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Als die Welt mit »Washy« lebte

Vor 50 Jahren gelang zum ersten Mal die Transplantation eines menschlichen Herzens

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Die Welt stand Kopf, die Medien hatten ein komplett neues, völlig überraschendes Thema: Zum ersten Mal hatte ein Arzt ein Herz verpflanzt, von einem Menschen auf einen anderen. Was man jahrhundertelang erträumt, aber für ausgeschlossen gehalten hatte, war Wirklichkeit geworden. Vor 50 Jahren, am 3. Dezember 1967, in Kapstadt.

Die Medien waren sofort voll davon. Nicht aber die Zeitungen der DDR. Da ist erst über eine Woche später im »Neuen Deutschland« auf Seite 4 im Wissenschaftsteil des 12. Dezember ein Fünfspalter zu lesen: ohne Bild, überschrieben »Leben mit fremden Organen«, dazu der Untertitel »Eine Kardinalfrage der modernen Medizin«, geschrieben von dem Kardiologen Dolf Künzel mit klarem Bezug auf die Pioniertat. »Sie verdient umso größere Anerkennung, als sie in einem Lande vollbracht wurde, in dem der menschenfeindliche Rassismus wenig Raum für humanistisches Wirken läßt«, heißt es dazu.

Was war da in Südafrika passiert? Alles scheint mit diesen Sätzen gesagt: Am 3. Dezember 1967 wurde das Herz der 25-jährigen Denise Darvall, die kurz zuvor tödlich verunglückt war, dem 55 Jahre alten, schwer herzkranken Louis Washkansky eingepflanzt. Chefchirurg der Operation am Groote Schuur Hospital in Kapstadt war Christiaan Barnard. Sein Team bestand aus 30 Medizinern, die sich lange auf den Eingriff vorbereitet hatten.

Ein Herz verpflanzt - dazu das Herz einer jungen Frau für einen deutlich älteren Mann. Was für ein Durchbruch! Erfüllte sich nun gar der Traum vom ewigen Leben? Chirurgen hatten früher gemeint, Operationen am offenen Herzen seien unmöglich. Die Medien sprudeln über. »FAZ« und »SZ« sprechen von einem »wagemutigen Abenteuer«, die »Rheinische Post« sieht darin ein märchenhaftes Ereignis, der »Rheinische Merkur« schreibt: »Barnard hat einen Markstein in der Geschichte der Chirurgie gesetzt.« Für den »Spiegel« ist der gut aussehende Barnard »der drahtige Chirurg mit dem Kennedy-Lächeln«. Seine offensiven Auftritte begeistern die Presse.

Als drei Tage danach Adrian Kantrowitz in New York an einem erst 17 Monate alten Jungen eine Herztransplantation vornimmt und der Stunden später stirbt, sind die journalistischen Qualitätsmaßstäbe für so Innovatives schon festgezurrt: »Die Operation war ein Versager«, weiß »Bild«; sie ist »gescheitert«, »mißglückt«, schreiben andere Blätter.

Louis Washkansy, ein unbekannter Bürger jüdischer Abstammung aus Litauen, lebt schon seit 1921 in Südafrika. Diabetiker und herzkrank ist er wie Millionen Menschen, ohne Chance auf die kleinste Zeitungsnotiz. Doch mit Barnards Operation werden die Medien seiner habhaft; schlagartig finden sie ihre Prädikate. Washkansky wird »der mutigste Mann«, der »prominenteste« und »berühmteste Patient der Welt«. Gab es solche Superlative jemals zuvor? Und wurde je ein Patient so ohne Scheu in Wort und Bild öffentlich gemacht?

Hier vollzieht sich neben der ersten Herzverpflanzung noch etwas: die publizistische Entdeckung des Patienten. Ohne jede Hemmung, vermutlich oft verfälscht und übertrieben, werden Washkanskys Äußerungen vom Krankenbett kolportiert. Man könnte glauben, er sei nun etwas anderes als ein Mensch. Es wirkt wie ein Wunder, dass er mit dem zweiten Herzen nicht nur leben, sondern auch etwas meinen kann.

Das Boulevardblatt »Bild«, das ihn tagelang auf Seite 1 führt, lässt ihn so zu Wort kommen: »Mann mit dem Frauenherz: Ich fühle mich viel wohler« und »Ich bin jetzt ein Frankenstein«. Später okkupiert »Bild« ihn vollends und verpasst ihm einen Spitznamen. »Washy im Radio: Mein Arzt hat goldene Hände«/ »Washy wohlauf - Ärzte erschöpft« / »Washy reißt Witze am laufenden Band«. Und dann noch dies: »Washy sonnte sich auf dem Balkon«. Fünf Tage nach dem Sonnenbad und nach schwerer Lungenentzündung stirbt Washkansky. Barnard hatte ihn als ersten Empfänger gewählt, weil er zäh zu sein schien und ihn gebeten hatte: »Doktor, geben Sie mir diese Chance.«

