Anteilnahme, Vorteilsnahme

Uwe Kalbe über die peinlichen Versäumnisse nach dem Terrorakt

  • Von Uwe Kalbe
  • Lesedauer: 2 Min.
Die Markierung liegt wie ein Hieb im Pflaster des Berliner Breitscheidplatzes. Er ist eine Wunde, die diesen Namen verdient: Mahnmal. Eine Narbe im Gesicht des Platzes, ein Spalt, der den Schritt des Passanten unterbricht. An dieser Stelle hat ein irregeleiteter, fanatischer Mörder vor einem Jahr das Leben vieler ihm völlig unbekannter Menschen beendet, unterbrochen, zerrissen in ein Vorher und ein Nachher.

Nicht nur Kinder dürften dem Impuls folgen, den Riss in einem großen Schritt zu überwinden. Ihre Frage wird unausweichlich sein, was denn die goldene Linie zu bedeuten habe. Es wird nötig sein zu antworten. Und schwer. Und die Antworten werden sein wie die Menschen, die hier aus dem Tritt geraten. Verschieden.

Die meisten Erklärungsversuche werden hilflos bleiben. Das ist kein Makel. Diejenigen, die von Berufs wegen für so etwas zuständig sind, haben es auch nicht besser gemacht. Dies zeigen die Offenbarungen, die den Umgang der Behörden mit den Fall Anis Amri betreffen, als die Tat noch zu verhindern gewesen wäre. Und der Offenbarungseid, dass dem Versagen das Vertuschen folgte.

Es traten alle üblichen Mechanismen des Selbstschutzes in Kraft, die die Bürokratie in solchen Fällen zu entwickeln in der Lage ist. Mechanismen, über die die Opfer nicht verfügen. Sie, die Hinterbliebenen, beklagen, dass zu ihrem Verlust und ihrer Ohnmacht das Gefühl kam, nicht angemessen behandelt worden zu sein. Das hat der Opferbeauftragte gesagt, dessen Amt doch eigens eingerichtet wurde, ein solches Gefühl zu vermeiden.

Die Klage der Opfer und ihrer Angehörigen zeichnet eine weitere Kluft, die man im Riss auf dem Breitscheidplatz erkennen kann - zwischen zelebriertem Mitleid, öffentlich bekundetem Anspruch auf Solidarität und realer staatlicher Hilfe, die hinter diesem Anspruch zurückblieb. Ein Riss zwischen Anteilnahme und Vorteilsnahme. Billiger Mehrwert, der sich in politischer Münze auszahlt. Die ersten Reaktionen nach dem Entsetzen waren Kriegserklärungen: Unerbittlichkeitsbekundungen, angekündigte Gesetzesverschärfungen, Generalverdächtigung gegenüber Flüchtlingen und/oder Muslimen. Politikroutinen dies alles - wie das Verschleppen realer Hilfe. Nach einem Jahr sind offene Entschädigungen immer noch Thema. Und nach einem Jahr nun endlich ein Treffen mit Mutti!

Mit der Einweihung des Mahnmals ist die Entscheidung nicht gefallen über seine Deutung. Die Gefahr ist nicht abwegig, dass Scharfmacher hier eine Mensur herbeireden, einen Schmiss im Krieg gegen den Terror erkennen. Die viel beschworene Freiheit hat im Ringen mit der Sicherheit nach dem 19. Dezember 2016 weitere bedenkliche Risse erfahren. Und unter jedem von ihnen gähnt ein Abgrund.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung