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Die Tragödie eines Rabbis

Karsten Krampitz beschreibt die Abgründe deutschen Judenhasses

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Julius Streicher, Herausgeber des antisemitischen NS-Hetzblattes »Der Stürmer«, verteidigte sich im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess mit den Worten: »Dr. Martin Luther säße heute sicher an meiner Stelle auf der Anklagebank.« Der Nazi spielte auf Luthers Schrift »Von den Juden und ihren Lügen« an. Das knapp 150-seitige Pamphlet lese sich noch heute wie ein Aktionsplan zum Reichspogrom, eine »definitive literarische ›Endlösung der Judenfrage‹«, urteilt der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann. Ihn zitiert Karsten Krampitz in seinem neuen Buch, das dem 1943 in Auschwitz ermordeten Rabbiner Reinhold Lewin gewidmet ist.

• Karsten Krampitz: »Jedermann sei untertan.« Deutscher Protestantismus im 20. Jahrhundert. Irrwege und Umwege.
Alibri, 352 S., br., 20 €.

Die dunkle Seite der Reformation sei nach 1945 von den evangelischen Theologen »nach Möglichkeit ausgespart oder allenfalls apologetisch diskutiert worden«, schreibt der Germanist und Politikwissenschafter, der sich schon in mehreren Schriften mit den Sünden der Kirche befasst hat, unter anderem auch eine dezidiert kritische Haltung zur Bekennenden Kirche artikuliert, die gemeinhin als eine Trutzburg des deutschen Widerstandes gewürdigt wird. Auch in diesem Buch legt Krampitz wieder steile Thesen vor.

»Womöglich war die Reformation gar kein Durchbruch der Moderne, wie so oft erzählt wird, sondern vielmehr eine Antwort auf einen von Rom ausgegangenen radikalen Modernisierungsschub«, liest man hier und reibt sich erstaunt die Augen. Der Autor begründet indes überzeugend: Luthers großer Gegenspieler, Papst Leo X., war ein Medici, Spross einer berühmten Unternehmerdynastie, die der Renaissance in Florenz und Rom ihren Stempel aufdrückte. Und nicht nur Leos Finanzpolitik (Ablasshandel) erschien in Luthers Augen als Verrat am Evangelium, sondern auch dessen relative Gleichgültigkeit gegenüber den Juden, sein Gewährenlassen dieses geschäftigen und geistreichen Volkes. Krampitz gesteht offen und ehrlich, auf diesen Ansatz nicht allein gekommen zu sein. Er nennt den Ideengeber: Rabbiner Reinhold Lewin, der ein Standardwerk hinterließ.

1910 hatte die Evangelisch-Theologische Fakultät der Universität Breslau ihren Jahrespreis zum Thema »Luthers Stellung zu den Juden« ausgeschrieben. Unter den anonymen Einsendungen ragte eine besonders hervor. Die Überraschung war groß, als sich herausstellte, dass der Verfasser der Arbeit nicht nur Doktorand der philosophischen Fakultät, sondern obendrein ein Jude war.

Der 1888 in Leipzig geborene Lewin hatte eine Rabbinerausbildung in Breslau absolviert, wurde im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz dekoriert und betonte stets seine jüdische wie deutsche Identität. Das half ihm nicht, als die Nazis in Deutschland an die Macht kamen. Zu dieser Zeit war er Rabbiner in Königsberg (seit 1924). Ab 1938 wirkte er noch als Rabbiner in Breslau. Seine Bemühungen, mit der Familie in die USA zu emigrieren, scheiterten am US-amerikanischen Konsulat in Berlin. Es war zu spät. Auch für ihn, so Krampitz, »sollte die Gewöhnung an die alltägliche Hetze zur Falle werden«. Lewin, seine Frau Evi und zwei Kinder wurden nach Auschwitz deportiert. Einzig sein ältester Sohn, dem die Flucht ins Ausland gelang, überlebte die Shoah; er kämpfte im Zweiten Weltkrieg in der britischen Royal Army.

Die große Tragödie: Der Rabbi, der die Wandlung Luthers zu einem aggressiven Judenhasser beschrieb, hatte sich nicht vorstellen können, in welchem mörderischen Exzess diese münden würde.

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