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Asyl für Antifaschisten

Die Erholungs- und Begegnungsstätte Heideruh bietet seit fast 100 Jahren Zuflucht für verfolgte Menschen

  • Von Sebastian Bähr, Heideruh
  • Lesedauer: 8 Min.
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Westlich der Stadt Buchholz an der Nordheide, etwa 40 Kilometer südlich von Hamburg, liegt ein Wäldchen. Eine Straße führt hinein; auf den ersten Blick gibt es neben Bäumen nur eine Koppel mit Islandpferden zu bestaunen. Ein Schild weist auf eine Abzweigung hin - folgt man ihr, erreicht man nach wenigen Minuten eine kleine, versteckte Siedlung. »Früher durfte nur über Mundpropaganda von diesem Ort erzählt werden«, sagt Bea Trampenau, die Geschäftsführerin der Antifaschistischen Erholungs- und Begegnungsstätte Heideruh. »Die Alten hatten Angst, die Nazis in der Gegend waren recht aktiv.« Die 55-Jährige schreitet an einem stürmischen Oktobermorgen an Übernachtungshäusern, einer Bücherei, einer Kantine vorbei. Die Sicht ist trüb, die umgrenzende Natur wirkt wie ein Schutzwall. Trampenau - energisches Auftreten, lange blonde Haare, kantige Gesichtszüge - muss viel organisieren. Zahlreiche Gäste werden erwartet, darunter einige besondere.

Verschiedene Anzeichen lassen auf den Grund der ehemaligen Geheimniskrämerei schließen. Am Eingang des Geländes weht eine Fahne. Die Aufschrift: »Das niemals geschehe, was gestern geschah«. Auf der Rückseite der Kantine prangt in grellbunten Buchstaben das Graffiti »Provinz-Antifa«; ein Plakat der Hamburger G20-Proteste klebt an einer Tür.

Die antifaschistische Verbundenheit des Ortes reicht weit zurück, berichtet Trampenau. »In unserer Liegehalle wurden damals die an Tuberkulose erkrankten Opfer der Konzentrationslager geheilt.«

Die Geschichte von Heideruh beginnt bereits vor der Machtübernahme der Nazis. Das erste Holzgebäude wurde 1923 auf dem Gelände gebaut. Eine Gruppe um den Hamburger Kommunisten Ernst Ludwig Stender kaufte dann 1926 das Grundstück und nutzte es für konspirative Zusammenkünfte. Die Nazis nahmen Stender 1933 wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« fest, doch das Haus wurde vorerst weiter besucht - von seiner Familie und auch ehemaligen Spanienkämpfern. Die wenigen verbliebenen Dokumente berichten, dass 1943 ein vermutlich NS-loyaler Bauunternehmer auf dem Anwesen ein »Ausweichlager und Gefolgschaftsheim« für seinen Betrieb einrichtete.

Direkt nach der Befreiung durch britische Einheiten übernahmen im April 1945 vormalige Inhaftierte und Widerstandskämpfer vom »Komitee ehemaliger politischer Gefangener« - der späteren »Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes« (VVN) - das Heim. Das Gelände durfte auch von der »Freien Deutschen Jugend« (FDJ) als erste Jugendleiterschule genutzt werden. Man bot fortan ehemaligen Lagerhäftlingen und ihren Angehörigen für mehrere Monate einen Ort zur Genesung. Bis 1949 führte die VVN auch ein Kinder- und Jugendheim. Die Heranwachsenden sollten eine Ablenkung von den Grausamkeiten erhalten, die man ihnen und ihren Eltern angetan hatte.

»Heideruh war durchgehend ein Ort, wo die Kinder von Verfolgten eine eigene Bedeutung hatten«, sagt Trampenau. Sie stellt in der Kantine dampfenden Tee auf einen Tisch, dann erscheinen die besonderen Gäste. 15 Enkelkinder und Kinder von NS-Verfolgten und Widerstandskämpfern nehmen in einem Stuhlkreis Platz. Die Hälfte der rund 40- bis 90-Jährigen ist das erste Mal da. Erst zögerlich, dann immer selbstbewusster beginnen sie, sich gegenseitig ihre Familiengeschichte zu erzählen. Fast jeder verliert in den folgenden Stunden Tränen, einige haben sich noch nie vor anderen geöffnet. »Für eine Selbsthilfegruppe ist unser Treffen zu offen, es hat aber einen Selbstheilungsaspekt«, sagt Trampenau.

