An jedem verdammten Sonntag

Die Normalisierung der Sonntagsarbeit in allen Branchen würde auch alle in den Abgrund reißen

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

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Der Heppenheimer Hiob: An jedem verdammten Sonntag

Obgleich das hessische Ladenöffnunggesetz vorsieht, dass Geschäfte wochentags bis zu 24 Stunden geöffnet haben dürfen, fordern die hessischen Liberalen Nachbesserung. Ihnen ist es ein Dorn im Auge, dass die bis zu vier verkaufsoffenen Sonntage, die in eben jenem Gesetz zugesprochen werden, anlassbezogen sein müssen. Bei Festlichkeiten oder Messen könne man so einen verkaufsoffenen siebten Tag der Woche beantragen. Sonst nicht. Die FDP sähe es jetzt gerne, wenn man auch ohne Anlass öffnen dürfe. Und nicht nur die Händler unterstützen diese Forderung.

In der »Frankfurter Neuen Presse« ließ man daher sechs Personen zu Wort kommen. Vier von ihnen äußerten sich positiv. Zwei lehnten den Shoppingsonntag ab: Ein katholischer Dekan und ein Leiter des evangelischen Dekanats. Die profaneren Befragten sahen es anders: Ein Händler sprach von »Berufsverbot«, ein Bürgermeister beklagte die hohen Hürden und ein Rentner lobte die Spanier, die (angeblich) selbst sonntags die Ladentüre aufsperrten. Zu guter Letzt legte eine Frau dar, dass im sonntäglichen Dienst eine interessante Chance für junge Mütter liege, denn da könne der Mann aufs Kind aufpassen. Feministische Sonntagsarbeit – ob sich das die Beauvoir so vorgestellt hat?

Bezeichnend ist ja, dass die zwei Stimmen gegen den Sonntag aus dem christlichen Lager kamen. Man muss ja durchaus nicht religiös sein, um die Vorzüge eines kontemplativen Tages in der Woche erkennen zu können. Ein Tag, der im Sparmodus läuft, ist doch keine gesamtwirtschaftliche Vollbremsung, wie das immer wieder mal dargestellt wird: Es ist im Gegenteil ein Reservoire an Kraftschöpfung, ein garantierter Rückzug in wöchentliche Entschleunigung, ein Cool-Down-Modus. Das tut gut, lässt innehalten, ist ein Schutzmechanismus gegen Burnout. Man braucht keinen kirchlichen Gottesdienst, um die Qualität eines Ruhetages nachvollziehen zu können.

Dieses Hintertürchen zu entbürokratisierter Sonntagsarbeit, das die FDP da knacken will, kann man nur als einen Anfang begreifen; als Einstiegsluke zu einer Rund-um-die-Uhr-Mentalität, die wir ja ohnehin schon ziemlich verinnerlicht haben. Die wohlwollenden Stimmen der Konsumenten, die jedenfalls in der oben genannten Zeitung zu Wort kamen, dokumentieren das ja. Der im hessischen Ladenöffnunggesetz genannte Anlass zur Öffnung ist natürlich ein Feigenblatt, aber immerhin ein letzter schüchterner Versuch, die Verwerktaglichung des Sonntags zu erschweren. Eine Preisgabe dieser letzten Hemmschwelle gleicht einem kalkulierten Dammbruch.

An der Unausgewogenheit der Debatte erkennt man sicherlich auch die Agenda des genannten Presseorgans. Die Macher wollten wohl betonen, dass der Einkauf am Sonntag etwas Gemütliches an sich hat, ja etwas Familiäres. Zumindest wenn keiner aus der Familie zur Arbeit muss. Genau dies steht aber in einer Gesellschaft auf dem Spiel, die mehr und mehr Ruhetage abbaut. Denn die Normalisierung der Sonntagsarbeit auch in jenen Branchen, die nicht 24/7 besetzt sein müssen, so wie Notaufnahmen und Polizeidienststellen, reißt ja alle mit in den Abgrund. Am Ende arbeiten nämlich nicht nur die im Einzelhandel Tätigen, sondern sukzessive betrifft das jeden.

Wo sonntags zu Edeka gegangen wird, muss sonntags auch angeliefert werden. Die öffentlichen Verkehrsmittel müssen dann auch zwangsläufig die Taktung der Werktage umsetzen und die Betreuungsangebote für Kinder können da auch nicht mehr außer Acht gelassen werden. Wenn Mama und Papa arbeiten müssen, Großmama und Großpapa keine Zeit haben, weil sie es genießen, am Sonntag durch die Mall zu streifen, da muss eben die Kindertagesstätte öffnen.

Und ehe man sich versieht, sind alle damit beschäftigt, den verkaufsoffenen Sonntag, den man sich als unkomplizierte Einrichtung gewünscht hatte, selbst als Arbeitender zu begleiten. In Volkswirtschaften ohne Regulierung lässt sich das nicht mehr isolieren. Dazu passt dann auch zufällig der Vorschlag des Chefs der Wirtschaftsweisen von vor einigen Wochen. 48 Arbeitsstunden, so fand er, sollten heute durchaus möglich sein.

Über diese Anregung hatten sich noch viele geärgert - aber am Sonntag ausschlafen, frühstücken und dann einkaufen gehen: Das ist man sich dann schon wert. Sollen die anderen doch schuften. Die Frage lautet früher oder später nur: Wann trifft es einen selbst?

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