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Weltkarriere mit Schatten

Von Schülern, Pädagogen und dem Versuch, sich den Mächtigen anzudienen

Sie war die Tochter eines Finanzbeamten, der zugleich die staatliche Tabakmanufaktur leitete. Während sie von ihrem Vater streng konservativ erzogen wurde, vermittelte die Mutter ihr die Vorzüge von Toleranz und Offenheit. Die Grundschule absolvierte sie ohne Schwierigkeiten. Da sie sich besonders für Naturwissenschaften interessierte, besuchte sie - völlig atypisch für Mädchen ihrer Zeit und gegen den Widerstand ihres Vaters - eine technische Sekundarschule. Vorübergehend dachte sie daran, Ingenieurin zu werden, doch dann offenbarte sie ihrem verblüfften Vater, dass sie nach dem Abitur ein Medizinstudium aufnehmen wolle.

Dies war damals nur Männern vorbehalten. Deshalb studierte sie an der Universität zunächst zwei Jahre naturwissenschaftliche Fächer. Sie machte einen glänzenden Abschluss und erlangte so als erste Frau ihres Landes die Zulassung für ein Medizinstudium. Im Fach Anatomie musste sie Leichen jedoch allein sezieren, denn man hatte ihr verboten, dabei mit männlichen Kommilitonen zusammenzuarbeiten. Nach Ende des Studiums, in dem sie sich auch mit der Darwinschen Evolutionstheorie beschäftigte, erwarb sie den Doktortitel. Als ihr künftiges Spezialgebiet wählte sie die Kinderheilkunde.

Im Alter von 28 Jahren brachte sie selbst einen Sohn zur Welt, unehelich. Die Schwangerschaft hatte sie bis zur Geburt verheimlicht. Der Junge wuchs anfangs bei Pflegeeltern auf, ohne zu wissen, wer seine Mutter ist. Erst nach 15 Jahren nahm sie ihn zu sich; beide verband fortan eine innige Beziehung.

Im Beruf kümmerte sie sich vor allem um geistig behinderte Kinder, für die sie spezielle Lernmaterialien entwickelte, vornehmlich für den Mathematik- und Sprachunterricht. Denn sie war überzeugt, dass die Behandlung von »Schwachsinnigen«, wie es damals hieß, kein medizinisches, sondern ein pädagogisches Problem sei. Schließlich begann sie noch einmal zu studieren, diesmal Anthropologie, Psychologie und Pädagogik. Außerdem hielt sie Vorträge über ihr Bildungs- und Erziehungskonzept, das auf dem Grundsatz beruhte: »Hilf mir, es selbst zu tun.« Nach einigen Jahren fand sie Gelegenheit, ihre Methoden in der Praxis anzuwenden. Sie wurde Leiterin einer Tagesstätte für Schüler aus sozial schwachen Familien. Ihre Erfolge waren so beeindruckend, dass sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen in Form eines Ausbildungskurses an andere Lehrer weitergab. Besonders in den USA stieß ihr Erziehungskonzept auf große Resonanz.

Im Ersten Weltkrieg siedelte sie nach Barcelona über, wo sie die folgenden 20 Jahre lebte. Immer wieder unternahm sie ausgedehnte Reisen, die sie nach Deutschland, Großbritannien, Südamerika und in die USA führten. Außerdem traf sie mit Benito Mussolini zusammen, der ihre Methoden in Italien einführte. Zwar war sie keine Anhängerin der faschistischen Bewegung, doch allein ihr Versuch, von deren Erfolgen zu profitieren, stieß in der Folge auf mitunter harsche Kritik. Als die Faschisten immer mehr in ihr Werk eingriffen, zog sie sich zurück. Sowohl in Deutschland als auch in Italien wurden daraufhin die von ihr begründeten Schulen geschlossen.

Nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs verließ sie Barcelona in Richtung Amsterdam. Dann begann der Zweite Weltkrieg. Auf Einladung reiste sie nach Indien, um dort Kurse abzuhalten. Doch kaum angekommen, wurden sie und ihr Sohn von britischen Militärs festgenommen und für mehrere Jahre als feindliche Ausländer interniert. Nach ihrer Rückkehr nach Europa lebte sie in einer Kleinstadt in den Niederlanden. Unermüdlich arbeitete sie weiter, entwarf neue Ideen, schrieb Bücher und hielt Vorträge. Schließlich plante sie eine Reise nach Ghana, um dort am Aufbau eines neuen Bildungssystems mitzuwirken. Doch dazu kam es nicht mehr. Betagt, aber dennoch überraschend starb sie an den Folgen einer Hirnblutung. Sie wurde 81 Jahre alt. Wer war’s?

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