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Eine nie vergehende Sehnsucht

Vor 75 Jahren zerschlug die Gestapo die »Rote Kapelle«. Hans Coppi über seine Eltern und deren Mitstreiter

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 9 Min.

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Als Sie vor 75 Jahren, am 27. November 1942, geboren wurden, waren Ihre Eltern bereits in NS-Haft. Belastet dieses Wissen Ihre alljährliche Geburtstagsfeier?

Mitunter. In diesem Jahr bin ich vielleicht deshalb auch nach Weimar ausgewichen. Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden. Das trifft in meinem Fall natürlich nicht zu, denn ich habe noch nicht einmal Erinnerung an meine Eltern. Mein Vater wurde am 19. Dezember 1942 vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt. Zehn Tage zuvor hat er mich sehen können, das einzige Mal. Das Todesurteil wurde am 22. Dezember in Berlin-Plötzensee vollstreckt. Meine Mutter Hilde, die mich im berüchtigten Frauengefängnis Barnimstraße in Berlin gebar, wurde am 20. Januar 1943 ebenfalls zum Tode verurteilt. Was bleibt mir? Eine nie vergehende Sehnsucht.

Die Vollstreckung des Urteils wurde verschoben, so lange Ihre Mutter stillen konnte. Ähnliches geschah im Falle von Liane Berkowitz, die ebenfalls der »Roten Kapelle« angehörte und ebenfalls im Frauengefängnis Barnimstraße ein Kind zur Welt brachte, ein Mädchen, sowie anderer Widerstandskämpferinnen, etwa Liselotte Herrmann und Olga Benario-Prestes.
Hitler hat die Gnadengesuche meiner Mutter und weiterer zwölf Frauen der Berliner »Roten Kapelle«, darunter Liane, am 21. Juli 1943 abgelehnt. Sie wurden alle am Abend des 5. August im Zuchthaus Plötzensee ermordet.

Wie und wann haben Sie erstmals erfahren, wer Ihre Eltern waren?
Ich weiß nicht mehr genau, wie alt ich war, als meine Großeltern väterlicherseits mir von ihnen erzählten. Es war für mich anfangs, als hörte ich eine fremde Geschichte. Aber ich spürte, wie sie unter dem Verlust litten. Und schon früh erlebte ich, dass sich mir völlig fremde Menschen für meine Eltern interessierten. Wenn ich als Kind mit der Welt haderte, mich allein und unverstanden fühlte, dann wünschte ich mir meine Mutter herbei, um ihr mein Unglück zu erzählen. Merkwürdig: Sie steht mir heute näher als früher. Auch mein Vater. Wenn mich Albträume quälen, dann rufe ich aufgeschreckt nach meiner Mutter. Je älter ich werde, desto stärker wird mir bewusst, was mir die Nazis antaten, was sie mir raubten.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie aus dem Munde eines im Bundestag sitzenden Politikers eine Lobeshymne auf die »Leistungen« deutscher Soldaten in beiden Weltkriegen hören?
Das ist eine Provokation und ein Angriff auf die Erinnerungskultur, die sich über Jahrzehnte dank zahlreicher Initiativen, Debatten und Protesten der Zivilgesellschaft herausgebildet hat. Grundlage für die kritische Sicht auf die Vergangenheit sind solide Forschungen, die zu Publikationen, Ausstellungen, Filmen und auch zu politischen Entscheidungen in der Gedenk- und Erinnerungspolitik führten. Zu den quellengestützten Erkenntnissen gehört, dass die Soldaten der Wehrmacht an einem Raub- und Vernichtungskrieg beteiligt waren. Gauland stellt, genauso wie Höcke und viele andere Mitglieder und Anhänger der AfD, die Erinnerungskultur nicht nur in Frage. Sie wollen sie abschaffen und einen Schlussstrich unter die Aufarbeitung der NS-Verbrechen ziehen. Eine starke Zivilgesellschaft wird dies aber nicht zulassen.

Hierzulande wurde und wird häufig als Entschuldigung für Mitläufertum in der Nazizeit, vor allem bei prominenten Persönlichkeiten - Schriftstellern, Philosophen, Politikern wie Günter Grass, Jürgen Habermas oder Helmut Kohl -, deren Jugend vorgebracht. Ihre Eltern waren blutjung, als sie der Hitlerdiktatur den Kampf ansagten.
Mein Vater war erst 18 Jahre alt, als er das erste Mal, Anfang 1934, wegen Verbreitung antifaschistischer Flugblätter von der Gestapo verhaftet worden ist. Nach seiner Entlassung aus dem Jugendgefängnis Plötzensee beteiligte er sich sofort wieder an der Verfassung von Flugblättern, gemeinsam mit Freunden der Schulfarm Scharfenberg, einem reformpädagogischen Projekt der Weimarer Republik, aus dem viele spätere Widerstandskämpfer hervorgingen, darunter Heinrich Scheel, der wie meine Eltern zur Widerstandsorganisation »Rote Kapelle« gehörte und später Präsident der Historikergesellschaft der DDR war.