Das Herz - ein besonderes Organ, der Motor des Lebens. Der Meister der antiken Medizin, Hippokrates von Kos, sah das Herz als Sitz der eingepflanzten Wärme; für Aristoteles war es die Akropolis des Leibes, die Verbindung mit der Seele. Zwei altchinesische Märchen stellen das Verpflanzen von Herzen als vollendet dar. Und was die Übertragung eines Beines betrifft, so gibt es die Legende der Brüder Cosmas und Damian, die als Ärzte tätig waren (und seit langer Zeit die Schutzpatrone der Ärzte und Apotheker sind). Sie sollen um 300 u. Z. das linke Bein eines kurz zuvor verstorbenen Mohren einem Christen übertragen haben. Danach, so heißt es, »hub der an zu zweifeln, ob er es selber sei oder ein anderer«.

In Wilhelm Hauffs Erzählung »Das kalte Herz« von 1827 wird ein Herzaustausch (nämlich ein weiches, rührbares gegen ein teilnahmsloses, steinernes) geschildert. Dabei sagt der Holländermichel, gleichsam Operateur, aber Nicht-Mediziner, zu seinem »Patienten«: »Wenn dir einer eurer Herren Chirurgen das Herz aus dem Leibe operieren wollte, da müßtest du wohl sterben; bei mir ist dies ein anderes Ding.« Herziges zielt nicht nur auf ein Organ, sondern ebenso auf Gefühl und Gewissen, auf Gewisses und Geheimes.

Also ging die Nachricht von dieser ersten realen Herzverpflanzung den Menschen zu Herzen. Damit aber war es nicht getan. Während mal oberflächlich, mal populärwissenschaftlich, mal akademisch-penibel die Kapstädter Konsequenzen aus juristischer, ethischer und theologischer, aus psychischer und sozialmedizinischer Sicht erörtert wurden, schrieb Wilhelm Vogt in der Zeitschrift »Reformatio« (Heft 5/1968) sehr drastisch: »Zum ersten Mal in der Geschichte der Wissenschaft ist es geschehen, daß die ganze Ambivalenz, die ganze Antinomie des Fortschritts sich nicht im Herzen und Gewissen Einzelner vollzog, sondern offen, öffentlich, in Schlagzeilen, im Gebrüll showsüchtiger Massen und im Geflacker und Gefunkel jener Schirme, die mehr als die Welt, nämlich deren Bild bedeuten.«

Ein anderer Kritiker äußerte sich in derselben Ausgabe so: »Die Publicity, die um die Operation brandet, läuft unserer ›humanitas medici‹ absolut zuwider. Die Allgemeinheit, unzureichend vorbereitet auf solch spektakuläre Leistung, empfand sie als Sensation, als Schock, stark positiv oder stark negativ affektbetont.« Das alles hat auch mit dem Organ Herz zu tun. Die erste Nierenverpflanzung zwischen Menschen Ende 1954 war den Medien kaum einer Notiz wert.

Der Medizinjournalist Georg Schreiber meinte damals: »Es gibt Fragen, die niemand exakt beantworten kann: Was wollen die Leser von ›Bild‹ und ähnlichen Blättern im Grund über Ereignisse wie Herzverpflanzungen lesen, beobachten und hören? Wirklich jeden Husten von Washy? Erwarten sie dieses respektlose Sich-Einmischen eilfertiger Reporter in privateste Bereiche?« Sie erwarten dies wohl nicht, aber sie - wenn auch nicht alle - nehmen begierig davon, sobald dergleichen auf den Markt kommt. Und Journalisten glauben, indiskret sein zu dürfen, ja zu müssen.

Barnard hat es ihnen leicht gemacht. Er sorgte dafür, dass journalistische Aktivität ebenso wie medizinische Betreuung zur postoperativen Phase zählte. Die Schweigepflicht galt Barnard nicht viel. Das ging so weit, dass auch diese angebliche Frage Washkanskys um die Welt geht: »Bekomme ich jetzt einen Busen?«

Längst machen Herzverpflanzungen keine Schlagzeilen mehr. Sie wurden Routine; bisher gab es deutlich über 100 000 dieser Eingriffe weltweit. Zu Aufregungen kommt es heute jedoch dann, wenn es bei der Verteilung begehrter Organe nicht mit rechten Dingen zugehen könnte, so wie in den vergangenen Jahren in Deutschland.

Der Autor hat 1972 am Publizistik-Institut der Universität Salzburg eine Dissertation abgeschlossen, mit der er die Berichterstattung über die ersten Herzverpflanzungen in 20 Zeitungen und Zeitschriften untersuchte. 2013 erschien diese Arbeit als Buch im Nomos-Verlag. (www.nomos-shop.de/Roloff-publizistische-Entdeckung-Patienten/productview.aspx?product=21428)

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