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Widerstandsnester akut gefährdet

In den Wipfeln des Hambacher Forstes müssen die Waldbesetzer_innen nun ab Freitag mit ihrer Räumung rechnen

  • Von Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 4 Min.

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Am Dienstag hat das Kölner Verwaltungsgericht eine Klage des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Nordrheinwestfalen verhandelt. Nach Auffassung des BUND müsste der Hambacher Forst unter die Fauna-Flora-Habitat Richtlinien der Europäischen Union fallen. Eine entsprechende Prüfung habe allerdings nicht stattgefunden. Deswegen klagte die Umweltschutzorganisation gegen die Zulassung des »Rahmenbetriebsplanes« für den Tagebau von 2020 bis 2030 und den noch bis Ende des Jahres gültigen »Hauptbetriebsplan«.

Vor dem Gerichtsgebäude in der Kölner Innenstadt ging es hoch her. Mitglieder der IG BCE (Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie) demonstrierten »gegen Gewalt durch Ökoaktivisten« und gleichzeitig demonstrierten Klimaaktivist_innen für das Ende des Tagebaus. Protest angemeldet hatten nur die Braunkohlegegner. Die beiden Kundgebungen verliefen sich ineinander, immer wieder diskutierten die Menschen miteinander. Von Gewerkschaftern hieß es, die Aktivisten hätten »doch keine Ahnung worum es geht« und würden nur »Greenpeace hinterherlaufen«. Von der anderen Seite wurde der Vorwurf laut, die IG BCE agiere als »Werkzeug von RWE« und ihr Protest würde durch den Konzern gesteuert.

Im Gerichtssaal selbst waren die Klimaaktivist_innen dann deutlich in der Überzahl. Ein Kompromissvorschlag des Gerichtes, der den Hambacher Forst erhalten hätte, wurde von RWE aus technischen Gründen abgelehnt. Ein Vertreter des Landes Nordrheinwestfalen bestätigte die Auffassung des Konzerns. Dass der Prozess nun dennoch positiv für den BUND ausgeht, gilt als äußerst unwahrscheinlich. Der Umweltverband hatte schon in der vergangenen Jahren gegen Braunkohleplanungen geklagt. Dabei wurde dem Tagebau regelmäßig Vorrang gegeben. Er diene dem »Allgemeinwohl« hieß es.

Für die Menschen im Hambacher Forst bedeutet das: Es wird ernst. Das dem Tagebau Hambach am nächsten gelegene Gebiet steht unmittelbar vor der Rodung. In diesem Teil des Waldes befinden sich allerdings auch »Beechtown«, »Gallien« und »Oaktown«, die drei Dörfer von Klimaaktivisten, die in schwindelerregender Höhe Baumhäuser errichtet haben und überhaupt nicht bereit sind, dem Tagebau zu weichen.

Der Widerstand gegen den Tagebau Hambach ist kein ganz neues Phänomen. 2012 wurden erstmals Teile des Waldes und eine nahe gelegene Wiese besetzt, die einem solidarischen Anwohner gehört. Seitdem gibt es immer wieder Polizeieinsätze gegen die Waldschützer. Das Camp auf der Wiese wurde beispielsweise schon kurz nach der Besetzung geräumt. Dabei wurde auch der Eigentümer der Wiese festgenommen. Der Vorwurf damals: das Holz für eine Hütte stamme aus dem Wald, der Wald aber gehört RWE. Folglich hätten die Aktivisten_innen Diebstahl begangen.

Auch in den folgenden Jahren wurde es nicht ruhiger im Wald. Aktivist_innen besetzten Bäume, gruben Tunnel und attackierten Mitarbeiter des RWE-Werkschutzes auch direkt. Der Konzern reagierte, mit Hilfe der Polizei auf den Widerstand im Wald. Es gibt viele Videos auf denen zu sehen ist, wie Mitarbeiter von RWE die Aktivisten mit Pfefferspray traktieren, sie schlagen und beleidigen. Die heißeste Zeit in jedem Jahr ist die Rodungssaison. Vom ersten Oktober bis zum März darf RWE Bäume fällen. Im Rest des Jahres ist es aus Tier- und Umweltschutzgründen verboten. Davon macht der Energieriese auch in jedem Jahr Gebrauch. Aktivisten_innen stellen sich regelmäßig dagegen.

Nach Verkündung des Urteils in Köln rechnen die Waldbesetzer_innen jeden Tag mit dem Beginn der Rodungsarbeiten und der damit einhergehenden Räumung der Baumhäuser. In diesem Winter steht das letzte große Stück des Hambacher Forstes auf der Liste von RWE. 20 von 22 Baumhäusern sind nach Angaben der Besetzer_innen akut gefährdet. Daher rufen sie dazu auf, »das Rodungsgebiet so großflächig zu beleben, dass es für RWE unmöglich wird, Bäume zu fällen.« Menschen sollen in den Wald kommen und die Aktionen durchführen, die für sie »okay« seien. Spaziergänge seien ebenso nützlich, wie das verbarrikadieren von Zufahrtswegen oder Sitzblockaden um räumungsbedrohte Bäume.

»Dieses Jahr, ist das Jahr, in dem wir es nicht zulassen werden, dass ein profitwahnsinniger Konzern, die ganze Welt vernichtet. Der Kampf hier betrifft nicht nur uns. Ein Drittel der deutschen CO2-Emission werden hier durch die Braunkohleverbrennung in die Luft geblasen, und die daraus resultierenden Klimaverschlechterungen führen zu Tod und Vertreibungen weltweit,« heißt es in einem Aufruf zum Widerstand gegen die Rodungen.

Menschen, die nicht in den Hambacher Forst kommen können, rufen die Aktivist_innen zu Aktionen bei ihren jeweiligen lokalen RWE-Standorten auf. Auch logistische Hilfe ist den Leuten im Wald willkommen: Von Handys, bis zu kleinen Öfen - die Waldbesetzer können noch einiges gebrauchen.

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