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Fünfzig plus

Die Herbstzeitlosen von Bettina Oberli

  • Von Marion Pietrzok
  • Lesedauer: 5 Min.
Der Film ist jugendfrei, das heißt, eher nicht jugendfrei, weil junge Leute wohl nicht das Zielpublikum sind. Zumindest seine Botschaft ist an ein paar Damen fortgeschrittenen Alters herbeizitiert: »Für Lebensfreude ist man nie zu alt.« Und damit hätten wir den klassischen Zukunftsfilm schon heute in den Kinos: Wenn die Filmtheater überleben wollen angesichts der fast schon übermächtigen Konkurrenz von Internet und DVD-Heimkino, müssen sie sich nach dem gesetzteren - dem heute noch lieber im Fernseh-Sessel sitzenden - Publikum umschauen. Sie wollen ihm ein Angebot von altersentsprechend interessierenden Themen machen, in einem Filmkunsthaus mit guter Verkehrsanbindung, dessen gehobenes Ambiente und kulinarisches Angebot von mehr als Cola und Popcorn exklusiven Reiz verströmen und wo man gut hört, gut sieht, keine Treppen zu steigen hat und das WC schnell erreichbar ist. Das sagt jedenfalls eine Studie des Hauptverbandes Deutscher Filmtheater, seit 2005 ist man dabei, dementsprechend die potente Potenz 50plus erschließen. Also nehmen wir eine in der Herbstzeit ihres Lebens: Martha. Sie isst ihr Abendbrot allein. Nur noch der männliche Vorname auf dem zweiten Serviettenring zeigt an, dass früher weniger trostlose Mahlzeiten eingenommen wurden. Sie ist über achtzig, da ist es in der Schweiz, wo der Mann statistisch gesehen sechs Jahre früher als seine - zumeist obendrein jüngere - Frau den Erdenkreis verlässt, schon ein Glück, dass sie erst ein Jahr lang Witwe ist. Bis jetzt hat sie - noch mehr schlecht als recht - seinen Gemischtwarenladen im kleinen Dorf Trub im Schweizer Emmental weitergeführt. Aber heute zieht sie sich entschlossen ihr Trachtenkleid an, legt sich ins halbleere Ehebett und sagt: »Es reicht jetzt.« Und betet zu Gott: »Lass mich zu ihm.« Aber der liebe Gott hat anderes mit ihr vor. Schickt den Männerchor der Gemeinde in Gestalt des ihn sponsernden Großbauern Fritz vor: Weil sie doch als junge Frau eine gute Schneiderin war, könnte Martha die Vereinsfahne, die gerade Opfer von Mottenfraß geworden war, kostengünstig und schnell durch eine neue ersetzen. Der Stoffeinkauf in Bern - ach, die Seidenstoffe und die Bordüren und Spitzen, wie wunderschön sie sind und beglückend schon die Berührung mit den Fingerspitzen - weckt die Erinnerung an die Jugendzeit. Sie nähte damals nicht irgendwas, sondern feine Dessous, Luxus, von dem in Trub keiner auch nur eine Ahnung hat. Die lebenslustige Lisi, eine der drei Partnerinnen beim sonntäglichen Kartenspiel, dem Jassen, macht ihr Mut: den Traum von einst, in Paris eine eigene Boutique mit selbst kreierter Wäsche zu eröffnen, sich doch noch zu erfüllen, den sie als »bessere Hälfte« aufzugeben hatte. So wird aus dem Laden, in dem nicht nur die Schokoladentafeln das Verfallsdatum überschritten haben, Marthas »Petit Paris Lingerie«, wenngleich nicht in Paris, voller toller Toilette mit Hingabeeffekt. Aber die Reizwäsche reizt - zum dörflichen Widerstand. Von der altbackenen Provinzgemeinde, den sittenwächternden Männern vor allem, gemieden, werden dennoch aus den Ladenhüterinnen Begründerinnen einer Edelfirma mit - moderner geht's nicht - Internetversand, der selbst die ins Altersheim Abgeschobenen noch auf Trab bringt. Wie die alte Frau, deren Lebenslust noch einmal neu erblüht, sie sozusagen auf die Spitze treibt, sich gegen ihren scheinheiligen Sohn, den - moralisch durchaus nicht einwandfreien und im Fehlverhalten menschlichen Pfarrer der kleinen Gemeinde - durchsetzt und auch ihre Kartenspielfreundinnen dazu ermuntert, die Last der tradierten, tristen Verhaltensnormen abzuschütteln, ist in dieser Komödie schlüssig, zügig, in tausenderlei liebevoll gezeichneten Details unterhaltsam erzählt. Das Skandalöse ist äußerlich der Fremdkörper Reizwäsche im konventionserstarrten Dorf. Eigentlich ist es die Unordnung ohne Unterordnung in diesem Mikrokosmos der patriarchalen Gesellschaft. Dass man Veränderung als Chance wahrnehmen kann und soll, das wird mit großem Charme in Szenen gefasst, in flottem Wechsel von nüchterner Zeichnung, satter Karikatur und weichem Wehmutsbild. Ein unaufdringliches Plädoyer für das Recht auf Unangepasstheit. Und wie die Kamera das Sinnliche, vermeintlich Sündige einfängt, das hat eine Sogkraft, die an Lasse Hallströms »Chocolat« mit Juliette Binoche denken lässt. Dieser Film brachte vor sieben Jahren der Zungen- und Gaumenlust hierzulande ein neues Genussobjekt und löste einen Boom von Chocolaterien aus. Vielleicht gibt »Herbstzeitlose«, dieser kleine große schweizerische Film von der unterm Deckel von Tradition und Tracht gehaltenen Leidenschaft, die nur eines kleinen Auslösers bedarf, um loszubrechen, wenn nicht die (Bein-)Freiheit von sexy Slips und freizügigen Miedern, so doch Hilfe für die Bestätigung: Ich bin, was ich will und was ich kann. Dass der Film vom Geschmack des Lebens nicht nur in der Schweiz seine begeisterten Zuschauer finden wird, wo er sein reales Vorbild hernahm, ist auch der Garde hervorragender Schauspieler zu danken: Stephanie Glaser, eine der populärsten Volksschauspielerinnen der Schweiz, als Martha. Annemarie Düringer (seit 1949 Mitglied des Wiener Burgtheaters) als Frieda, die im Altenheim nur Gutgemeintes und doch nichts Gutes für sich findet. Heidi Maria Glössner als Lisi, die ihr Leben nur meistern konnte, weil sie ihm eine Fantasiekonstruktion als Schmerzdämpfer eingebaut hatte. Monica Gubser als Hanni, die von der Familie lediglich als Dienende, Funktionierende ge-, also missbraucht wird. Manfred Liechti als Fritz, Hannis Sohn, ein Urbild sich selbst zuwirtschaftenden Konservatismus'. Hanspeter Müller-Drossaart als Marthas Sohn Walter, der heimlich Wein trinkt, während er öffentlich Wasser predigt.

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