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Marzahn ist gar nicht gruselig

Leipziger Freizeitparkchef bekam nach beleidigender Werbekampagne die Gegend gezeigt

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

»Okay, in der Vorstellung meiner Leute gibt es so etwas hier nicht, ehrlich gesagt«, gesteht der gebürtige Saarländer Erwin Linnenbach, als er am Donnerstagabend über den historischen Dorfanger von Marzahn gefahren wird. Linnenbach ist Geschäftsführer des Freizeitparks Belantis, der 2017 mit zwei aufsehenerregenden Kampagnen um Besucher aus der Hauptstadt buhlte.

Erst wurde großflächig plakatiert: »Berlins neuer Freizeitpark direkt über die A 9.« Da diese Autobahn vom Berliner Ring abzweigt, dachten viele, es gebe nun einen Vergnügungspark vor den Toren der Stadt. Tatsächlich befindet sich der Belantispark an der A 9, jedoch auf Höhe von Leipzig. Bereits 2003 eröffnete dort ein hübsch angelegtes Revier mit Wasserrutsche, Karussells und Achterbahnen, für das 2017 dank der Plakatkampagne erstmals nirgendwo so viele Tickets online gebucht worden sind wie in Berlin. Die zweite Plakataktion irritierte aber nicht nur, sie provozierte: »Gruseliger als Marzahn: Halloween im Freizeitpark.«

Das Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf erwog kurz, auf dieses Spiel mit einem Vorurteil nicht zu reagieren. Doch viele Einwohner haben sich geärgert. Darum schrieb Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle (LINKE) einen offenen Brief. Schließlich lud der Bezirk Geschäftsführer Linnenbach zu einem Besuch ein, damit er sich mit eigenen Augen überzeugen könne, dass sein Bild von Marzahn nicht stimme. Am späten Donnerstagnachmittag kommt Linnenbach mit seinem Pressesprecher André Hoffmann. Wirtschaftsstadtrat Johannes Martin (CDU) führt die beiden Männer herum, spendiert ihnen eine Tour mit der Seilbahn an den Gärten der Welt und gewährt vom höchsten Punkt des Kienbergs und vom Dach eines Hochhauses an der Marzahner Promenade atemberaubende Ausblicke auf die Großsiedlung.

»Wir wollten doch niemanden beleidigen«, beteuert Linnenbach. »Wir entschuldigen uns.« Doch sein Pressesprecher Hoffmann lässt sich nach einigem Hin und Her entlocken, die Empörung sei durchaus »ein bisschen bewusst kalkuliert« gewesen. Hoffmann ist nicht direkt bei Belantis angestellt, sondern als Kommunikationsmanager bei der Westend Communication GmbH beschäftigt. Diese Werbeagentur dachte sich das Plakatmotiv aus. Man wollte irgendwas mit gruselig und Halloween machen und habe überlegt, es gebe doch in jeder Stadt so ein verschrienes Viertel, sagt Hoffmann. In Leipzig sei es das Plattenbaugebiet Grünau. Auf der Suche nach einem Berliner Pendant half den Werbefachleuten der Gedanke an die Komikerin Cindy aus Marzahn - die in Wirklichkeit aus Luckenwalde stammt. Dick und doof, faul und frech. So wie die Kunstfigur Cindy soll also angeblich Marzahn sein?

Alles Quatsch. Bezirkssprecher Frank Petersen kann die Lügen, die über Marzahn erzählt werden, schon nicht mehr hören. Der Bezirk habe in Wahrheit die dritthöchste Beschäftigungsquote Berlins, die oft geschmähte Platte sei wieder so begehrt wie in der DDR, als die Mieter aus Altbauquartieren mit Ofenheizung und Toilette auf halber Treppe eine moderne Neubauwohnung mit Wärme aus der Wand ersehnten. Die Marzahner fühlen sich wohl in ihrer Siedlung, zeigen Befragungen immer wieder. Sie schätzen die kurzen Wege und das viele Grün. Während andere Bezirke Parzellen für den Wohnungsbau opfern, kann Marzahn-Hellersdorf trotzdem noch zusätzliche Flächen für Kleingartenanlagen ausweisen, hebt Petersen hervor. Aber wenn er derartiges Journalisten mit Westherkunft am Telefon vorschwärmt, bleiben sie skeptisch - bis es ihm gelingt, sie herzulocken und ihnen die vielen schönen Ecken zu zeigen. Dann sind sie überrascht und revidieren ihr Urteil.

264 000 Einwohner leben in Marzahn-Hellersdorf und pro Jahr werden es 3000 mehr, informiert Stadtrat Martin. Das alles hätten Linnenbach und Hoffmann nicht gedacht. Mit strahlenden Augen schauen sie sich um. »Herrlich«, ruft Hoffmann oben auf dem Kienberg aus, als er beobachtet, wie die Sonne langsam hinter den Hochhäusern versinkt.

Später geht es an der Marzahner Promenade mit dem Fahrstuhl hoch in die 21. Etage, dann ein paar Stufen über den sogenannten Skywalk außen an der Fassade entlang aufs Dach. Die Treppe ist eine Gitterkonstruktion. Wer darauf läuft, kann hindurchsehen. Das ist schwindelerregend und nichts für Menschen mit Höhenangst. 3500 Besucher nahmen bis jetzt an einer Führung hier hinauf teil, berichtet Oleg Peters, Leiter des Standortmarketings Marzahn-Hellersdorf. Im Gegensatz zu den Attraktionen im Park Belantis (Eintritt für Erwachsene: 31,90 Euro), kosten die Skywalk-Führungen keinen Cent.

Auf der Aussichtsplattform verhandeln Peters und Martin über eine Wiedergutmachung. 100 Großflächen »Gruseliger als Marzahn« habe es gegeben, rechnet Martin vor. Im Frühjahr solle Belantis zur Entschädigung 100 Großflächen für das hiesige Standortmarketing bezahlen, verlangt er. Der Sprecher des Freizeitparks windet sich, schlägt das aber nicht rundheraus ab. Man müsse sehen, was möglich sei. Inzwischen ist es dunkel geworden, und es ist kein bisschen gruselig. In den Wohnungen werden die Lampen eingeschaltet. Marzahn präsentiert sich als wunderschönes Lichtermeer.

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