Eine konsequente Entscheidung meines Vaters in jungen Jahren war es auch, das Lessing-Gymnasium nach Hitlers Machtantritt nicht mehr zu besuchen. Fortschrittliche Pädagogen waren entfernt worden, Lehrer liefen in SA-Uniform herum, die Lehrpläne wurden umgestellt. Und das an einer Schule, die den Namen des Autors des großen Toleranz-Dramas »Nathan der Weise« trug! Mein Vater hat eher auf das Abitur verzichtet, als sich anzupassen. Er machte eine Lehre als Dreher. Als Deutschland den Zweiten Weltkrieg entfesselte, wurde er nicht einberufen - weil er als »wehrunwürdig« galt. Das war ihm gewiss recht, denn er gehörte damals bereits der Widerstandsgruppe um Wilhelm Schürmann-Hoster an, einen mit der KPD sympathisierenden Schauspieler und Regisseur.

Ihr Vater ist im Berliner Arbeiterbezirk Wedding aufgewachsen, seine Eltern Frieda und Robert, Schneiderin und Maler, waren KPD-Mitglieder. Hat ihn dies gegen die NS-Ideologie immunisiert?
Vermutlich. Aber es gab auch Fälle, da Kinder aus sozialdemokratischem oder kommunistischem Haushalt stramme Nazis wurden. Es ist letztlich stets eine individuelle Entscheidung, eine Frage des Gewissens und Wissens, der Moral und des Anstands, ob man sich einer offen terroristischen Diktatur unterwirft.

Ihr Vater hat 1940 Ihre Mutter Hilde, geborene Rake, kennengelernt und im folgenden Jahr geheiratet. Den beiden war nur ein Jahr gemeinsamen Glücks beschieden. Wussten sie um das Risiko?
Sie wussten, dass ihnen jederzeit die Verhaftung drohte. Ich glaube, sie haben diese Ahnung verdrängt. Denn mit ständiger Angst im Nacken kann man nicht Widerstand leisten.

Was war die »Rote Kapelle«, deren Mitglieder in der alten Bundesrepublik als »Landesverräter« und »Agenten Moskaus« diffamiert und in der DDR hinsichtlich ihrer Kundschaftertätigkeit für die UdSSR überzeichnet wurden?
Die »Rote Kapelle« - übrigens der Fahndungsname der Gestapo - war keine hierarchisch strukturierte und zentral angeleitete Organisation, schon gar nicht von Moskau aus, sondern ein Netzwerk von Freundes- und Widerstandskreisen, Arbeitern, Studenten, Wissenschaftlern und Künstlern - über 150 Männer und Frauen unterschiedlicher sozialer Herkunft und weltanschaulicher Orientierung. Ihr gemeinsamer Nenner war die Ablehnung des menschenfeindlichen, welteroberungssüchtigen Regimes.

Zur »Roten Kapelle« gehörten auch Vertreter der militärischen und politischen Elite des NS-Staates.
Die führenden Köpfe waren Arvid Harnack, Oberregierungsrat im Reichswirtschaftsministerium, und Harro Schulze-Boysen, Offizier im Reichsluftfahrtministerium. Letzterer verfasste im Dezember 1941 mit dem Arzt John Rittmeister und John Graudenz, einem renommierten Pressefotografen, der unter anderem für die »New York Times« gearbeitet hatte, die Flugschrift »Die Sorge um Deutschlands Zukunft geht durch das Volk«. Cato Bontjes van Beek, niederländischer Abstammung, eine leidenschaftliche Segelfliegerin, deren Bruder Tim übrigens mit dem Flaksoldaten und späteren Bundeskanzler Helmut Schmidt befreundet war, hat diese mit Heinz Strelow aus Hamburg auf Matrizen übertragen. Die zu aktivem und passivem Widerstand aufrufende Schrift haben dann in Kuverts gesteckt und deutschlandweit verbreitet: Maria Terwiel, »Halbjüdin« nach NS-Jargon und Katholikin, deren Lebensgefährte Helmut Himpel, ein Zahnarzt, zu dessen Patienten hochrangige Diplomaten und Schauspieler gehörten, so Heinz Rühmann, sowie als Dritter im Bunde der Pianist Helmut Roloff. Das ist nur ein Beispiel für die Bandbreite der Widerstandsorganisation und ein Zeugnis dafür, dass sich deren Tätigkeit nicht, wie es früher in der Bundesrepublik hieß, in der Spionage für die Sowjetunion erschöpfte.

