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Russland auf der Leinwand

In Berlin beginnt die 13. Russische Filmwoche - ohne Aufreger »Mathilde«, dafür mit anspruchsvollen Neuheiten

Erst kürzlich machte das russische Kino hierzulande Schlagzeilen, wenn auch negative. Es wurde über die Kontroverse um Alexej Utschitjels Historiendrama »Mathilde« berichtet, das eine voreheliche Affäre des letzten Zaren Nikolaus II. mit der Primaballerina Matilda Kschessinska schildert. Der Film erhitzte in Russland vor allem die Gemüter radikaler orthodoxer Christen: Drohungen bis hin zu Brandanschlägen veranlassten zwei große russische Kinoketten, den Film nicht zu zeigen. Auch der deutsche Hauptdarsteller Lars Eidinger blieb aufgrund der aufgeheizten Stimmung der Premiere in Russland am 23. Oktober fern.

Doch während es sich bei »Mathilde« um ein recht pompöses Kostümepos mit schlichten Dialogen und überschwänglicher Musik handelt, gibt es bei der nunmehr 13. Russischen Filmwoche in Berlin qualitativ Hochwertiges zu entdecken. Einer der international renommiertesten russischen Regisseure ist derzeit Boris Chlebnikow. Sein neues Drama »Arrhythmie« spielt im gegenwärtigen Russland und lässt die Gegensätze von sowjetischem Erbe und neokapitalistischer Mentalität aufeinanderprallen.

Der junge Rettungsarzt Oleg (Alexander Jazenko) ist täglich bei Notfällen im Einsatz. Er macht seinen Job sehr gründlich und hat dennoch oft Stress mit seinen Vorgesetzten oder kapriziösen Patienten. Als der neue Chef der Notaufnahme, ein gefühlskalter Managertyp, verkürzte Einsatzzeiten für die Rettungsärzte durchpeitscht, die zu Lasten aller gehen, läuft bei Oleg das Fass über.

Denn zu allem Überfluss will sich seine Frau Katja (Irina Gorbatschowa), die ebenfalls Ärztin ist, von ihm trennen. Sie wirft Oleg seine ständige Abwesenheit und seine Alkoholeskapaden vor. So beleuchtet Regisseur Chlebnikow, wie Gesellschaftliches und Privates sich gegenseitig bedingen und entwirft zudem anrührend und spannend das Psychogramm eines modernen russischen Mannes in der Krise, der zwischen Arbeit, Wodka und Ehekrach einen Ausweg finden muss.

Auf gänzlich verlorenem Posten steht dagegen der Protagonist von »Empty-Sella-Syndrom«. Iljitsch (Waleri Maslow) arbeitete einst beim KGB und FSB. Doch nun bekämpft der Rentner seine Langeweile, indem er auf der Straße ihm verdächtig erscheinende Personen verfolgt. Wegen seiner Kopfschmerzen und Gedächtnisprobleme geht der Agent a. D. zum Arzt, der bei ihm das angeblich harmlose »Syndrom der leeren Sella turcica« feststellt. Doch was frustrierte Menschen mit überholten Moralvorstellungen alles anrichten können, wird dem Zuschauer am Ende des Films schmerzlich bewusst: Denn als ein junges Musikerpaar in Iljitschs Haus einzieht, entdeckt der alte Griesgram neue Welten, stößt aber auch an seine Grenzen.

Zunächst kommt der Film des usbekischen Regisseurs Jusup Rasikow eher bedächtig daher, erinnert in seiner Lakonie und seinem absurden, feinen Humor an Aki Kaurismäki. Die allmähliche Wendung zu ernsteren Untertönen und die damit einhergehende genauere Betrachtung seines Helden sowie ein überraschendes Finale vermittelt der Film aber überzeugend.

Neben einer modernen Literaturverfilmung von Dostojewskis »Weißen Nächten« oder einem Biopic über den legendären russischen Schriftsteller Daniil Juwatschow Charms (»Charms«) kann man auf der Russischen Filmwoche jedoch auch großes, publikumswirksames Kino erleben. Das historische Kosmonauten-Epos »Spacewalker« (Regie: Dmitri Kisseljow) erzählt von dem Weltraumflug der »Woschod 2« im März 1965 und den lebensgefährlichen Umständen, welche die Kosmonauten Pawel Beljajew (Konstantin Chabenski) und Alexej Leonow (Jewgeni Mironow) dabei meistern mussten. Leonow ging bei der Mission in die Geschichte ein, da er als erster Mensch im All das Raumschiff verließ und einen Spaziergang im Weltall unternahm.

Mit den Mitteln des konventionellen, aber effektiven Überwältigungskinos schildert das Epos die gegensätzlichen Charaktere der beiden russischen Weltraumfahrer - Alexej Leonow ist der Draufgänger, sein Kollege Pawel Beljajew der Vernünftige. Gleichzeitig beschreibt der Film die extreme Konkurrenzsituation zwischen der damaligen Sowjetunion und USA im kosmischen Rennen und unterhält den Zuschauer mit einem konstant hohen Spannungslevel.

Russisches Filmfestival, bis 2. Dezember 2017 im Russischen Haus, Friedrichstraße 176-179, Mitte.

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