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Jenseits des Kastensystems

Indiens Ureinwohner, die Adivasi wehren sich gegen ihre systematische Benachteiligung

  • Von Anne Ziegler, SODI
  • Lesedauer: 3 Min.
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Alles für die Enkelin
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Zehn Jahre ist es her, dass eine Einheit der indischen Anti-Terror-Polizei in dem Dorf Vakapalli im Bundesstaat Andhra Pradesh elf Adivasi-Frauen vergewaltigte. Was ist seitdem geschehen? Bisher – nichts. Der Zwischenfall steht symbolisch für die systematische Marginalisierung, der die Adivasi in der indischen Gesellschaft ausgesetzt sind. Aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt, wird den Adivasi die Möglichkeit zur Partizipation und Durchsetzung ihrer Rechte verweigert. So auch im Fall der Frauen aus Vakapalli. Die Täter sind noch immer unbestraft und mehr noch, durch systematische Einschüchterungsversuche soll die Gemeinde dazu gebracht werden, die Anschuldigungen fallen zu lassen. Ein Armutszeugnis für den Staat, dessen Gründer Mahatma Gandhi einst sagte: »Eine Zivilisation soll danach beurteilt werden, wie sie ihre Minderheiten behandelt.«

Traditionell lebten die Adivasi in kastenfreien Gemeinschaften. Das große Wissen der Frauen über die natürlichen Ressourcen des Waldes und dessen Heilpflanzen machte sie zu angesehenen Mitgliedern der Gesellschaft und gab ihnen eine Schlüsselrolle in der Versorgung der Gemeinschaft. So lebten die Frauen in den Gemeinschaften emanzipierter als innerhalb des indischen Kastensystems, Zwangshochzeiten und hohe Mitgiften beispielsweise waren bei den Adivasi nicht üblich. Doch die Einflüsse der Mehrheitsgesellschaft und die Zerstörung der Wälder führten zur schleichenden Änderung der Geschlechterverhältnisse.

Die zunehmende Rodung der Wälder führte dazu, dass viele der Adivasi ihrer natürlichen Lebensgrundlage beraubt wurden. Besonders schwere Auswirkungen hat dies auf die Situation der Frauen in den Gemeinden, die ohne den Zugang zum Wald ihre Rolle als Bewahrerin des traditionellen Wissens immer schwerer leben können. Hinzu kommt der wachsende Einfluss der hinduistischen Moralvorstellungen, die ein weitaus konservativeres Frauenbild mit sich bringen. Diese Entwicklung führte dazu, dass die Position der Frauen in den Adivasi-Gemeinschaften immer mehr untergraben wurde.

Auch wenn die Frauen in den Adivasi- Gemeinden eine vergleichsweise gute Stellung innehaben, heißt das nicht, dass es innerhalb der Gemeinschaften keine Probleme gäbe. Gewalt gegen Frauen ist auch hier ein verbreitetes Problem. Ein größeres Problem stellt jedoch die Diskriminierung durch die indische Kastengesellschaft dar, von der die Adivasi traditionell ausgeschlossen sind, und unter der besonders die Frauen der Gemeinden leiden. Gewalttätige Übergriffe und sexualisierte Gewalt werden häufig eingesetzt, um ganze Gemeinden einzuschüchtern und zu vertreiben. Häufig bleiben diese Angriffe unbestraft, wie auch in Vakapalli. Ein Problem, das leider nicht nur unter den Adivasi existiert, sondern mit dem Frauen auf dem ganzen Subkontinent zu kämpfen haben. Auch da es häufig gerade die Frauen der Gemeinschaften sind, die sich organisieren, um ihre Rechte einzuklagen, werden sie regelmäßig Opfer von Einschüchterungsversuchen durch die lokalen Behörden. Doch trotz der weitreichenden Marginalisierung der Adivasi, ihrem Ausschluss von politischer und sozialer Partizipation sowie grundlegenden Bildungs- und Gesundheitsangeboten geben sie nicht auf, sondern fordern weiterhin ihre Rechte von der indischen Regierung ein. Und auch hier sind es häufig besonders die Frauen, die dabei eine tragende Rolle spielen und für eine bessere Zukunft der Adivasi eintreten. Und es gibt Hoffnung: Im September beschloss das höchste Gericht eine Aufklärung des Falles der Frauen aus Vakapalli innerhalb der nächsten sechs Monate – so wird der Gerechtigkeit nach so vielen Jahren vielleicht doch noch eine Chance gegeben.

Unsere Autorin ist Praktikantin im Bereich Alles für die Enkelin

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