Werbung

»Alle zwei Jahre ist es das gleiche«

Siemens-Mitarbeiter demonstrierten vor dem Gasturbinenwerk in Berlin-Moabit gegen angekündigte Entlassungen

  • Von Johanna Treblin
  • Lesedauer: 4 Min.

20 Minuten Kundgebung, zehn Minuten Menschenkette, dann strömen die mehreren hundert Mitarbeiter des Gasturbinenwerks von Siemens in Berlin-Moabit wieder zurück an die Arbeit. Rund 11 500 Menschen arbeiten für das Unternehmen in ganz Berlin, 4000 sind es am Standort Moabit. Fast 900 Stellen sollen in Berlin gestrichen werden, davon exakt 304 im Gasturbinenwerk. Für Montagmittag hatte die IG Metall zu einer Menschenkette aufgerufen. Rund 800 Mitarbeiter waren notwendig, um die über 100 Jahre alte Turbinenhalle und das angrenzende Siemenswerk symbolisch zu umarmen, »um es vor der von Siemens angekündigten Vernichtung von Arbeitsplätzen zu schützen«, hieß es in der Ankündigung der IG Metall.

Lesen Sie auch: Schiere Größe sorgt auch nicht mehr für Sicherheit – Auch das Siemens-Generatorenwerk in Erfurt ist von den Stellenabbauplänen stark betroffen

Von weitem hört man bereits Trillerpfeifen, vor allem aber Vuvuzelas - Tröten, die vor allem seit der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien auch in Deutschland bekannt sind. Es ist 11.45 Uhr, aus dem Werkstor strömen unaufhaltsam Mitarbeiter, viele in dicken Mänteln, andere in Arbeitsuniformen. Erwartet werden sie bereits von Kollegen aus dem Siemens-Dynamowerk in Spandau und der früheren Osram-Tochter Ledvance, die ebenfalls von Stellenabbau betroffen sind.

»Hier stehen wir und können nicht anders«, heißt es auf Transparenten in Anlehnung an einen Martin Luther zugeschriebenen Ausspruch. Auf einem anderen Spruchband steht ein Zitat des Firmengründers Werner von Siemens: »Für augenblicklichen Gewinn verkaufe ich die Zukunft nicht.«

In Moabit müssen vor allem die Mitarbeiter im Bereich Fertigung um ihren Arbeitsplatz bangen. Das sind diejenigen Mitarbeiter, die die Gasturbinen bauen. Einer von ihnen ist der Schlosser Thomas Prantz. Er ist Mitglied des Betriebsrats und Leiter der Vertrauensleute im Werk. 2015 hatte Siemens schon einmal Kündigungen angedroht. Doch dann kam ein Auftrag aus Ägypten: 24 Gasturbinen für mehrere Kraftwerke im Land. »Das war der Mega-Auftrag für Siemens«, sagt Prantz. »Darum durften wir dann doch bleiben.« Vor kurzem wurde aber die letzte Turbine auf den Weg nach Ägypten gebracht. »Wir, die Kollegen aus der Fertigung, haben termingerecht geliefert«, sagt Prantz. Betriebsratsleiter Günther Augustat ergänzt: Der »Ägyptendeal« habe die Beschäftigten in der Huttenstraße bis an den Rand der Belastung gebracht. »Seit 2015 sind wir die Extrameile gegangen.« Gedankt werde es ihnen nun mit Entlassungen.

Das will die IG Metall aber nicht zulassen. »Wir erwarten, dass Siemens mit uns spricht«, sagt Klaus Abel, Chef der Berliner IG Metall. »Und zwar nicht über betriebsbedingte Kündigungen.« Das Unternehmen sei schließlich kein »Sanierungsfall« und habe kürzlich erst verkündet, im vergangenen Jahr Rekordgewinne eingefahren zu haben. Tatsächlich hatte Siemens Anfang November von einem herausragenden Jahr für das Unternehmen gesprochen. Im vergangenen Geschäftsjahr machte Siemens demnach 6,2 Milliarden Euro Gewinn.

Für Ärger sorgte in den vergangenen Tagen auch das Gerücht, Siemens wolle in Tschechien 1800 neue Arbeitsplätze schaffen. »Das ist kein Gerücht, das ist eine Tatsache«, sagte IG-Metall-Chef Klaus Abel dem »nd«. Er verwies auf einen Bericht von Radio Praha, in dem Konzernvertreter diese Zahlen genannt haben sollen. Siemens dementierte allerdings gegenüber dem rbb, dass ein Teil der Produktion aus Berlin nach Tschechien verlagert werden solle.

Trotz Abschluss der Arbeiten für Ägypten sei die Fertigungssparte voll ausgelastet, sagt Betriebsratsmitglied Prantz dem »nd«. Zum einen sei in den vergangenen zwei Jahren bereits Personal abgebaut worden. Zum anderen seien die Kollegen nun vor allem mit kleineren Aufträgen und der Wartung ihrer früher gebauten Turbinen beschäftigt - auch in Ägypten.

In die Menschenkette reiht sich am Montag auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) ein, außerdem seine Parteikollegin und Bundestagsabgeordnete Eva Högl sowie Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) und der Bundestagabgeordnete Pascal Meiser von der Linkspartei.

Gegen 12.30 Uhr kehren die Mitarbeiter zurück an die Arbeit. Wie sie sich dabei fühlen? »Das ist schon sehr motivierend, was die da oben gerade machen«, sagt Jan Paegel mit ironischem Unterton, auch er Mitarbeiter in der Fertigung. »Alle zwei Jahre ist es das gleiche.«

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Als unabhängige linke Journalist*innen stellen wir unsere Artikel jeden Tag mehr als 25.000 digitalen Leser*innen bereit. Die meisten Artikel können Sie frei aufrufen, wir verzichten teilweise auf eine Bezahlschranke. Bereits jetzt zahlen 2.600 Digitalabonnent*innen und hunderte Online-Leser*innen.

Das ist gut, aber da geht noch mehr!

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen und noch besser zu werden! Jetzt mit wenigen Klicks beitragen!  

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!