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Harmonie, wenn möglich

Bodenständig, lebensnah und nicht so abgehoben: Die stellvertretende nd-Chefredakteurin Gabi Oertel geht in Rente

  • Lesedauer: 3 Min.

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»Die ist bodenständig, lebensnah und nicht so abgehoben«: Gabi Oertel hat viele Fans unter den nd-Lesern
»Die ist bodenständig, lebensnah und nicht so abgehoben«: Gabi Oertel hat viele Fans unter den nd-Lesern

Pressefest 2015. In einem Seminarraum im Gebäude am Franz-Mehring-Platz drängelten sich die Leser in Erwartung der Redakteurin, die laut Programm mit ihnen über die Zeitung reden würde. »Frau Oertel ist mir die liebste Journalistin im nd«, freute sich eine Frau. »Die ist bodenständig, lebensnah und nicht so abgehoben.« Die Leserin scheint ihre Lieblingsredakteurin gut gekannt zu haben. Gabi ist eine Kollegin, die gern auf den Punkt kommt, hundertmal lieber Menschen beschreibt, als über Gesellschaftsperspektiven zu fabulieren. Den Leuten schaute sie schon aufs Maul, als es noch als Qualitätsmerkmal eines guten, sozialistischen Journalismus galt, in der Sprache der Arbeiter zu schreiben. Jetzt, da dies nicht mehr so gilt, bringt sie die Sachen immer noch gern auf den Punkt.

Bei Gabi, die eigentlich Gabriele heißt, sich aber an einen so ausschweifenden Namen bis heute nicht gewöhnen kann, ist dies Charaktersache. Wenn etwas sie erschüttert, sieht man es ihr sofort an. Einerseits harmoniesüchtig, wie sie sagt, scheut sie nicht den Konflikt, wenn er sich auftut. Zugleich berühren Leute in Konfliktsituationen sie, Menschen findet sie einfach spannend. Wahrscheinlich ist dies auch der Grund, weshalb die politische Journalistin vor allem von den Kabalen in der bayerischen Politik so fasziniert ist. Weil die großen Linien der Politik sich dort immer in Machtkämpfen zeigen, die auch gut auf eine Theaterbühne passen. Gabi Oertel stammt aus Thüringen, in Gera machte sie ihr Volontariat, später wechselte sie in die Bezirkszeitungen von Suhl und Erfurt. In der Geraer »Volkswacht«, wo auch der Autor dieser Zeilen einige Jahre verbrachte, sprach man ihren Namen mit Achtung aus, als sie die Redaktion längst verlassen hatte. Gabi ist jetzt beim ADN in Berlin, hieß es, und es klang stolz. Der ADN war die Nachrichtenagentur der DDR und auch für Gabi das Tor in die große weite Welt. Sie arbeitete bald mit ihrem damaligen Mann in Bonn, am sensibelsten Ort, den der DDR-Auslandsjournalismus zu vergeben hatte. Gabi Oertel erlebte die Wende quasi aus der Perspektive des Westbeobachters. Ab 1990 beim »nd«, konnte sie dann alle Erfahrungsbrüche, die der politische Journalist in Ostdeutschland fortan durchmachte, hier erleben. Sie ist damit eine aus der kleiner werdenden Schar von DDR-Journalisten im »neuen deutschland«, die die Zeitung seither mit immer neuen Kolleginnen und Kollegen bewahrt und verändert haben. Am Jahresende hat sie das Alter erreicht, den weiteren Fortgang von außen zu betrachten. Vielleicht kann sie dann ein zuletzt vernachlässigtes Ritual wiederbeleben und ihre regelmäßigen Besuche in Weimar nebst Theaterbesuch fortsetzen. Als Ressortleiterin, Mitglied der Chefredaktion und in den letzten Jahren mitverantwortliche Redakteurin für das »Wochen-nd« stöhnte sie zuweilen, wenn der Stress über ihrem Kopf zusammenschlug. Dennoch fand sie die Zeit, auch mal ein Buch zu schreiben, typischerweise über Gespräche mit Menschen. Interviewbücher mit Hans Modrow und mit den erwachsenen Kindern von Prominenten (letzteres verfasst mit Karlen Vesper) sind das lesbare Ergebnis. uka

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