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Abgrenzung statt Solidarität

Wie die weltoffene Mittelklasse die herrschende Wirtschaftsordnung stabilisiert

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 6 Min.
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Von allen im deutschen Fernsehen ausgestrahlten Kultursendungen hat »Aspekte« (ZDF) das beste Image. Katty Salié und Jo Schück führen wöchentlich durch das Programm, sie präsentieren Themen für die jüngere Generation in einem originellen Ambiente, mit ansprechenden Filmeinspielern und guten Gesprächen. Es ist ein besonderes Programm. Im November stellte ein Beitrag das neue Buch von Andreas Reckwitz vor. Dann befragten die Moderatoren einen interessanten Gast.

In »Die Gesellschaft der Singularitäten« erarbeitet Reckwitz eine Generaltheorie, die es in sich hat. Er stellt in westlichen Demokratien wie Deutschland eine Spaltung in eine Drei-Drittel-Gesellschaft fest. Da sei zum einen die (neben der Kaste der Superreichen) politisch dominante neue Mittelklasse, die aus weltoffenen Akademikern bestehe. Diese Menschen seien Gewinner des Wirtschaftsliberalismus und Inbegriff des linksliberalen Kosmopolitismus. Ihre Wahlsprüche: Sei der Kurator deines eigenen Lebens! Nicht der Standard ist erstrebenswert, sondern das Besondere! Wir müssen unsere Unterschiede inszenieren!

Dem gegenüber stehen zwei soziale Klassen, die bei der Abkehr vom Allgemeinen kulturell und ökonomisch zu Verlierern geworden sind. Da wäre zum einen die alte Mittelklasse, zu der überwiegend nicht-akademisch Ausgebildete und häufig formal hoch Qualifizierte mit gutem Einkommen aus dem ländlichen Raum zählen. Der Sinn des rot-grünen Wohlfahrtsstaatsabrisses bestand darin, dieser Klasse mit dem sozialen Abstieg zu drohen. Und da wäre zum anderen die Unterklasse, die (oft trotz Vollzeiterwerbsarbeit) in Armut leben muss und sich außerdem mit einer kulturellen Entwertung ihres Lebensstils konfrontiert sieht.

Am Ende des Filmbeitrags in »Aspekte« sagt Reckwitz, der Staat und die neue Mittelklasse müssten sich dafür einsetzen, die ökonomische Ungleichheit zu verringern und kulturelle Normen für alle wiederzubeleben. Dann zeigt die Kamera den Studiogast. Es ist die Stückeschreiberin und Schriftstellerin Sasha Marianna Salzmann. In ihrem in diesem Herbst von der Kritik gefeierten Debütroman »Außer sich« poetisiert sie eine Identitätssuche und bringt so viele Zeitgeistthemen erfolgreich unter wie kaum jemand zuvor: Transgender, Türkei, Russland, Flüchtlinge.

Jo Schück wendet sich ihr zu: »Inwieweit fühlt sich die kosmopolitische Theaterfrau verantwortlich für die, die sich kulturell abgehängt fühlen?« Salzmanns spöttischer Blick verrät, dass sie mit dieser Frage gerechnet hat. Sie antwortet: »Ich fühle mich nur für mich selbst verantwortlich. Ich bin für radikale Diversität. Wenn wir schon über die Stimme der Straße sprechen: Das sind für mich die Refugees. Die müssen auch sprechen. Alle möglichen Minderheiten, die wir jetzt nicht benannt haben, müssen sprechen.«

Darin ist »Aspekte« nicht nur besonders, sondern einzigartig: Treffender als durch dieses Interview ließe sich Reckwitz nicht bestätigen. Denn was der Professor für vergleichende Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder herausgefunden hat, liefert Erklärungen für ein bereits länger zu beobachtendes Auseinanderdriften der sozialen Klassen und Milieus. Das Buch ist nicht leicht zu lesen. Wer es aber durchackert, wird mit einer sauber argumentierten Diskussionsgrundlage und teilweise brillanten Formulierungen belohnt.

Die klassische industrielle Moderne, so Reckwitz, ermöglichte in der BRD nach dem Zweiten Weltkrieg kurzzeitig eine »nivellierte Mittelstandsgesellschaft«. Darin herrschte ein kultureller Konsens, nach dem alle das Ziel eines ähnlichen Lebensstils verfolgten, um einen bestimmten Lebensstandard zu erreichen. Alle wollten die gleiche Waschmaschine, das gleiche Auto, den gleichen Angestelltenalltag. Gleichzeitig vollzog sich eine Bildungsexpansion, die eine neue Mittelklasse entstehen ließ.

