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Ans Licht? Vorsicht!

Sophokles und Aischylos - »Trilogie der Verfluchten« am Theater Magdeburg

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

Es ist, als hätten sämtliche Sanduhren ihr eigenes Glas gesprengt: alle Stunden ausgelaufen. Und die Zeit? Wahrhaft - in den Sand gesetzt. Der hier, bei »Antigone«, unablässig braun aus den Himmeln rinnt. Die Antike ein Götterhain? Wer hier wohnt, ist mit Leben erschlagen. Zwischen Bretterwänden oder Schattenzeichen, wie sie Gitterstäbe werfen. Alles Helle tendiert zur Kruste Grau. Und der Kiesel rinnt. Und der dreckverschmierte Mensch starrt uns an.

Am Theater Magdeburg inszenierte Cornelia Crombholz eine »Trilogie der Verfluchten« (Bühne: Marcel Keller) - Sophokles’ »König Ödipus« und »Antigone«, als verbindendes Zwischenstück »Sieben gegen Theben« von Aischylos. Crombholz ist eine bildbegehrende Regisseurin. Sie fühlt sich taff in der optischen Metapher. Will mitreißen, peitscht hoch, malt aus - ja: Wo andere mit schmaler Tube tupfen, schleppt sie gleichsam Farbeimer. Das hat Kraft, das leuchtet ein, das scheut Pathos nicht, es führt vor und will doch trotzdem verführen. Theater der Körper, des harten Ausdrucks, der blutenden Gefühle, der derben Verdeutlichung - hier vorgeführt in drei drängenden Stunden.

Ödipus, Thebens Stadtretter und Moralist, muss sich als Vatermörder und Mutterschänder entdecken. Eteokles und Polyneikes: Brüder, die erst einander töten müssen, damit ein jeder von ihnen das Glück »genießen« kann, Recht zu haben. Dann ist da noch Kreon, der König, der Antigone morden lässt, weil die Schwester ihren besagten toten Bruder Polyneikes, Feind Thebens, in den Mauern der Stadt begraben sehen will. Immer kämpft ein sittliches Gebot gegen geltendes Gesetz. Immer produziert Macht einen geradezu metaphysischen Todesappetit. Stets vermählt sich Politik mit dem Urgeschehen menschlicher Existenz: dem Schuldigwerden. Richtung wird eingeschlagen durch Ausrichtung und Hinrichtung. Unaufhaltsam zelebriert die Seele eines Herrschers ihre Verabredung mit dem Dämon des Terrors.

Cornelius Geberts Ödipus schlägt sich gern an die Brust, maulheldisch klafft der Mund. »Ins Licht!« soll die Wahrheit. Volle Tönung. Bis er in der Wahrheit zusammenbricht, blind nunmehr, von Schmerz geknüppelt - so sieht er aus, der Mensch, der über den Umweg der Herausgehobenheit in sein naturgemäßes Elend kriecht. Fast zu forsch, dieser Schlaks, als dass man ihm die Fallhöhe zutraute. Ein Habitus zwischen Model und Militär - so sind sie hier alle kostümiert. Hinter der Szene oder unter Mauern durchkriechend oder auf einem Steg ins Publikum: der großartige Chor, mal thebanische Mädchen, mal der Stadt Älteste (Leitung: Alexander Weise). Aus dem Ziehen und Dehnen der Texte wird ein ergriffenes, ergreifendes Setzen von Zäsuren. Sinnschärfung. Als sprängen die Gedanken von Klippe zu Klippe: Präzise. messerscharfe, hauchweiche Absturzgesänge über all das, was Menschen zwischen Anpassung, Angst, Gehorsam und Niederwurf doch trotzdem an Weisheit und Daseinswillen aufzubringen vermögen.

Das Programmheft zitiert den Dichter Durs Grünbein. Er erwähnt Brechts »Verbesserungsvorschlag«, man möge der griechischen Tragödie das Schicksalsmoment herausschneiden, dann sei sie »gebrauchsfertig für unsereinen«. Gewissermaßen ein Trick, um aus Geschichte einen einsehbaren, durchschaubaren, historisch abgrenzbaren Vorgang zu machen. Grünbein nennt das realitätsblind. »Gut gebrüllt, Marxist, möchte man sagen, wäre das Schicksal, zumal im Zeitalter der Massen, nicht längst zurückgekehrt.« Rachegöttinnen, Streitschwestern und Schicksalskommissarinnen, so Grünbein, seien »bis heute die stabilsten Faktoren im Prozess der Geschichte«. Wahrer Frieden, möchte man hinzufügen, entstünde demnach nicht durch neuerlichen theoretischen Eifer, aller Geschichte und allen Gegenwartsprozessen eine Linie abzulügen, sondern durch die hohe Kunst, den Zufall zu zähmen. Kunst der Künste. Griechischer Stoff. Akut auch jetzt, da wieder der politische Rezeptehandel blüht, weil Lösungen gegen die Wirrnis nirgends in Sicht sind.

