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  • Kultur
  • Feminismus in der Rechten

Vergiftete Geschlechter

Nationalisten kleiden sich in Zeiten erhitzter Debatten gern als die besseren Feministinnen

  • Von Björn Hayer
  • Lesedauer: 5 Min.

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Eigentlich waren wir schon viel weiter: Kaum jemand würde heute mehr die Gleichstellung von Mann und Frau in der Familie oder im Beruf öffentlich anzweifeln. Nachdem die Feministinnen der traditionellen Schule noch im zwanzigsten Jahrhundert die Grabenkämpfe geführt haben, um die geschlechtsspezifische Diskriminierung zu beenden, hat die postfeministische Bewegung schon gar nicht mehr an Trennung und Unterschieden zwischen Mann und Frau festhalten wollen. Wie deren Hauptvertreterin Judith Butler einmal in ihrem epochalen Werk »Das Unbehagen der Geschlechter« (2013) schrieb, »ist die Geschlechtsidentität ein Tun«, also mehr Praxis bzw. performativer Selbstentwurf als biologische Vorbestimmtheit.

Und wie sieht es aktuell aus? Wer die erneut entflammte Sexismusdebatte rege verfolgt, dürfte wohl zu dem Schluss kommen, dass wir im Augenblick wieder einen Rollback erleben. Oder vielleicht noch drastischer: Waren nach all den Jahrzehnten die Fortschritte in den harten Diskussionen am Ende nur vermeintliche? Waren Gleichstellung und Auflösung binären Kategoriendenkens möglicherweise nicht mehr als Lippenbekenntnisse und Papiertiger? Ja, man sollte meinen, dass wir weiter waren. Denn jetzt befinden sich die Geschlechter in einer neuen Phase der Konfrontation. Brechen viele nun immer mehr ihr Schweigen über sexuelle Missbräuche, so sehen die Talksendungen darin eine gute Gelegenheit, um die Konflikte von einst wieder richtig zu befeuern. Alt-Feministinnen sitzen über die Männer zu Gericht, in der Kunst und Kultur beginnt man, wie der Fall Eugen Gomringer auf traurige Weise belegt, nach potenziell patriarchalen Ablagerungen zu suchen, und all die Arbeit der jüngeren Gender-Forscherinnen und -Forscher, die gegen die mit gängigen Klischees betriebene Separierung der Welt in zwei Geschlechterpole aufbegehrten, scheint dahin zu sein.

Dabei gibt es ernsthaften Redebedarf. Selbstverständlich über die Tabubrüche und Verbrechen, selbstverständlich über eine Schweige- und Wegsehkultur und selbstverständlich über die zeitlose Bedeutung von Macht- und Hierarchiegefällen für Grenzübertretungen. Allerdings reicht der Redebedarf noch weiter und wirft angesichts des Erstarkens der Rechtspopulisten elementare Fragen über das Verhältnis der Geschlechter auf. Denn die Parolen eines Alexander Gauland, Björn Höcke oder einer Frauke Petry erweisen sich im Kern als ernst zu nehmende Bedrohung dessen, was zahlreiche Emanzipationskämpferinnen über viele Dekaden hinweg erkämpft haben.

Da liest man Klagen über den »Gender-Wahn«, da hört man einen André Poggenburg, AfD-Fraktionschef im Landtag Sachsen-Anhalts, vor der »Frühsexualisierung« von Kindern in Kitas und Grundschulen warnen. Von einer Umerziehung im großen Stil, bis am Ende alle Heranwachsenden wohl gar noch schwul oder transsexuell werden, ist die Rede. Statt über Binnen-I und -* zu sprechen, sollten die Menschen aus Sicht der selbst ernannten Volkstribunen wieder Kinder zeugen, um dadurch den deutschen Volksstamm zu bewahren. Kurzum: Die »aberwitzige Gender-Ideologie« - eine Formulierung von Frauke Petry - passt nicht ins Weltbild der Rechten. Dass selbstbewusste Frauen ihre Stimme keineswegs einer Partei von vorvorgestern geben sollten, wäre zu vermuten. Doch weit gefehlt. Die Ideologen aus der Mottenkiste haben längst einen raffinierten Weg der Doppeladressierung gefunden, der es ihnen ermöglicht, im einen Satz über eine durch und durch akademische Gender-Politik zu schimpfen, und im nächsten die Phalanx für den Schutz von Frauenrechten hochzuhalten. Nicht wenige weibliche Zeitgenossen, die eigentlich nicht in das klassische Spektrum der AfD gehören, zeigen sich auf den sozialen Netzwerken durchaus angetan von der Fürsorge der Populisten.