Diese neue Mittelklasse, so Reckwitz, habe den Wandel von der Moderne zur Spätmoderne geprägt. Seit den achtziger Jahren definierte sie ein neues Wertesystem, das sich von Normen und Pflichten hin zu Selbstverwirklichung und Liberalisierung bewegte. Das neue Ideal ist das sich selbst entfaltende Individuum, also ein expressives Selbst, das keinen Konventionen folgt. Es geht laut Reckwitz nicht mehr um den Lebensstandard, sondern um Lebensqualität und das »gute Leben«. Diese linke Liberalisierung habe die Gesellschaft von konservativem Muff befreit, aber auch den Neoliberalismus begünstigt.

In dieser neuen Mittelklasse sind urbane CDU-Wähler ebenso vertreten wie Anhänger von SPD und FDP sowie Leute aus dem grün-alternativen Milieu. Die Klasse ist so heterogen, dass zu ihr sogar jene Strömung der Linkspartei zählt, der die umstrittene Bundesvorsitzende Katja Kipping ein prominentes Gesicht verleiht. Es sind jene Menschen, die bislang von der Globalisierung ausschließlich profitiert haben. Darum ist ihre politische Kernforderung eine Welt mit offenen Grenzen für alle.

Selten wird diese Haltung differenziert oder kontextualisiert. Sie steht als nette Parole im Raum, gilt darum als fortschrittlich und lässt sich sehr leicht durch die wirtschaftspolitische Hegemonie vereinnahmen. Von Facebook-Chef Mark Zuckerberg bis zur Aktivistin aus Berlin-Kreuzberg können sich alle auf das Fernziel einer grenzenlosen Erde einigen.

Wem Erbschaft oder besserverdienende Verwandte, Universitätsabschluss und distinguierter Geschmack sowie ein Netzwerk einflussreicher Menschen fehlen, für den ist die Vision offener Grenzen auch mit Angst verbunden. In der alten Mittelklasse fürchten viele, durch das löchrige soziale Netz zu fallen und dort anzukommen, wo kaum mehr jemand wirklich hinsieht: in der Unterklasse. Weil die neue Mittelklasse dank ihrer Ressourcen kaum so weit abstürzen wird, kann und will sie sich nicht in die Lage der Verängstigten und Verfemten versetzen.

So erklärt sich die Aussage von Salzmann in »Aspekte«, sie fühle sich nur für sich selbst verantwortlich. Die Literatin spielt mit wenigen Sätzen die Interessen der alten Mittelklasse und der Unterklasse gegen die der Flüchtlinge und der Minderheiten aus. So, als sei der Rassismus des »weißen Pöbels« schuld daran, dass Menschen ihre Heimat verlassen müssen und in Europa nicht die Hilfe erhalten, die sie brauchen, und auch nicht das Gehör finden, das ihnen zusteht.

Die Spätmoderne, zeigt Reckwitz, kreist nicht mehr um Verteilungsfragen, sondern nur noch um die Kultur. Die neue Mittelklasse hat einen Zwang zur Einzigartigkeit etabliert und Besonderheiten der Arbeiterklasse kolonisiert. So wie man sich Yoga aus Indien oder Tai-Chi aus China aneignet, so definiert man auch die Kultur der hierzulande Marginalisierten um. Die neue Mitte darf ihr Craft Beer mit Freunden aus aller Welt in der Eckkneipe trinken, derweil die niemals jenseits der eigenen Landesgrenzen gelangten Unterklassemänner mit »Sternburg« in der Hand am Tresen der Kaschemme als »asozial« gelten. Cafébesitzer mit veganem Rührei im Angebot lassen sich für ihre Tattoos bewundern, während der Kioskbesitzer mit Schlangenbildern auf dem Bizeps ein »Proll« sein soll. So hat die neue Mitte der neoliberalen Verarmungspolitik eine kulturelle Komponente der Verachtung geschenkt.

Das reicht laut Reckwitz bis zur Gesundheit, wo die neue Mittelklasse ihre Werte durchgesetzt hat. Rauchen, Zucker und fettes Essen, Kernelemente des Lebensstils der Arbeiterklasse, sind verpönt. Wer sich der gesunden Ernährung verweigert, schadet dieser Logik zufolge nicht nur sich selbst, sondern auch der Gesellschaft. Auf Dauer legitimiert das eine politische Konsequenz, nach der das staatliche Gesundheitssystem die Bekämpfung »selbst verschuldeter« Krankheiten nicht mehr finanzieren muss.

Spätestens seit dem Anbruch des digitalen Zeitalters hat der Wirtschaftsliberalismus den Menschen in einen grenzenlosen Wettbewerb gedrängt. Darin gibt es keine Gesellschaft mehr, sondern nur noch Einzelkämpfer. Der Linksliberalismus setzt in anderer Weise auf radikale Diversität: verschiedene Geschlechter, verschiedene sexuelle Orientierungen, verschiedene migrantische Gemeinschaften. Das liberale Paradigma, schreibt Reckwitz, habe einseitig auf Differenzen gesetzt und das Gemeinsame, das Verbindende und das Solidarische verloren.

Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Suhrkamp, 480 S., geb., 28 €.

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