Jahren am Berliner Ensemble gezeigt. Im Gegensatz zu Kleinert wusste er ganz andere als die in diesem Jahr streckenweise schauerlich schlechten Schauspielschüler in seiner Riege. Vor allem aber hat er den Zwiespalt der Figuren in den Slapstick eingeflochten und den flexiblen Menschen durch ein wahrhaft mobiles Bühnenbild symbolisiert.

Im Schaubühnen-Sezuan besteht die Bühne neben musikalischem Equipment aus einem mehrtürigen Glaskasten und zahllosen leeren Bierkisten. Das ist abgeschmackt. Langweilig aber, und darin liegt dann doch ein betörender Reiz dieses zweieinhalbstündigen Theaterabends, langweilig ist diese Vorstellung selten, weil Kleinert mit Laura Balzer eine herausragende Hauptdarstellerin gefunden hat, die in vielen Momenten mit all ihrem Mut zur Wut in Shen Te weit mehr sieht als nur eine Comedyqueen.

Nächste Vorstellungen: 18. November; 3., 4., 5., 6., 7. Dezember

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