Wie geht das? Die Geschlechter- und Feminismusforscherinnen Sabine Hark und Paula-Irene Villa sehen diese eigenartige Entwicklung in der medialen Reflexion eines zentralen Ereignisses begründet. So ist die »Kölner Silvesternacht zu einem Referenzpunkt dafür geworden, dass nicht-westliche, männliche Migranten, Muslime, nicht in der Lage sind, Frauen zu achten« - so zumindest der Tenor eines Teils der Berichterstattung. Rechte Kreise profitieren von Feindbildern und einseitigen Auffassungen vom Fremden. Bei Frauke Petry hört sich das pauschal so an: »Frauen in Deutschland haben wieder Angst, auf dunklen Plätzen allein unterwegs zu sein.« Dem Anspruch, Frauen und deren Rechte zu schützen, lässt sich gemäß dieser Sichtweise nur Rechnung tragen, wenn der Einwanderung der halluzinierten potenten männlichen, nordafrikanischen und muslimischen Testosteronbomben Einhalt geboten wird. Schließlich gilt für Petry und Co.: Das wird man doch wohl noch sagen dürfen.

Weil Feminismus somit zunehmend nationalistisch oder gar rassistisch grundiert wird, sprechen Hark und Villa auch »von einem ›toxischen Feminismus‹, also einer rassistischen Überformung des feministischen Sprechens«. Der Denkfehler dieser neuen, merkwürdigen Strömung, welche die italienische Soziologin Sara Farris auch als »Femnationalismus« bezeichnet, besteht wohl letztlich im Bruch mit dem ursprünglichen Ansatz sowohl der Frauenbewegung als auch des akademisch forcierten Gender-Diskurses. Denn sowohl der politische Feminismus als auch sein akademischer Ableger gingen aus dem Bestreben nach Freiheit hervor, wendeten sich gegen die Zweiteilung der Welt, für die gerade die Tendenz zur Abschottung steht.

Was also tun? Zunächst einmal erscheint es nötig, die Diskussion wieder sachlich zu führen und nicht das Trennende in den Vordergrund zu stellen. Statt Beziehungen zwischen »Deutschen« und »Zugewanderten« sowie Frau und Mann argumentativ zu kappen und auf Gegensätzen zu beharren, wäre es wünschenswert, diese wieder offen auszugestalten. Positive Entwürfe sind gefragt. Um der Komplexität gerecht zu werden, reicht eben eine simple Täter-Opfer-Logik nicht aus. Vielmehr werden dadurch die Gräben vertieft und bisherige Errungenschaften in Misskredit gezogen. Es bedarf analytischer und kommunikativer Kompetenzen, weniger der Fixierung auf Kategorien und Differenzen. Aber genau dafür muss es ein Bekenntnis zur Gender-Forschung geben. Sie stellt Denkfabriken zur Verfügung und lotet oftmals visionär aus, was in der Zukunft zur Realität werden könnte. Vom Gender-Wahn zu reden, läuft letztlich darauf hinaus, alte Mauern wieder zu errichten. Eigentlich hatten wir diese zum Einsturz gebracht. Die Konstrukteure eines neuen Fundaments sollten in jedem Fall nicht die Baumeister von gestern sein.

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