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Ein Ikarus der Entrechteten

Uwe Timm verfolgt die Spuren eines Eugenikers, der einst einer sozialistischen Utopie gefolgt war

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Ikarien - das wird in Uwe Timms gleichnamigem Buch nirgendwo formuliert, und doch klingt es nach dem Ikarus-Mythos: nach Dädalus und seinem Sohn Ikarus, der auf der Flucht in die Freiheit der Sonne zu nahe kam und abstürzte. Zwar leiht Timm sich den Titel seines jüngsten Romans aus der utopischen Erzählung des Frühsozialisten Étienne Cabet, «Voyage en Icarie», aber er wäre nicht Uwe Timm, wenn er sich nicht der dem Titel innewohnenden Parabel bewusst wäre.

• Uwe Timm: Ikarien. Roman.
Kiepenheuer & Witsch, 512 S., geb., 24 €.

Es gab sie, die Ikarier: Sie waren eine sozialistische Bewegung, die Étienne Cabets Ideen folgend 1849 in den beginnenden USA einen Staat gründeten. Dessen Anhänger kamen der Freiheits-Sonne zu nahe - und scheiterten prompt. Über diesen sozialistischen Versuch lässt Timm eine wesentliche Figur seines Buchs erzählen: den ehemaligen Mitarbeiter der SPD-Reichstagsfraktion Wagner, einen Mann, der einst die Ikarier besucht hatte, der später in Dachau von den Nazis zum Krüppel geprügelt wurde und der nun, in der deutschen Nachkriegszeit, der vorgeblichen Stunde Null, einem US-Besatzungsoffizier als Zeuge dient. Als Zeuge gegen einen seiner ehemaligen Gefährten auf dem Weg der sozialen Utopie. Ein Weg, der den früheren Freund zur Euthanasie führte.

Zeugnisse gegen den Eugeniker Alfred Ploetz sucht Michael Hansen, der junge amerikanische Nachrichtenoffizier. Denn man will, so behaupten die Befreier, den Deutschen einen Neustart ohne solche Relikte der Nazis ermöglichen, ohne Überbleibsel des rassenhygienischen Grauens, das in der Wissenschaft auch außerhalb Nazideutschlands wurzeln konnte.

Es gab diesen Ploetz wirklich, der für seine Warnung vor den biologischen Auswirkungen, die Kriege für die menschliche Fortpflanzung haben, 1936 ernsthaft für den Friedensnobelpreis nominiert wurde: Im Krieg stürben die Besten und fielen so für die Zeugung aus, war seine These. Die Eugenik war damals durchaus gesellschaftsfähig. In den sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaaten Skandinaviens gab es eugenische Sterilisationsgesetze - zur angeblichen Besserung der Volksgesundheit - sogar noch nach dem Zweiten Weltkrieg.

Sie kamen auch aus der Geisteshaltung der Aufklärung, die fortschrittlichen Leute wie Ploetz, aus dem Machbarkeitswahn der Moderne, den Timm in seinem Buch nicht weit von Marx entfernt sieht: Der habe, erklärt der Zeuge Wagner, den Glauben negiert, doch mit der Religion habe er auch den Aberglauben weggewischt: «Aber was ist bei dem Wegwischen alles verschwunden, was an Vielfalt der Kultur vernichtet, was an Poesie verloren?»

Unversehens scheint die Moderne auf ihre Schrecken reduziert, landet die bei der Aufklärung gestartete Ratio über die Vergötzung der Wissenschaft in Hiroshima und Nagasaki. Und, scheinbar logisch, so erzählt Timms Roman, auch bei der «Maßnahme», jenem Stück von Brecht, das in der Mechanik der Revolution den Tod eines Revolutionärs als Teil der notwendigen Erlösung vom Elend begreift.

Timm lässt seinen Zeugen diese Sorte angeblich notwendiger brutaler Machbarkeit auch auf den Hitler-Stalin-Pakt übertragen. So, als habe Stalin in einem luftleeren Raum gehandelt. Als habe die Sowjetunion nicht lange und ziemlich verzweifelt versucht, ein Bündnis mit England und Frankreich gegen Hitler zu erreichen, als sei der Pakt nichts als ein Monster und nicht auch Ergebnis der Einkreisung der Sowjetunion.

In den langen Minuten der Stunde Null gelingen Uwe Timm erneut schreckliche und schöne Bilder - manchmal in einem grellen Schwarz-Weiß, manchmal wie handkoloriert wirkend. Auf Timms erzählerische Kraft ist Verlass. Verlässlich auch seine Liebe zum Detail und seine Bereitschaft, von den schönen Ästen seiner Erzählung immer neue Ausblicke aus der Höhe seiner Kunst auf wechselnde poetische Landschaften zu gewähren.

Erklimmt man aber den großen Baum der Geschichten, entdeckt man auch Lücken im Geäst. Als habe die Reeducation der amerikanischen Truppen nichts anderes als freundliche Demokratisierung gebracht, blanke Hilfe zur Selbsthilfe. Als ob man in Timms Roman-Zeit nicht auch die Versippung der neuen, scheinbar demokratischen Macht mit den alten Nazis hätte entdecken können.

So erhebt sich dann ein Ikarus der Entrechteten in die freie Luft für eine neue Welt, die zu erreichen er mit den Frühsozialisten vorgegeben hatte, um dann doch im Machbaren zu landen: «Ich habe einen Lesesaal mit amerikanischen Zeitschriften und Literatur vorgeschlagen, hier in München.» Das teilt uns Uwe Timm aus dem Mund des jungen Nachrichtenoffiziers mit.

Der Autor fügt seinem Buch noch etwas an, das wohl als Happy End gemeint ist: «Im Oktober 1945 wurde im Rahmen der »Reeducation die erste amerikanische Bibliothek … am Münchner Beethovenplatz eingerichtet«.

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