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Immer am Ball bleiben

Ehemalige Hamburger Lehrerin und Handballtrainerin steht mit 90 Jahren noch mitten im Leben

  • Von Volker Stahl, Hamburg
  • Lesedauer: 3 Min.

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Wer rastet der rostet. Gerda Seyffarth zitiert dieses Sprichwort zwar nicht, aber Menschen wie ihr dürfte es zu verdanken sein, das dieses geflügelte Wort zum Zitatenschatz der deutschen Sprache gehört.

Seit 82 Jahren ist die quirlige Seniorin im Handball aktiv, zunächst als Spielerin auf dem Großfeld, später als Trainerin in der Halle. Eine Mannschaft coacht die frühere Lehrerin für Sport und Englisch an Grund-, Haupt- und Realschulen zwar nicht mehr, doch als Betreuerin des 4. Herrenteams des SC Alstertal-Langenhorn ist sie immer noch aktiv: »Ich sitze auf der Bank, gucke, was die falsch machen und schreibe anschließend einen Bericht.« Manchmal läuft sie auch aufs Parkett, etwa wenn sich ein Spieler verletzt hat: »Ich frage dann: Tut es wirklich weh oder brauchst du nur eine Pause?«

Ihre Leidenschaft für den Sport, ihr Engagement als Lehrerin und Trainerin und ihr Humor haben sie im Verein und bei ihren ehemaligen Schülerinnen und Schülern zu einer Legende werden lassen, der ein goldener Stern im Fußboden vor der Sporthalle ihres Vereins gewidmet ist. Ende August, anlässlich ihres 90. Geburtstags, wurde die »Grande Dame« des Hamburger Handballs mit Glückwünschen überhäuft. Eine frühere Mädchenmannschaft sendete ihre filmische Grüße aufs Smartphone, das sie mit flinken Handbewegungen bedient. »Schauen Sie mal, ist das nicht süß - ich habe vor Freude fast geweint, als ich das zum ersten Mal gesehen habe«, kommentiert sie die minutenlange Huldigung.

Dass sich ihre Freundinnen der neuen Technik verweigern, ärgert Gerda Seyffarth: »Alle in meinem Alter sagen: Nee, ein Handy will ich nicht«, seufzt sie und sagt: »Kann ich nicht verstehen, die nehmen sich ja das halbe Leben. Die werden ja moderne Analphabeten!« Sie selbst bleibt dagegen am Ball. Seit acht Jahren steht Spanisch auf ihrem Stundenplan. Die Sprache hatte sie 1938 im Gymnasium angefangen zu lernen - jetzt will sie sie wieder auffrischen und beschäftigt sich täglich eine halbe Stunde mit Vokabeln, Grammatik und der Lektüre der Zeitschrift ECOS. Bei allem Bemühen bleibt sie aber Realistin: »Es geht mir eher darum, das einmal Gelernte nicht zu vergessen. Neue Vokabeln zu behalten, fällt mir sehr schwer.«

Bis 67 hat sie gearbeitet: »Ich hatte Spaß an meinem Beruf und hätte gerne noch weitergemacht.« 2002 fing sie mit dem Malen an, seit kurzem schreibt sie ihre Vita auf: »Ich bin aktuell im Jahr 1941 bei der Kinderlandverschickung.« Ihre Erinnerungen an die Nazis schildert sie ohne zu beschönigen: »Ich war eine überzeugte Nazi und hatte mit 14, 15 Jahren die Führerschaft über zwölf Mädchen.« Als junges Mädchen bekam sie mit, wie Frauen in gestreifter Kleidung aus dem Fuhlsbütteler Gefängnis in Ohlsdorf auf eine Verladerampe verbracht wurden. Sie fragte ihre Mutter, was das zu bedeuten hätte und bekam zur Antwort: »Die gehen zur Arbeit.« Heute weiß Gerda Seyffahrt, dass sie Zeugin einer Deportation in ein Konzentrationslager wurde. Obwohl sie bei Kriegsende erst 17 Jahre alt war, wollte sie etwas gutmachen und hält heute Vorträge in Schulen: »Meist schildern Zeitzeugen dort diese Zeit ja aus der Opferperspektive - ich erzähle, wie ich Adolf Hitler auf dem damals nach ihm benannten Rathausplatz gesehen habe und viele Mädchen kreischend in Ohnmacht fielen - wie heute beim Auftritt einer Boygroup.« Ihr Rat an die heutige Jugend: Verstand einschalten!

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