Im Spannungsfeld der Politik

Pünktlich zur Neueröffnung der Staatsoper erscheint Misha Asters Chronik des Hauses

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Vor rund zwei Monaten zog die Berliner Staatsoper nach siebenjähriger Renovierung wieder an ihren Stammsitz Unter den Linden. An diesem Freitag wird nun der reguläre Spielplan aufgenommen. Passend dazu ist soeben eine umfangreiche Chronik des Hauses erschienen. Sie stammt von dem 30-jährigen Musikwissenschaftler und Dramaturgen Misha Aster, der unter dem Titel »Das Reichsorchester« bereits ein Buch über die Geschichte der Berliner Philharmoniker im Nationalsozialismus veröffentlicht hat.

Das Dritte Reich spielt auch in Asters neuer Publikation eine wichtige Rolle. Zwar wurde die Lindenoper bereits 1742 von Friedrich II. eröffnet, der Autor konzentriert sich jedoch auf die stürmische Geschichte des 20. Jahrhunderts, in deren Verlauf die Institution vor den Karren von fünf verschiedenen politischen Systemen gespannt wurde: von Kaiserreich und Weimarer Republik über Nazi-Herrschaft und DDR bis in unsere Tage.

Obwohl der politische Zeitgeist aus ganz verschiedenen Richtungen wehte, zeigen sich verblüffende Kontinuitäten: Unabhängig war die Lindenoper nie; weder künstlerisch noch organisatorisch. Als eines der prestigeträchtigsten Opernhäuser Deutschlands wurde sie von wechselnden Machthabern immer wieder für Zwecke der Selbstdarstellung und Propaganda instrumentalisiert. Das ging auch mit Anweisungen zu Repertoire und Rollenbesetzungen einher. Anlässlich der Uraufführung von Brechts und Dessaus »Lukullus« im Jahre 1951 forderten die DDR-Kulturfunktionäre sogar Umarbeitungen.

Die wechselnden Intendanten versuchten, den Bereich der künstlerischen Unabhängigkeit möglichst weit zu halten. Doch die externe Einflussnahme ergriff noch den letzten Beleuchter: Unter den Nationalsozialisten müssen alle Angestellten ihr arisches Blut und die vor dem Wehrdienst schützende künstlerische Unabkömmlichkeit nachweisen. In DDR-Jahren wiederum gilt es, die Kriterien eines Reisekaders zu erfüllen.

Der 500-Seiten-Wälzer unterliegt einer Dreiteilung: Weimarer Republik, Nationalsozialismus, DDR. Wobei Misha Aster mit Vorliebe die Übergangsphasen beleuchtet. Der Autor liefert eine Fallstudie über die Wechselwirkungen zwischen Politik und Musiktheater. Detailliert erläutert er, wie die wechselnden politischen Rahmenbedingungen die Arbeit im Haus und den Spielplan beeinflussen.

Großen Raum widmet Aster der DDR-Zeit. Zunächst geht es um die Nachkriegswochen im zerbombten Berlin, wo Nikolai Bersarin, der sowjetische Stadtkommandant, den Wiederaufbau des kulturellen Lebens organisiert. Die Vorstellungen der zerbombten Lindenoper finden im Admiralspalast am Bahnhof Friedrichstraße statt. Doch wenige Hundert Meter weiter erwächst Konkurrenz: Walter Felsenstein stellt an der Komischen Oper die Weichen für ein modernes Regietheater. Der charismatische, innovative Regisseur bedeutet eine dauerhafte Konkurrenz für die Vorrangstellung der Staatsoper.

Die anfangs liberale Situation ändert sich 1949 mit der Staatsgründung der DDR. Ministerpräsident Otto Grotewohl gibt die Linie vor: »Die Idee der Kunst muss der Marschrichtung des politischen Kampfes folgen.« Klar verständlich, optimistisch und sozialistisch gesinnt soll es fortan auf der Bühne zugehen. Misha Aster erinnert jedoch auch daran, dass der Staat durch stark subventionierte Opern- und Konzertkarten jedermann die Teilhabe am kulturellen Leben ermöglichte.

Ebenso differenziert betrachtet der Autor die Folgen des Mauerbaus. Er erzählt, wie die Schließung der Grenzen so manchem Künstler zum Karrieresprung verhalf. Da die zahlreichen West-Berliner Mitglieder der Staatsoper ausfielen, kamen neue Kräfte aus Dresden, Weimar oder Leipzig in die Hauptstadt; darunter etwa der Tenor Peter Schreier.

Aster schildert sodann die Mechanismen der politischen Einflussnahme, die Infiltrierung des Ensembles durch die Staatssicherheit sowie den strengen Auswahlprozess für die Teilnahme an Tourneen. Nur Künstler mit entsprechend gefestigter Gesinnung dürfen die Staatskapelle auf Tourneen in den Westen begleiten. Die Entscheidung darüber fiel in der Künstleragentur, die dem Kulturministerium angegliedert war. Die Künstler erhielten allerdings nur einen kleinen Teil des Honorars in »Westgeld«; den Rest strich der Staat ein. So schlug man zwei Fliegen mit einer Klappe: Die Musiker verbreiteten im Ausland sozialistischen Glanz und brachten zugleich wertvolle Devisen heim. Die Rechnung ging jedoch zuweilen nicht auf. Nicht selten wurden die Gastspiele als Sprungbrett zur Ausreise genutzt. »Nach jeder Tournee braucht die Staatskapelle einen neuen Soloklarinettisten«, unkte man in Musikerkreisen.

Misha Aster legt sein Augenmerk auf die Geschichte der Staatsoper im Spannungsfeld der Politik; den künstlerischen Leistungen des Hauses widmet er sich nur am Rande. Ein kurzer Epilog behandelt die Nachwendezeit. Dieses eher undifferenzierte Kapitel widmet sich vor allem dem Weg Barenboims an die Spitze des Hauses. Dick aufgetragen ist Asters Begeisterung für den Dirigenten. Zugleich werden Ensemble-Mitglieder um den Bariton Siegfried Lorenz, die Barenboim - durchaus berechtigt - mangelnde Kenntnis und Anerkennung der Verdienste der DDR-Staatsoper vorwarfen, als Ewig-Gestrige abgetan. Zu wenig erfährt man hier über die Transformation der Staatsoper in den frühen Neunzigern, die künstlerisch und strukturell gewiss nicht weniger tiefgreifend war als in den früheren Umbruchphasen.

Die Aufarbeitung der Ära Barenboim bleibt künftigen Geschichtsschreibern vorbehalten. Immerhin war der Dirigent mit seinem kurzen Draht zur Politik maßgeblich daran beteiligt, den ursprünglich geplanten modernen Entwurf für den Zuschauersaal zu verhindern. Mit allen bekannten Folgen für den Steuerzahler.

Bei der Premiere zur Neueröffnung am 3. Oktober präsentierte sich das Haus als »Staats«-Oper im emphatischen Sinn: Die Prominenz schritt über den weiträumig abgesperrten roten Teppich; hinter weit entfernten Metallzäunen äugte das gemeine Volk. Als Merkel und Steinmeier in ihre Loge traten, gab es ein ehrfürchtiges Raunen im Saal. Misha Asters Buch zeigt deutlich, welchen historischen Vorbildern ein solcher Festakt folgt.

Misha Aster: Staatsoper. Die bewegte Geschichte der Berliner Lindenoper im 20. Jahrhundert. Siedler, 544 S., geb., 28 €.

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