Stimmt es, dass ein Patzer des sowjetischen militärischen Nachrichtendienstes verantwortlich für die große Verhaftungswelle war, welche die Mehrheit der Widerständler der »Roten Kapelle« nicht überleben sollten? Und empfinden Sie darob vorwurfsvolle Bitterkeit?
Als viel schlimmer erachte ich, dass Stalin die Informationen der »Roten Kapelle« über die deutschen Angriffsvorbereitungen auf die Sowjetunion ignorierte. Bis zuletzt. So teilte am 16. Juni 1941 erneut ein Mitarbeiter des Generalstabs der Luftwaffe der damals noch tätigen sowjetischen Botschaft in Berlin mit, dass in den nächsten Tagen der Militärschlag beginne. An den Rande der ihm vorgelegten Mitteilung schrieb Stalin jedoch: »Das ist kein Informant, sondern ein Desinformant.« Und hat jenen obendrein noch mit einem derben russischen Fluch belegt.

Vor dem Überfall hatte der sowjetische Geheimdienst zwei Funkgeräte, wovon eines defekt war, den Berliner Antifaschisten überlassen. Und Ihr Vater wurde als Funker auserkoren.Eigentlich war zunächst ein anderer vorgesehen, der jedoch zur Wehrmacht eingezogen wurde. Schulze-Boysen war der Ansicht, ein gelernter Dreher müsste auch funken oder dies zumindest rasch erlernen können. Der Radius des Geräts reichte jedoch nur bis Minsk, und die Hauptstadt Belorusslands war bereits Ende Juni 1941 von der Wehrmacht eingenommen. Ende Oktober 1941 suchte Anatoli Gurewitsch alias »Kent«, Resident des sowjetischen Militärgeheimdienstes in Brüssel, Schulze-Boysen in Berlin auf. Dessen Informationen funkte er dann von Brüssel aus nach Moskau. Dummerweise hat die Gestapo seinen Funker in Belgien, Johann Wenzel, Ende Juni 1942 verhaftet und von ihm schließlich unter unsäglicher Folter die Codes erfahren. Dadurch gelang es der Gestapo im August 1942 einen Funkspruch mit der - und das war der »Patzer« - Adresse von Schulze-Boysen in Berlin zu entziffern.

Und so nahm die Tragödie ihren Lauf. Einer nach dem anderen wurde verhaftet. Glaubten die Verhafteten, von Moskau verraten respektive leichtsinnig ausgeliefert worden zu sein?Schwer zu sagen. Einerseits erfuhren sie zumeist erst in der Haft, dass sie einem gemeinsamen Widerstandskreis angehörten. Natürlich versuchte die Gestapo ihnen den Eindruck zu vermitteln, von Moskau verraten worden zu sein. Ich glaube, meine Eltern haben sich als überzeugte Kommunisten von dieser zynischen Verhöhnung nicht beeindrucken lassen. Und Cato, eine der Jüngsten und zutiefst gläubig, soll auf ihrem letzten Gang gerufen haben: »Wir haben doch gesiegt.« Dies jedenfalls hat Gefängnispfarrer August Ohm überliefert. Über meine Mutter notierte eine Aufseherin des Frauengefängnisses: »Hilde Coppi … zart, fein, tapfer, ganz selbstlos ... Stolz, beherrscht und lieb. Kein Hass. Eine rührende Persönlichkeit. Rechnete nie mit Gnade.« Ich habe diese Notiz erst vor zehn Jahren in einem Archiv entdeckt. Sie hat mich zutiefst berührt.

Macht Ihnen der Rechtsruck in Deutschland Angst?
Natürlich bin ich besorgt über den zunehmenden Rechtsruck und die teils offene Enttabuisierung völkischen und neonazistischen Gedankengutes, das bei Demonstrationen und Kundgebungen nicht nur der NPD, sondern auch der Pegida und AfD skandiert wird. Der durch die Menschheitsverbrechen der Nazis begangene ungeheure Zivilisationsbruch ist noch längst nicht aufgearbeitet. Doch davon völlig unbeeindruckt, setzt die Bundesregierung die Prioritäten in der Gedenk- und Erinnerungspolitik auf die DDR-Geschichte. Es gilt darum, das antifaschistische Engagement in diversen gedenk- und erinnerungspolitischen Initiativen und die Vielfalt der kleinen, mittleren und großen NS-Gedenkstätten entschiedener und nachhaltiger als bisher zu unterstützen und zu stärken.

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