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Wirkungssüchtiges Spiel auf zugemüllter Bühne

Jürgen Kruse inszenierte »Das Missverständnis« von Albert Camus am Deutschen Theater

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»Nein« sagt im Stück mit »fester, klarer Stimme« der stumme Diener auf den Hilferuf der Frau des Opfers. Da hat ein grauenvolles Geschehen in fataler Zwangsläufigkeit den vorläufigen Endpunkt gefunden. In einem schäbigen Wirtshaus einer verregneten Stadt hatten zwei Frauen, Mutter und Tochter, jahrelang Gäste beraubt, getötet und in den Fluss geworfen, um sich mit dem erbeuteten Geld in anderer Gegend ein neues Leben aufbauen zu können.

Da kommt Jan, ihr Sohn und Bruder, zurück. Vor 20 Jahren war er der Tristesse des prekären Lebens entflohen und hatte in einem Land unter südlicher Sonne Wohlstand und eine treu sorgende Frau gefunden. Nun ist er zurückgekommen und sieht seine Aufgabe darin, den unglücklichen Verwandten Glück zu bringen. Von den Frauen nicht erkannt, wird er zum Opfer eines Missverständnisses. Die Mutter, die sich nach Ruhe und Frieden sehnt, geht aus dem Leben. Auch die Tochter folgt ihr - aus Protest gegen die Ungerechtigkeit des Lebens. Die Figur des Sisyphus, des sich vergeblich Mühenden, scheint auf.

Die Gewissheit von der Absurdität und Sinnlosigkeit des Lebens rückt den damals 37-jährigen Camus in die Nähe des einst befreundeten, nun verfeindeten Sartre. Und doch gibt es Unterschiede. André Rousseaux, Kritiker des »Figaro«, hat sie anlässlich der Uraufführung des »Missverständnisses« 1944 in Paris so benannt: »Bei Sartre ist Gott tot, bei Camus ist er nur schwerhörig.« Tatsächlich gibt es noch die Spur von Hoffnung. Maria, Jans Frau, glaubt an die Beständigkeit von selbstloser Partnerliebe, Martha an das Glück im Land am Meer.

In Jürgen Kruses Inszenierung fällt das »Nein« des stummen Dieners weg. Stattdessen buchstabiert er krächzend, als wolle er das Geschehen als Außengutachter einordnen, das Wort »Existenzialismus«. Merkwürdiges geschieht: Das Opfer steht von seinem Sterbelager auf, legt sich transparente Engelsflügel an, geht zum Hackklotz und hackt, als ob es kein Ende gäbe. Holz gesellt sich zu seiner Frau, die ein Baby im Arm wiegt. Aus dem Off erklingt eine Frauenstimme mit der Verkündung einer biblischen Strafe. Die Tat ist nicht vergessen, das Leben in seiner ermüdenden Gleichförmigkeit geht weiter.

Merkwürdige Dinge hatten sich schon vorher auf der Bühne ereignet, Hinzuerfindungen, die mit Camus’ Stück nur bedingt zu tun haben. Der heimgekehrte Jan schüttelt sich unentwegt Sand aus Stiefeln und Kleidung, eine Art Zauberin kehrt mit vorsintflutlichem Besen und schüttet in einer Vorahnung des Verbrechens Blut in ein Laken, und Jan legt sich eine Maske des Dichters Camus an - so wie eine Schar von Kleindarstellern.

Die Beispiele zeigen die inszenatorische Richtung an: Originalitätssucht tritt an die Stelle von Figurenbeziehungen. Verstärkt wird dieser Eindruck durch eine Sprachbehandlung, die den Text zerstückelt, um ihn dann in eine wahre Kaskade von Wiederholungen münden zu lassen.

Dringlichkeit und emotionale Berührung gibt es nur im zweien Teil, wenn der Originaltext unbeschädigt bleibt - so wenn die Mutter (Barbara Schnitzler), vom Entsetzen gelähmt, die gerechte Strafe auf sich zukommen sieht oder wenn Linda Pöppel glückstrunken vom Paradies unter südlicher Sonne schwärmt.

Nächste Vorstellungen am 16. und 25. Dezember

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