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Der endlose Ruf

Im Kino: »Manifesto« von Julian Rosefeldt

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Ein Manifest ist dem Wortsinne nach etwas, das sich mit Händen greifen lässt. Klar, einfach und aggressiv. Eine verbale Kriegserklärung an Tradition, Konvention und den Erfolg der anderen. Wer Manifeste schreibt, ist hungrig auf einen Triumph, der in der Zukunft liegt. Geboren aber wird es im eigenen Kopf. Wer Manifeste schreibt, für den ist die Sprache eine Art Waffe, etwas, das sie auf gewalttätige Weise zuspitzt. Man sollte sich also gut überlegen, ob man Manifeste verfassen will. Sie sind Kriegserklärungen und können etwas Fürchterliches bewirken. All die schrill formulierten Ankündigungen, die verheißene Revolution, die völlige Umwälzung des Bestehenden: Manchmal werden sie durch einen dummen Zufall, einen Betriebsunfall der Geschichte tatsächlich wahr - und dann?

Warum man überhaupt Manifeste schreibt, ist interessanterweise oft selbst Gegenstand von Manifesten, dieser Säkularform religiöser Prophetie. Die eigene Mission steht hier außer Frage. Und das eigene Ich ist der Schöpfer, also fast schon Gott. »Manifesto« von Julian Rosefeldt gibt einem Dutzend dieser sich auserwählt fühlenden Manifest-Schreiber die Stimme einer Frau: Cate Blanchett. Zwei Stunden lang hochfliegende Sätze, das ist zu kurz, um weghören zu lernen, und zu lang, um es ohne eintretende Beschädigung anhören zu können.

Cate Blanchett: der Körper gewordene Manifest-Text - oder aber sein Anti-Körper. Wir sehen sie als Managerin, Mutter, Grabrednerin, Nachrichtensprecherin, Obdachlose, Brokerin oder Punkerin. Ein rollender Monolog, der sich der Körper zu bemächtigen droht - aber sie scheinen Widerstand zu leisten gegen den höheren Zweck, der sich ihrer bedient.

In elf Tagen drehte Rosefeldt in Berlin die jeweils zwölfminütigen Szenen mit Cate Blanchett. Das ist das Tempo, in dem gemeinhin Vorabendserien produziert werden. Aber dies ist das Gegenteil von Soap: ein konzentrierter Textfluss, der am Ende alles zu verschlingen droht, den Sprecher, sich selbst - und auch den angestrengt lauschenden Zuschauer. Wer hat da gerade was gesagt, von wem ist das soeben Gehörte? Der Film verzichtet irritierenderweise auf die Zuordnung der pausenlos fließenden Texte zu einzelnen Manifest-Schreibern. Ist das gut oder schlecht? Das hier scheint ein einziges, schier endloses Gesamt-Manifest vom neuen Menschen, die Verkündigung einer ab sofort anbrechenden anderen Zeitrechnung.

Es klingt vertraut, aber irgendwie - so wächst der Verdacht - klingt auch alles gleich. Jedenfalls auf manische Weise überanstrengt, voller Ich-Überhebung, so wie Nietzsche ausrief: » Ich bin Dynamit!« Unsere Gegenwart, die das geistige Abenteuer, das im gefährlichen Gedanken liegt, reflexartig scheut und die Mediation bereits beginnt, bevor sich überhaupt ein echter Gegensatz aufgebaut hat, ist vorbeugend manifest-resistent, konsensaffin. Unter diesem Gesichtspunkt ist »Manifesto« eine notwendige Strapaze. Statt sanfter Überredung der fordernde Ruf.

Jedes Manifest ruft eine Revolution aus. Der neue Mensch wird triumphieren, alles wird anders, nicht nur ein bisschen, sondern ganz und gar. »Alles Ständische und Stehende verdampft.« So Marx und Engels im »Kommunistischen Manifest«. Aber von wem ist: »Man stirbt als Held oder als Idiot, was auf das Gleiche hinausläuft«? Schon rasen wir wortreich weiter. Wie viele Ausrufezeichen verträgt ein Text? »Ein Glanz jubelnder Morgenröte!« Es ist immer auch schon zu früh gejubelt worden, mancher bewohnt darum heute die Ruinen einstiger Luftschlösser.

»Manifesto« lebt vom Monolog-Furor Cate Blanchetts. Ein dramatisches Ereignis ist dies, ein Theaterformat, bei dem die Kamera eher wie zufällig anwesend wirkt. Tristan Tzara fragte in seinem »Dada Manifest 1918«: »Glaubt irgendjemand, er hätte eine seelische Grundlage gefunden, die der gesamten Menschheit gemein ist?« Gute Frage, leider auf die Schnelle völlig unbeantwortbar. Und schon schießt die nächste steile Prophetie herein, die nächste Maximalanforderung. Unter den großen Worten wird der Mensch immer kleiner.

So sieht man sich völlig allein gelassen mit all den egomanen Welt- oder Kunst-Umstürzlern. Manifeste haben es gut, sie kennen keinen Zweifel, kein Zögern, bloß immer ein weiter vorwärts, geradeaus und immer schneller. Die Werbeindustrie hat den post-prophetischen Wortstrom zur Beschleunigung des Warenumsatzes inzwischen privatisiert, das sollte zu denken geben.

Aber das Manifest als solches bleibt doch auch immer der Stachel in der Elefantenhaut selbstgenügsamer Gegenwart. Marinetti etwa ist zu hören mit seinem wütenden Frontalangriff auf ein ihm museal vorkommendes Italien. Sein Futurismus feiert die Technik, die Geschwindigkeit, den Krieg. Kein Wunder, dass der Avantgardist Marinetti schließlich zum Faschisten wurde, obwohl er ein beachtlicher Autor war. Futurismus gab es bekanntlich auch im postrevolutionären Russland. Dort verbreitete er mit allen plakativen Mitteln die Losung, Kommunismus sei Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes. Die harsche Poesie der Fünfjahrpläne: ein legitimes Kind jener militanten Abstraktion, die in jedem Manifest blüht.

Wir sehen immer noch Cate Blanchett sich in verschiedenen Körpern wie vor der Macht der nach neuen Wirklichkeiten greifenden Worte verbergen. Vergeblich, sie durchdringen alles, privat war gestern. Immerhin gibt es einen Epilog, in dem sich das Spiel zurückmeldet. Es ist viel Täuschung in dem überzogenen Wahrheitsanspruch. Lügen heißt, in Zeiten der Militanz überleben, abtauchen unter der anrollenden Welle des Totalitären. »Nichts ist originär, klaut von allem, was euch inspiriert oder eure Fantasie anregt.« Aber es gilt auch: »Klaut nur von dem, was direkt zu eurer Seele spricht.« Schweigen wäre übrigens auch eine Option.

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