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»Spannend, hochklassig, dramatisch«

Die Tischtennisspielerinnen des ttc berlin eastside holten sich 2017 das zweite Triple in Folge

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 4 Min.

Trainerin Irina Palina kann sich überhaupt nicht mehr daran erinnern, gegen wen ihre Mannschaft zum letzten Mal in der Tischtennis-Bundesliga verloren hat. Ihr Präsident Alexander Teichmann ist sich auch nicht wirklich sicher. »Das war, glaube ich drei Jahre her«, sagt er. »Oder so«, schiebt er noch hinterher. Auf jeden Fall hätte sein ttc berlin eastside zu dem Zeitpunkt die Meisterschaft schon sicher gehabt, so dass man es sich erlauben konnte, zwei Spielerinnen der zweiten Mannschaft einzusetzen.

Wer das Siegen so gewöhnt ist, verliert irgendwann die Freude daran, könnte man meinen. Doch weit gefehlt. Wenn Teichmann vom letzten Sieg der vergangenen Saison erzählt, muss er schlucken. Es war das Finalrückspiel in der Champions League gegen KTS Tarnobrzeg. Angeführt ausgerechnet von Deutschlands bester Spielerin Han Ying hatte der polnische Spitzenklub den Berlinerinnen fünf Tage zuvor die erste Niederlage seit gut zwei Jahren beigebracht. Für Berlin spielten mit Petrissa Solja und Shan Xiaona die Nummer zwei und drei des Deutschen Tischtennis-Bunds. Alle drei hatten wenige Monate zuvor noch gemeinsam sensationell Olympiasilber in Rio de Janeiro gewonnen, nun standen sich Shan und Han im entscheidenden Match gegenüber. »Die Halle war voll, die Stimmung großartig«, erinnert sich Teichmann. Und natürlich ging das Match über die volle Distanz. Am Ende siegte Shan für Berlin mit 3:2. Die Berlinerinnen lagen sich in den Armen, und unter dem Jubel von 500 Fans regnete goldenes Konfetti von der Hallendecke im Marzahner Freizeitforum. »Nach dem verlorenen Hinspiel war das eine wirklich besondere Leistung. Es war spannend, hochklassig und dramatisch. Für alle, die da waren, bleibt das eine tolle Erinnerung«, so Teichmann.

Irina Palina bezeichnet jenen Sieg vom 12. Mai 2017 als »Krone«. »Es musste einfach alles passen an diesem Abend, und es hat alles super gepasst«, erinnert sich die Russin, die bereits seit mehr als 20 Jahren für den Verein aktiv ist. Erst als Spielerin, dann als Trainerin - und immer mal wieder als Spielertrainerin. »Eigentlich will ich das gar nicht mehr«, sagt sie bescheiden, aber in der jüngeren Vergangenheit tritt Palina gezwungenermaßen wieder häufig selbst an die Platte. Mit 47 Jahren! Und sie holt immer noch Punkte für den ttc eastside. In der Bundesliga spielte sie jüngst sogar gemeinsam mit ihrer Tochter eine Doppelpartie, als Shan, Solja und auch die dritte Spitzenspielerin Georgina Pota aus Ungarn ausgefallen waren.

Der Tischtenniskalender ist voller, als Außenstehende denken. Vor allem für Nationalspielerinnen, von denen Berlin gleich mehrere hat. Sie spielen nicht nur Bundesliga und Pokal, sondern auch große Turniere und Qualifikationsmatches mit den jeweiligen Nationalmannschaften. Hinzukommen dann die internationalen Einzelturniere und Turnierserien wie die World Tour, die Europe Top 16 oder die ITTF Challenge. Fast immer findet irgendwo irgendein Turnier statt, und an eine Abstimmung mit dem Kalender der Bundesliga ist nicht zu denken. Also kommt es immer mal vor, dass Palina einspringen muss. Oder dass Georgina Pota von Budapest nach Böblingen die Nacht im Auto durchfährt, um morgens an der Platte zu stehen. Umso bemerkenswerter ist die aktuelle Serie der Berlinerinnen, die von den vergangenen 75 Duellen wettbewerbsübergreifend 73 gewannen, bei nur einem Unentschieden und einer Niederlage - jenem Finalhinspiel in Tarnobrzeg. »Obwohl Tischtennisspielerinnen Individualisten sind und die Mannschaft so gut wie nie gemeinsam trainieren kann, springt jede mal für die andere ein, wenn die mal nicht kann oder einen schlechten Tag erwischt. Dabei sind alle Gegnerinnen gegen uns besonders motiviert, und trotzdem gewinnen unsere Damen immer wieder«, sagt Teichmann sichtlich stolz.

2016 und 2017 holten die Berlinerinnen zwei Mal in Folge das Triple. Diese Leistung sucht in allen Sportarten ihresgleichen. Und das mit einem Saisonetat von weniger als 200 000 Euro. Eine Wiederholung 2018 dürfte fast unmöglich sein, da Petrissa Solja eventuell die komplette Saison ausfallen wird. Dem hohen Pensum musste die 23-Jährige jüngst Tribut zollen und eine Pause einlegen. Wann sie an die Platte zurückkehren wird, weiß niemand.

Durch Soljas Ausfall und die verspätete Ankunft des Neueinkaufs Shiho Matsudaira feierte Irina Palina im Oktober eine besondere Premiere. »Mit 47 habe ich zum ersten Mal Champions League gespielt. Die gab es zu meiner aktiven Zeit noch gar nicht.« Wann auch immer diese »aktive« Zeit geendet haben soll, an Klasse hat Palina ganz offensichtlich kaum etwas verloren. In Frankreich gewann sie beim TT Saint Quentinois ihr Match und somit die gesamte Partie für den ttc eastside. Noch so eine besondere Leistung, die eine besondere Würdigung verdient. Warum nicht den nd-Sportpreis 2017?

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