Inge Kroll, Jahrgang 1950, besucht zum ersten Mal Heideruh. »Unsere Eltern haben uns die Ausgrenzung, die Verletzungen und die Wut mitgegeben - wir sind durch ihre Erfahrungen stigmatisiert«, sagt die Psychologin in die Runde. Ihr Vater, der Kommunist Hans Kroll, war im Konzentrationslager Dachau inhaftiert, konnte aber während der Todesmärsche befreit werden. Das Aufwachsen bei ihm sei von eigener Zurückhaltung geprägt gewesen. »Ich dachte oft: Die Geschichte meines Vaters ist so bedeutsam, dass meine kleinen Querelen im Vergleich dazu nicht wichtig sind.« Kroll wählt ihre Worte bewusst, sie strahlt Selbstsicherheit aus. Doch auch sie habe sich ein eigenes Verständnis der Familienbeziehung erarbeiten müssen, sagt sie: »Man hat den Eltern ihre eigene Geschichte gelassen, solange sie gelebt haben - nun, nach ihrem Tod, kann ich auf meine Weise ihr Erbe annehmen.«

Ilse Jacob, geboren 1942, erinnert sich an die positiven Einflüsse ihrer Mutter. »Sie hat mir als Kind immer von Solidarität und Gerechtigkeit erzählt - auch das hat aber deutlich gemacht, wie schlimm es war.« Ihre Mutter, Katharina Jacob, war bis zur Befreiung im KZ Ravensbrück inhaftiert, Ilses Vater Franz Jacob wurde 1944 mit Anton Saefkow und Bernhard Bästlein hingerichtet. Gemeinsam hatten sie eine der einflussreichsten kommunistischen Widerstandsgruppen in Nazideutschland aufgebaut. Ilse macht in der Runde deutlich, wie wichtig trotz der Eltern eigene Erlebnisse für ihre Identitätsbildung waren. »Ich bin nie durch meine Mutter in Kämpfe hineingezwungen worden, auch eigene Erfahrungen wie der Antikommunismus haben mich politisch geprägt.«

Bea Trampenau erzählt ebenfalls von ihrer Geschichte. »Mit drei Jahren wusste ich, was Einzelhaft bedeutet«, sagt die Gastgeberin. Ihr Vater, der Hamburger Kommunist Richard Trampenau, wurde 1933 verhaftet und zum Tode verurteilt. Nach zwölf Jahren Zuchthaus, Folter und Eingesperrtsein in einer Todeszelle konnte er in letzter Sekunde befreit werden. Bea beschreibt die Verantwortung, der sie sich als Tochter von Richard Trampenau ausgesetzt fühlte. »In den antifaschistischen Gruppen war es aufgrund seines Heldenstatus nicht möglich, über die Makel meines Vaters zu sprechen, außerhalb der politischen Gruppe war es aufgrund des verbreiteten Antikommunismus auch nicht möglich.« Sie wurde zu seiner »Ersatztherapeutin« und »Geheimnisträgerin«. 1998 starb ihr Vater genau an jenem Tag, an dem Bea »ihr« politisches Projekt, das Junglesben-Zentrum in Hamburg, eröffnete. Damals habe sie gedacht: »Selbst den Tag hast du mir genommen«. Seine Todeszelle konnte sie erst im September diesen Jahres besuchen.

Die Nachfahren von NS-Verfolgten und Widerstandskämpfern, die sich in Heideruh treffen, wollen nicht nur persönliche Erkenntnisse austauschen, sondern auch die Lücke ausfüllen, die verstorbene NS-Zeitzeugen hinterlassen. »Der Auftrag der Alten wird hier ernst genommen - wir müssen uns befähigen, in Schulen sprechen zu können«, sagt Trampenau. Vom 2. bis 4. November 2018 soll es in Heideruh erstmals ein gemeinsames Treffen aller Gruppen der Nachfolgegeneration geben.

Entlang eines Barfußpfads findet man in Heideruh zahlreiche Informationstafeln. Sie klären auf über die turbulenten Jahrzehnte nach der Wiederinbetriebnahme: Das politische Klima der jungen Bundesrepublik hatte sich rasch in Richtung Kalter Krieg gewandelt. Der Trägerverein des Heims, die Hamburger VVN, wurde 1951 wegen »Verfassungsfeindlichkeit« verboten. Die Unterstützer organisierten sich danach als Genossenschaft, später in einem Verein. Politisch verfolgte Kommunisten - kriminalisiert etwa durch das KPD-Verbot oder den »Radikalenerlass« - zählten wieder zu den Gästen. In den 1970er Jahren vermittelte das Rote Kreuz chilenische Kinder von Verfolgten des Pinochet-Regimes zur Erholung in das Heim. In den 40 Betten gab es jährlich zwischen 2000 und 8000 Übernachtungen.

