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Fünf Minuten bis ins Mittelalter

Hall in Tirol hat den größten Adventskalender Österreichs. Von Manfred Lädtke

  • Von Manfred Lädtke
  • Lesedauer: 4 Min.

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Der Lange Graben ist Halls steiniger Laufsteg von der Unter- in die gemütliche Oberstadt. Fünf Minuten Fußweg und man steht im Mittelalter. Sterne aus gebrochenem Spiegelmosaik reflektieren alte Hausfassaden und zaubern eine Atmosphäre weihnachtlicher Vorfreude in die Gassen des 700 Jahre alten Tiroler Städtchens. Turbulent wird es in der Altstadt mit ihren über 300 ensemblegeschützten Häusern nur dann, wenn das Fernsehen Szenen für einen »Tatort« oder »Bergdoktor« dreht oder Spielfilmregisseure Hall als schneereiches Bühnenbild wählen.

Zur gern gesehenen Filmkulisse wurde der historische Stadtkern jedoch erst, als ab 1970 die jahrzehntelang verlotterte Altstadt behutsam saniert und restauriert wurde. Zwar bleibt immer noch eine Menge zu tun, trotzdem überzeugt das Mittelalterflair nicht nur Regisseure, Architekten und Touristen. Experten erkannten der Kleinstadt schon vor 32 Jahren den ersten österreichischen Staatspreis für Denkmalschutz zu.

Mit einem Potpourri adventlich kolorierter Zugaben stellt sich da eine festlich-kuschelige Stimmung fast von selbst ein: Man nehme zwei Dutzend Zahlen, eine Handvoll Farbscheiben und ein paar Beamer - fertig. Mit Anbruch der Dunkelheit leuchten auf Hauswänden, Zinnen und Dächern 24 große Ziffern in wechselnden Farben. Eingefärbt in rot, blau, gelb, rosa und violett summiert sich die projizierte Zahlenparade zu Tirols originellstem und Österreichs größtem Adventskalender.

Insgesamt acht Gassen streben hinauf zur St. Nikolaus Pfarrkirche, deren üppig barocke Deckenfresken die Nikolauslegende erzählen. Hinter dem Kirchturm rahmt das Karwendelgebirge das alte Zentrum ein. Vor einem Marktstand bleibt Touristenführerin Anita stehen und reibt sich die roten Ohren. »Scho amol a echtes Zirberl probiert?« Samtweich schleicht sich der harzige Brand wärmend die Kehle hinunter, während Schneeflocken auf die kalte Nase rieseln. Das »Tröpferl« von den saftigen Zapfen des Zirbenbaums im Hochgebirge sei ebenso eine regionale Spezialität wie das pikante »Kiachl« (Krapfen) mit Sauerkraut und Preiselbeeren oder die deftige Graupensuppe mit Bauchfleisch.

In der Schlossergasse 11 quietschen die Geigen. Wenn Geigenbaumeister Arnold Posch in seiner Werkstatt auf einer Viola d’Amore spielt, hat er eine Mordsgaudi. Mit sieben Jahren begann er die Geige zu streichen. Heute baut, repariert und verleiht er Instrumente. Posch erzählt, dass eine Geige erst nach zwölf Jahren fertig sei: Weil das in dunklen Monaten in 1500 Metern Höhe geschlagene Holz zehn Jahre trocknen muss. Wichtig für den richtigen Sound sei die Wölbung des Holzes. Ist sie hoch, klingt das Instrument zart. Für einen kräftigen kompakten Klang muss der Bauch flach sein. Spezialanfertigungen, zum Beispiel für Philharmoniker, würden ab 10 000 Euro kosten. Ein angemeldeter Besuch zur Weihnachtszeit in seinem Atelier sei aber kostenlos, sagt Posch, dem Halls Atmosphäre und Historie täglich neue Arbeitsimpulse gibt.

Für seine Vergangenheit will sich die einst wohlhabende Salinenstadt nun mit dem Titel »Weltkulturerbe« adeln lassen. Die zum Teil noch praktizierten Handwerkskünste, die Altstadt und das einst die ganze Welt prägende Münzwesen sollen die Juroren überzeugen.

Gegenüber dem alten Zentrum befindet sich in der Burg Hasegg die Wiege des Talers und, so heißt es, des heutigen Dollars. Von Ende des 15. Jahrhunderts bis 1809 wurden in Hall rund 17 Millionen Maria-Theresia-Taler produziert. Super, dachte sich damals Erzherzog Ferdinand II. Der eitle Geck nutze die Geldstücke als PR-Plattform, um sich mit allerlei modischem Schnickschnack von seiner vermeintlich besten Seite zu zeigen. Absoluter Renner bei den Superreichen war eine prächtige Silbermünze. Immerhin hatte dieser erste repräsentative Taler der Welt den Materialwert der Mitgift für eine Tochter aus höherem Hause und war 300 Jahre lang Handelsmünze. Aus dem südamerikanischen Namen »Talares« leitete sich später »Dolares« ab. Eine Entwicklung, die Touristikbroschüren jubeln lässt, in Hall sei der Dollar erfunden worden.

Wer sich jetzt auf eine »Rindleberle« im uralten Gasthof »Goldener Engel« oder auf ein kulinarisches Schmankerl auf dem Adventsmarkt freut, der sollte sich den anschließenden Rundgang vielleicht verkneifen. Im benachbarten Archäologischen Museum sind neben »Hygienefunden« wie Ohrputzer und Lauskamm fingerdicke menschliche Fäkalien ausgestellt. Die »Würschtl« hätten je Exemplar einen Versicherungswert von 100 Euro, erklärt die Stadtführerin.

Einige Besucher haben derweil den stadtarchäologischen Schauraum verlassen und steigen die Wendeltreppe des weit ins Land leuchtenden, aussichtsreichen Münzturms hinauf. Unten in der Altstadt gehen auf dem Adventsmarkt die ersten Lichter an. »Nehmen Sie sich Zeit«, rät die Museumsbegleiterin. In der Foyerwerkstatt sei gleich noch Gelegenheit, eine eigene Münze zu stanzen - als weihnachtliches Mitbringsel für die Lieben daheim.

Infos

www.hall-wattens.at

Adventsmarkt: Bis 23. Dezember. Montags bis freitags 15 bis 20 Uhr, samstags 10 bis 20 Uhr, sonntags 13 bis 20 Uhr. 24. Dezember 10 bis 13 Uhr.

Literatur:
»Geheimnisvolles Hall«, Tyrolia-Verlag, 19,95 Euro;
»Bergweihnacht in Tirol«, Sutton Verlag, 9,99 Euro.

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