Das fasst Cornelia Crombholz in eine packende, rhythmisch stimmige Inszenierung, die ihre Schnürstiefelschritte über den Holzboden zieht. Die Aufführung trommelt, brüllt, rennt, hechelt, immer wieder drängt sie sich auf jenen Steg ins Publikum. Ansprachen an uns - als seien wir Thebaner, Schweigende, Hörende, seit Jahrtausenden alles Wissende, die doch nichts begreifen. Theater als Bericht aus einer Frühzeit, die nie erwachsen wurde: Auch heute behauptet Unrecht gern, Recht zu sein; Ungerechtigkeit posaunt, sie heiße Gerechtigkeit; die alte Schlacht lügt, sie sei fortan der neue Frieden.

Wer hier hierarchisch nach ganz oben gelangte, der ist doch von Beginn an ganz unten. Und versteht die jeweilige Welt, die er zugrunde richtet, erst im Moment, da er selber zum Opfer wird - der eigenen Selbst-Mächtigkeit. Das ist die bittere, bohrende Nachricht dieses Abends: Rede keiner von geschichtlicher Aufwärtsbewegung, nur weil das Wort Utopia im tönenden Munde des jeweiligen Erlösers wie ein schöner Goldzahn glänzt - Geschichte ist ein Blutsturz, ist quasi die Duschkabine, in der sich die regierenden Psychopathen aller Jahrhunderte und Ideologien rot einschlammen für die Hitze ihrer Massen-, Klassen-, Rassenkämpfe. Also, Mensch: bleib draußen, bleib einsam. So bleib frei.

Intelligent, wie Crombholz’ Ensemble die archaische Aufgeladenheit durchtobt. Wo Antigone leidet, tollt Volk vorüber, als sei Wegschauen ein Fest. Festbleiben gegen die Anrührung: das wahre, ewige Public Viewing. Wir sind das Volk! Wer - sind das Volk? Burkhard Wolf als blinder Seher Teiresias schlägt, selber in einem unsicheren Tasten gefangen, einen eisernen Reif der Warnung um die Geschichts- und Heldengier dieser Welt. Antonia Schirmeister ist in »Ödipus« eine mühsam aufrechte Königsgattin Iokaste; hier besetzt das Leid sehenswert ein Gesicht; so könnten Frauen ausgesehen haben, lange bevor Munch den »Schrei« erfand. Den eigenen Sohn geheiratet, der zum Mörder ihres Mannes wurde - im Selbstekel hockt sie auf der Erde wie in Jauche.

Beklemmend, thrillerspannend auch der Schluss, jene Tragödie um Antigone. Marie Ulbricht bietet gegenüber Kreon den Konter einer jungen Widerstandsfrau, die das poetische Wortmaß sprengt, es in einen berührenden Appell der Unbestechlichkeit hineinsteigert, in Todesgewissheit lächelt und schließlich den Bretterboden aufreißt, als seien alle Grenzen zu den Gräbern aufzuheben, auszuheben. König Kreon explodiert bei Oliver Niemeier in alle Facetten eines fassungsharten wie seelenzerstörten Machteisblockes.

Die Götter sind tot. Der Mensch nahm alles selbst in die Hand. Vor allem den Stein, der erschlägt. Der Mensch nun selber Gott? Über dieser Vision wird er zum Gespenst. Der Beweis dafür könnte eines Tages als Spiegel auch in unseren eigenen Wohnungen hängen. Im Theater, das antike Tragödien spielt, hängt er seit eh und je. Aus den Mündern des gebeugten, schleichenden, lauernd sich vorwärtsbewegenden Chores auf dem Laufsteg kommt zum Schluss, als Wiederholungsschleife, jenes verhängnisvolle Wort, das nach all den Bränden schmeckt, die noch kommen werden; es ist das Wort des unglücklichen, sinnverzerrten Menschen, der immerfort Liebe und Leben sagen, aber, nach der Wahrheit gefragt, nur eines fauchen, schreien, pressen kann: »Hass!«

Nächste Vorstellung am 9. Dezember

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