Die meist schwierige wirtschaftliche Lage änderte sich kurzzeitig durch die Wende: »Nach 1989 wurden wir von vielen DDR-Bürgern entdeckt, die sich als politisch Verfolgte gefühlt haben«, sagt Trampenau. Eine »Lobhudelei« des ostdeutschen Staates habe es in Heideruh aber nicht gegeben. »Die kritischsten Diskussionen zur DDR hat man bei uns geführt.«

Nach der Jahrtausendwende kamen immer weniger Besucher, viele Stammgäste starben. 2009 bat die VVN Bea Trampenau, die Verantwortung für das Projekt zu übernehmen. »Es ging um die Entscheidung, in Würde unterzugehen oder einen Neuanfang zu machen.« Trampenau wollte das Angebot nur dann annehmen, wenn der Unterstützerverein sich für den Weg in die Öffentlichkeit entscheidet - was dieser auch tat. Die antifaschistische Jugend aus der Region entdeckte dann Heideruh zur Freude der Alten schnell für sich. »Ich weiß nicht, wie oft hier alte Männer Tränen in den Augen haben, wenn ein junger Mensch seine Hand auf der Mitgliederversammlung hebt.« Gleichzeitig boten - und bieten - die Jugendlichen Schutz.

In der anliegenden Gemeinde Tostedt existiere eine »extrem gewaltbereite und mitgliederstarke Neonaziszene«, schrieb das »Antifaschistische Infoblatt« im Jahr 2010. Bereits in den Nachkriegsjahren haben sich Bauern laut Trampenau geweigert, Lebensmittel an das Heim abzugeben. »Hier ist einfach braune Struktur, dass war auch schon vor dem Faschismus so.« Die lokale AfD versucht seit Jahren, eine finanzielle Förderung des Projekts zu verhindern. 2015 hatte sie im Internet mehrere vermeintliche Unterstützer geoutet, darunter Minderjährige. Im ersten Halbjahr 2017 zählte die Polizei im zuständigen Landkreis Harburg 22 rechtsmotivierte Straftaten.

Heideruh stellt sich der Herausforderung, mit seinen Nachbarn einen Umgang zu finden. Kein leichtes Unterfangen. Im angrenzenden Dorf Holm-Seppensen machte Trampenau eine Umfrage, was die Anwohner über den Ort wissen. »Da kam ein Blumenstrauß an Antworten: das ist ein Judenhaus, ein Siechenheim, eine SED-Fortbildungsstätte bis hin zu ein Haus, wo sich Faschisten treffen.« Selbst wohlwollende Nachbarn würden gelegentlich fragen: »Antifaschismus? Müsst ihr das so hart nennen?« Trampenau bejaht jedes Mal, freundlich, aber bestimmt. Und lädt weiter zu Kuchenessen, Filmabenden und Familienfesten ein.

Mit Hilfe des Museumskunde-Professors Oliver Rump konnten mittlerweile die Grundlagen geschaffen werden, um die Bevölkerung aufzuklären. »Ich wohnte in Holm-Seppensen und hörte von einem Haus für Rote Socken«, sagt Rump. »Es machte mich neugierig, hier ein anderes Erbe als das Braune der Lüneburger Heide zu erforschen.« Es folgten eine Publikation und eine Ausstellung in der Stadtbibliothek Buchholz. »Letztendlich konnte der Nachweis geführt werden, dass Heideruh ein bedeutender Erinnerungsort deutscher Geschichte ist.« Die Aufklärungsarbeit trug Früchte. Als 2016 die NPD im Ort protestieren wollte, gab es auf der Gegenkundgebung zwei Redebeiträge: vom CDU-Bürgermeister und von Trampenau. Respekt gab es auch für ein weiteres Betätigungsfeld: 2013 nahm Heideruh neun sudanesische Flüchtlinge auf - natürlich politisch Verfolgte.

Für die Zukunft hat Trampenau viele Pläne, doch ob diese umgesetzt werden können, ist ungewiss. »Wir haben immer noch keine existenzielle Sicherheit«, sagt die Geschäftsführerin. Sie fordert das Land Niedersachsen und den Bund auf, Verantwortung zu übernehmen. Dann könnte, so ihr Wunsch, Heideruh langfristig ein Begegnungsort für Antifaschisten und Antifaschistinnen aller Altersklassen und Strömungen werden. Gerade politisch aktive Menschen bräuchten einen Ort, »wo sie die Seele baumeln lassen können«, erklärt Trampenau. Doch dieser Ort, mitten im Wald, war und ist auch immer mehr als das. »Es ist wichtig, dass wir in dieser unklaren historischen Phase Räume haben, wo wir über Macht und Logistik verfügen - und Heideruh bietet dafür 1000 Möglichkeiten.«

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