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Vergangenheitsbewältigung

Das American Jewish Committee benennt den Antisemitismus bei Geflüchteten

  • Von Florian Haenes
  • Lesedauer: 3 Min.

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Als der Antisemitismusforscher Günther Jikeli Geflüchtete aus Irak und Syrien über ihre Ansichten zum Judentum und Israel befragte, konnte er nicht ahnen, in welch aufgeheizter Stimmung seine Forschungsergebnisse ein Jahr später veröffentlicht werden würden. Nachdem der US-amerikanische Präsident Donald Trump Jerusalem zur Hauptstadt Israels erklärt hat, sind auch in Deutschland antiisraelische Proteste in Antisemitismus umgekippt. Israelische Fahnen gingen in Flammen auf. Und das im Land der Täter. Seitdem ringt die Öffentlichkeit um Haltung. Jikelis Antisemitismusstudie kommt deshalb jetzt zur rechten Zeit. Ihre unmissverständliche Botschaft ist: Antisemitische Denkweisen sind bei Geflüchteten weit verbreitet. Die Politik soll deshalb überlegen, was sie gegen judenfeindliche Ideologien unter Schutzsuchenden unternimmt.

An einem Punkt will Jikeli am Mittwoch im Rahmen einer Veranstaltung des American Jewish Commitee (AJC) in Berlin keinen Zweifel lassen. Den Menschen in Syrien und in Irak sind antisemitische Stereotype und krude Theorien einer zionistischen Weltverschwörung von Kindesbeinen an eingetrichtert worden. Hass auf Juden habe unter Saddam Hussein zur Staatsraison gehört - in Syrien unter Baschar al-Assad gehört sie es noch heute. Jikeli schildert frappierende Ähnlichkeiten zwischen Schulbüchern in Syrien und neonazistischen Publikationen in Deutschland. »Wenn man jeden Tag antisemitisches Denken beschwören muss, dann bleibt davon etwas hängen«, meint Jikeli. »Wenn man gegen diese Ideologie nicht angeht, wird das zum Problem.«

Deirde Berger, Direktorin des AJC, nennt Jikelis Studie, die zusammen mit der Indiana Universität publiziert worden ist, einen Weckruf. »Politiker müssen deutlich machen, dass antisemitisches Verhalten nicht toleriert wird und Rechtsbrüche geahndet werden.« In Integrationskursen müsse das jüdische Leben in Deutschland und das besondere Verhältnis der Bundesrepublik zum Staat Israel ausdrücklich thematisiert werden.

Das Wissen über die Shoa ist in den Herkunftsländern schwach ausgeprägt, meint Jikeli. Das unbegreifliche Ausmaß des Verwaltungsmassenmordes und dessen Duldung durch die überwiegende Mehrheit der Deutschen ist weithin unbekannt. Sobald Geflüchtete davon erfahren, sind auch sie schockiert.

Nichtsdestotrotz sind antijüdische Ressentiments mitunter tief verwurzelt. Islamisten glauben, aus dem Koran eine ewige Feindschaft zwischen Juden und Muslimen ableiten zu können. Zum Beispiel gibt es die Auffassung, Juden hätten den Versuch unternommen, den Propheten Mohammed zu vergiften. Es sind Überzeugungen einer radikalen Minderheit. Doch die könnte versuchen, Geflüchtete für ihre Zwecke einzuspannen, fürchtet Jikeli. »Antisemitische Vorstellungen können von politischen Organisationen aktiviert werden«, sagt er. So habe jüngst der »Rat der Imame und Gelehrten in Deutschland« seine Mitglieder aufgerufen, die Jerusalem-Entscheidung Trumps in den Freitagsgebeten zu behandeln. Der Rat steht der Einschätzung Jikelis nach der radikalen Muslimbruderschaft nahe. Doch es ist tatsächlich unbekannt, ob der Inhalt der Gebete dann auch judenfeindlich war. Die Proteste auf den Straßen waren es allemal. Aber handelte es sich bei den Demonstranten überhaupt um Moscheegänger? Auch das: unbekannt. Und falls ja, um Besucher von Moscheen welcher Glaubensrichtung geht es? Es wäre wohl absurd, ernsthaft ein muslimisches Netzwerk als Drahtzieher hinter den Protesten zu verdächtigen.

Es sind auch nicht alle Geflüchteten aus Irak und Syrien, die eine Neigung zum Antisemitismus zeigen. Besonders unterdrückte Minderheiten wie die Jesiden oder die Kurden, die einen eigenen Staat fordern, hätten sich staatlicher Propaganda verschlossen, sagt Jäkeli. Mitunter nannten Angehörige dieser Gruppen den Staat Israel sogar als Vorbild. Trotzdem äußerten auch Kurden und Jesiden antisemitische Stereotype. Dies aber ist ein Makel, vor dem auch der geschichtsbewusste Teil der Deutschen nicht gefeit ist.

Jikelis Studie ist schlüssig und wird der Debatte nur zuträglich sein. Dennoch muss erwähnt werden, wie dünn mit rund 15 Gruppeninterviews ihre Datenbasis ist. Es handelt sich um keine repräsentative Studie. Doch Sorgen, die deutsche Juden geäußert haben, hilft sie zu unterfüttern.

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